Netflix

Neuanfang auf Jiddisch

Die neue Miniserie Unorthodox bietet Szenen, die einem wie Fischgräten im Halse stecken bleiben. Zum Beispiel diese hier: Berlin, heute. Ein Mann zerrt eine Frau auf einen Spielplatz und erzählt ihr, dass hier vor dem Krieg ein Haus gestanden habe, in dem eine jüdische Familie lebte. Und weil das hier Deutschland ist, sind beide weg, die Familie und das Haus. Und die innere und äußere Brache wurde mit einem Spielplatz versiegelt.

Oder diese hier: Hochsommer. Studenten rennen glücklich kreischend in den Wannsee. Ein junger Mann sagt zu einer jungen Frau: »Siehst du die Villa da drüben? Da haben die Nazis 1942 die Ermordung der Juden Europas beschlossen.« Sie schaut ihn fassungslos an und fragt: »Und ihr geht hier schwimmen?« Er: »Da kann der See doch nichts für.«

BERLIN Man sollte meinen, dass die Verfilmung von Unorthodox, dem weltweit erfolgreichen autobiografischen Roman von Deborah Feldman, von der Unterdrückung einer jungen Frau in einer jüdisch-ultraorthodoxen Gemeinschaft in Brooklyn erzählt, von Flucht und Emanzipation in New York. Nicht so in Unorthodox, der neuen, vierteiligen Miniserie auf Netflix, entwickelt und geschrieben von Anna Winger (Deutschland 83) und Alexa Karolinski (Oma & Bella) und inszeniert von Maria Schrader (Vor der Morgenröte).

Die Enkel derer, denen die Flucht vor den Nazis gelang, kehren nach Deutschland zurück.

Hier führt die Flucht die junge Frau direkt nach Berlin. Hat die reale Feldman zuerst versucht, in New York ein neues Leben zu finden, bevor sie später nach Deutschland kam, so wagt Serienheldin Esty den brutalstmöglichen Sprung und verpasst der Geschichte eine beeindruckende Fallhöhe.

So wird das verfilmte Unorthodox mal eben zum Sinnbild für die so aktuelle Umkehr der Geschichte. Die Enkel derer, denen die Flucht vor den Nazis gelang, die Nachkommen derer, die die Camps überlebten und überall in der Welt ein neues Leben beginnen mussten, kommen zurück. Ausgerechnet nach Deutschland.

»Alexa, Deborah und ich sprechen schon lange darüber, wie es ist, als Jüdinnen in Deutschland zu leben, was diese Umkehr der Geschichte im aktuellen jüdischen Leben bedeutet. Das sollte auch Thema in der Serie sein, und deshalb war schnell klar, dass sie in Berlin spielen sollte«, sagt Anna Winger im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.

TRAUMA Natürlich treibt der Selbstfindungsprozess der Heldin die Geschichte an, ihr verzweifelter Versuch, ein gutes Mitglied der Satmar-Gemeinschaft zu sein, die Flucht, die neuen Freunde in Berlin, doch spielen sich immer wieder diese Geister der Geschichte in den Vordergrund, die in Berlin an jeder Ecke lauern.

»Ich glaube, nicht nur Menschen, auch Orte haben ein Trauma«, sagt Alexa Karolinski. »Nehmen Sie die Szene am Wannsee. Das sind Szenen, über die wir viel diskutiert haben. Wie macht man das Trauma sichtbar, wie bringt man die Bedeutung der Orte an die Oberfläche?«

Deborah Feldman habe mit den Änderungen übrigens keine Probleme gehabt, sagt Winger. »Sie vertraut uns, wir sind ja Freunde.« Und sie habe sowieso nichts mit der Entwicklung zu tun haben wollen, da sie gerade an einem neuen Roman schreibe. Doch sie habe das Set besucht, gleich zu Beginn des Drehs. »Es war wunderschön. Sie hat sich mit vielen Schauspielern richtig angefreundet«, sagt Winger.

Vergangenheit Dabei sei es auch zu Begegnungen mit der eigenen Vergangenheit gekommen, denn etwa zehn der Schauspieler kamen selbst aus der Satmar-Gemeinschaft. Schließlich habe Feldman sogar eine Cousine getroffen, die sie vorher nicht kannte. »Es gab verrückte und berührende Szenen am Set«, erzählt Winger, die Unorthodox auch produziert hat.

Für einen der Schauspieler sei die Arbeit besonders persönlich geworden, berichtet Karolinski. Jeff Wilbusch, bekannt aus der erfolgreichen Serie Bad Banks, spielt Moishe, den die Satmar-Gemeinschaft zusammen mit Estys Ehemann Yanky nach Berlin schickt, um die Abtrünnige zurückzuholen.

Wilbusch selbst hat einst sein Leben in einer ultraorthodoxen Gemeinschaft in Jerusalem hinter sich gelassen. Sein Moishe ist ein getriebener, ambivalenter Charakter, der Drogen nimmt, spielt und Yanky ins Bordell schleppt, sich seinem Glauben aber trotzdem verpflichtet fühlt.

ZWEIFEL »Während unserer Recherchen in New York haben wir gemerkt, wie viele Menschen zwischen den Welten leben. Sie sind Teil der Gemeinschaft, gehen aber heimlich in Klubs und Bars«, erzählt Karolinski.

»Das Leben dort ist nicht so schwarz-weiß, wie man denken könnte. Deshalb war die Figur des Moishe wichtig für uns. Das Leben in der Gemeinschaft lässt eigentlich keinen Zweifel am Glauben zu. Aber was, wenn du ihn hast? Und auf der anderen Seite ist da diese beängstigende sogenannte freie Welt ohne jede Anleitung, wie man sein Leben zu leben hat.«

Der unangefochtene Star der Serie ist die Sprache. Alle Szenen in Brooklyn sind auf Jiddisch.

Und natürlich ist die Miniserie der große Auftritt für Shira Haas, die voller Intensität die Hauptrolle stemmt. Die 24-jährige Israelin dürften viele bereits aus der anderen bekannten Netflix-Serie über ultraorthodoxe Lebenswelten kennen: Shtisel. Da spielte sie den so ganz anders aufmüpfigen Teenager Ruchami.

Der unangefochtene Star von Unorthodox ist allerdings die Sprache. Alle Szenen in Brooklyn und zwischen Esty, Moishe und Yanky sind in Jiddisch. Es heißt, dies sei die erste deutsche Produktion dieser Art nach dem Krieg. Also ein Neuanfang. Da zieht die Sprache mit der Geschichte der Heldin gleich, die in Berlin nach einer neuen Gemeinschaft sucht. Und so schließt sich der Kreis.

»Unorthodox«, ab 26. März auf Netflix

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