Standpunkt

Nächstes Jahr nicht in Jerusalem

Weltbild: Muss sich für Juden immer alles nur um Israel drehen? Foto: Frank Albinus

Es ist mehr als vierzig Jahre her, dass ich, ein 1947 in der Schweiz geborener, im westlichen Nachkriegsdeutschland aufgewachsener Jude, meinen Versuch, Israeli zu werden – damals hieß das »auf Alija gehen« – abgebrochen habe und nach Deutschland zurückgekehrt bin. Die Gründe waren vielfältiger Natur: partielles Versagen im hebräischsprachigen Studium, chronischer Geldmangel sowie die frühe Ahnung, dass die damals beginnende Besiedlung des Westjordanlandes der Weg ins Verderben sein werde. Das alles war von einem Gefühl tiefer Enttäuschung grundiert: Der real existierende Staat Israel hatte nur wenig oder nichts mit jenem romantischen Gemeinwesen zu tun, dessen Bild mich als jugendbewegten Zionisten in der ZJD über die Tristesse eines depressiven Elternhauses und einen grauen westdeutschen Alltag gerettet hatte.

distanz Jugendliche neigen zum Radikalismus, und so wurde auch ich zunächst vom glühenden Zionisten zum glühenden Antizionisten. Derweil dünnten sich die realen Beziehungen nach Israel aus: Ich habe dort noch ein, zwei Freundinnen und Freunde; der Rest meiner seinerzeit in Israel lebenden Familie, mit der ich ohnehin nur spärlichen Kontakt hatte, ist vor mehr als zwanzig Jahren in die USA ausgewandert. Das konnte nicht ohne Folgen bleiben: Mein emotionaler Bezug zu Israel hat sich deutlich abgekühlt, politisch sehe ich mich heute als »Postzionisten« und überzeugten Diasporajuden. Indem ich mich um ein bewusst geführtes jüdisches Leben bemühe, ist es mir unmöglich, die Fragen nach Zionismus, Israel und ihrer möglichen Beziehung zur Schoa auf sich beruhen zu lassen. Gefühle, starke oder schwache, sind wichtig, dennoch führt nichts an dem Versuch vorbei, mir über die in sie verflochtenen Überzeugungen auch systematisch Rechenschaft abzulegen. Ich bin aufgrund historischer Studien zu der Überzeugung gekommen, dass der Staat Israel keine Folge der Schoa ist und auch nicht so früh hätte gegründet werden können, um sie zu verhindern oder ihr wenigstens massenhaft zu entfliehen. Der Staat Israel ist daher mehrheitlich auch nicht der Staat der Überlebenden des Holocaust. Wer die Frage des Staates Israel und seiner Haltung etwa zu den Palästinensern unter diesem Aspekt betrachtet, liegt von vorneherein falsch. Auch persönlich stellt Israel für mich keine rettende letzte Option dar: Als deutscher und europäischer Bürger vertraue ich uneingeschränkt auf das demokratische Potenzial dieser Gesellschaft, und so nervt mich der europäische, bisweilen kirchliche, völkische und auch islamistische Antisemitismus zwar, bedroht fühle ich mich von ihm gleichwohl nicht. Als Pädagoge und Publizist sehe ich es allerdings als meine professionelle Pflicht an, mich mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen. Eine faszinierende Herzensangelegenheit ist das aber seit Langem nicht mehr – es gibt wahrlich angenehmere, minder langweilige Themen.
fixierung Tatsächlich bedroht ist jedoch die jüdische und nichtjüdische Bevölkerung des Staates Israel und des Westjordanlandes. Ihr ist in Gestalt der islamofaschistischen Militärdiktatur Irans mit ihren Handlangern Hamas und Hisbollah ein mörderischer Feind entstanden. Als Jude muss man aus der Geschichte einfach gelernt haben, dass wahnsinnige Politiker, so sie das können, ihre Absichten auch umsetzen. Adolf Hitler jedenfalls hat es getan, und was einmal passiert ist, kann auch ein zweites Mal geschehen. In dieser – aber auch nur in dieser – Hinsicht kann es keine andere Haltung als die uneingeschränkte Solidarität mit dem von einem nuklearen Holocaust bedrohten Staat Israel geben. Das heißt umgekehrt jedoch nicht, dass ich zu bedingungsloser Unterstützung der jeder Vernunft spottenden Besatzungs- und Siedlungspolitik israelischer Regierungen gezwungen bin. Als Postzionist nehme ich zur Kenntnis, dass sich ein Teil der Juden im Staat Israel die politische Form einer souveränen Nation gegeben hat, die für ihre Politik selbst verantwortlich ist. Daher bin ich auch nicht –wie das etwa die »European Jews for a just peace« tun – aus jüdisch-moralischen Gründen gehalten, die Politik israelischer Regierungen immer wieder lauthals zu kritisieren. Man kann ja den Eindruck gewinnen, dass diese jüdischen Hypermoralisten das, was sie doch eigentlich bekämpfen, nur bestätigen. Mit jeder ihrer Aktionen machen sie deutlich, dass Israel und der Zionismus für sie das Zentrum des Judentums darstellen. Besonders unglaubwürdig wirkt diese Haltung übrigens dann, wenn sich das Judentum einiger, keineswegs aller Mitglieder dieser Bewegung darin erschöpft, die israelische Politik gegenüber den Palästinensern zu kritisieren. Ein Judentum, das sich entweder nur auf die Abwehr von Antisemitismus oder die Anklage israelischer Politik beschränkt, hat keinen inneren Halt und keine Zukunft.

autonomie Das verdammt Jüdinnen und Juden in der Diaspora keineswegs dazu, politische Neutren zu werden. Die Öffentlichkeit der globalisierten Welt konfrontiert uns mit zahllosen Herausforderungen: Genozide und Bürgerkriege, Repression und Menschenrechtsverletzungen, widersprüchliche Emanzipationsbewegungen und hoffnungsvolle Reformen lassen sich aus der Sicht unserer Geschichte und unseres Glaubens beurteilen; in manchen Fällen – das war für mich zuletzt der Genozid in Darfur oder die Repression im Iran – werden wir auch meinen, unsere Stimme erheben zu müssen und dafür auf die Straße zu gehen. Das kann dann durchaus auch einmal für oder gegen die israelische Politik oder sogar zugunsten der Palästinenser sein. Auf jeden Fall: Weder kann es für Jüdinnen und Juden einen Automatismus zur Solidarität mit israelischer Regierungspolitik noch eine jüdisch-moralische Verpflichtung zur Kritik an der – jedenfalls meiner Meinung nach – idiotischen Politik der Regierung Netanjahu geben. Als Jude, als deutscher und europäischer Bürger bin ich frei, die Verhältnisse in anderen Weltgegenden nach meinen eigenen moralischen Kriterien und den Interessen des Landes, dessen Bürger ich bin, zu beurteilen. Dass diese Urteile in einer demokratischen Gesellschaft einander widerstreiten, ist selbstverständlich. Es ist daher zu hoffen, dass sich bei Juden wie Nichtjuden endlich die Einsicht durchsetzt, daß wir als pluralistische jüdische Gemeinschaft in Deutschland keine Auslandsisraelis sind; dass wir zwar in vielen Fällen verwandtschaftliche, historische und auch religiöse Bindungen an Land und Staat Israel haben, wir aber deshalb weder besonders zuständig noch gar verantwortlich für die israelische Politik sind. Jedenfalls nicht zuständiger als für Darfur, Iran, Tibet oder den Regenwald am Amazonas. An der befremdlichen, sogar schmerzlichen Einsicht, dass für Wohl und Wehe der israelischen Juden – mit Ausnahme der iranischen Bedrohung! – in letzter Instanz einzig sie selbst verantwortlich sind, führt leider kein Weg vorbei.

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  30.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  29.10.2026

Auszeichnung

Shimon-Peres-Preis für deutsch-israelische Projekte

Für einen Dialog in Krisenzeiten werden jetzt zwei deutsch-israelische Projekte ausgezeichnet. Der Preis erinnert an den Friedensnobelpreisträger und israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres

 29.10.2026

Kulturkolumne

Tikkun Olam am Abend

Das Geheimnis der Waldschnepfe

von Sophie Albers Ben Chamo  29.10.2026

Tel Aviv

Gal Gadot will mit ihrer Familie nach Israel zurückkehren

Die Hintergründe

 29.10.2026