Meinung

Nächster Halt Teheran?

Die ultraorthodoxe Minderheit ist größer, selbstbewusster und aggressiver geworden: Demonstration gegen Säkulare im Jerusalemer Stadtteil Mea Schearim Foto: Flash 90

Ich bin gebürtiger Jerusalemer, Jahrgang 1943. Meine Familie war religiös in der Tradition der aufgeklärten deutschen Neoorthodoxie, aber zionistisch. Die Haredim (»Gottesfürchtige«) waren uns fremder als die säkularen Juden, denn sie lehnten Israel als »Ketzerstaat« ab.

Und sie scheuten auch nicht Gewaltanwendung, wenn es »zur Sache« ging und sie zum Beispiel für die Einhaltung der Schabbatregeln stritten. Die Kluft zwischen ultraorthodoxen Haredim und den anderen in Israel lebenden Juden ist also so alt wie der Staat, ja sogar älter.

demografie Allerdings hat sich in den vergangenen 60 Jahren vieles geändert. Erstens die Demografie: Die ultraorthodoxe Minderheit ist zahlenmäßig größer geworden, in Jerusalem ist sie mittlerweile in der Mehrheit. Zweitens ist sie immer selbstbewusster und aggressiver geworden.

Hinzu kommt, dass die Haredim, soweit sie überhaupt in der Knesset vertreten waren, sich bis 1977 stets in der Opposition befanden. Seitdem sind sie aber Teil jeder Regierungskoalition und bestimmen die israelische Politik mit. Ein Beispiel: Die Tatsache, dass der Anteil der ultraorthodoxen Bewohner der jetzt in aller Welt bekannt gewordene Stadt Beit Schemesch so anstieg, ist dadurch zu erklären, dass das Bauministerium, seit Langem von Ministern der ultraorthodoxen Parteien geleitet, es in seiner Stadtplanung so bestimmt hat. Und Beit Schemesch ist kein Einzelfall.

Damit verbunden ist eine weitere paradoxe Entwicklung. Anstatt wie früher gegen den zionistischen Staat zu sein, sind die meisten Haredim heute rechtsgerichtete Nationalisten geworden. In den besetzten Gebieten wurden Siedlungen exklusiv für Haredim geschaffen.

Parole Es ist die Mehrheit der Haredim, die die israelische Gesellschaft herausfordert, nicht die radikale Minderheit. Den Staat, den sie mitverwalten, möchten sie in eine Theokratie verwandeln. Diese Absicht ist heute aussichtsreicher als je zuvor, weil auch die angeblich säkulare Mehrheit der israelischen Juden die Parole vom jüdischen Staat aufgegriffen hat und dabei den Begriff »jüdisch« religiös auslegt.

Da die nichtharedische Mehrheit auch davon ausgeht, dass religiöse Werte höher einzustufen sind als säkulare Werte – wie Liberalismus, Demokratie und Pluralismus –, ist man den Forderungen der Haredim gegenüber nachgiebiger.

Es gehört auch zur Strategie der Haredim und ihrer jetzigen Alliierten, den Nationalreligiösen, sich in den staatstragenden Institutionen Machtpositionen zu verschaffen. Am deutlichsten zeigt sich diese Strategie beim Militär. Lange Zeit waren Wehrdienst und Ultraorthodoxe wie Feuer und Wasser. Da aber die Zahal als Volksarmee für die Haredim eine besondere Art Wehrdienst eingeführt hatte, öffnete sich das Tor für ihre »Religionisierung«.

Militärrabbiner feuerten die Soldaten beispielsweise an, als 2009 der Gazakrieg begann. Kein Wunder also, dass heutzutage das Militär große Probleme mit der Anwesenheit von Soldatinnen in den eigenen Reihen bekommt – Haredim und die von ihnen beeinflussten religiösen Soldaten verlangen die Exklusion von Frauen. So heißt es nun zum Beispiel, dass die weiblichen Stimmen eines Chores angeblich die Seelen der religiösen Soldaten verletzen.

radikal Es gibt darüber hinaus die kleine, radikale Gruppe der Haredim, die immer noch antizionistisch sind und nie zum Militär gehen werden. Diese Gruppe organisierte unlängst eine provokative Demonstration gegen die angebliche »Verfolgung« der Haredim, an der Kinder in KZ-Häftlingskleidung und mit dem gelben Stern teilnahmen. Aber auch das ist nicht neu: Weil sie eben den Staat Israel ablehnen, ignorieren sie demonstrativ sogar die Rituale des Holocaust-Gedenkens wie den Jom Haschoa, weil sie vom »zionistischen Ketzerstaat« verordnet sind.

Diese Radikalen sind jedoch nicht das eigentliche Problem, und der Aufschrei gegen sie, auch von Premier Netanjahu und vielen Ministern, hat nur eine Alibifunktion. Denn solange die Haredim, die nicht zu dieser extremen Gruppe gehören, die politischen Geschicke des Staates mitbestimmen und der Regierungschef sich keine Alternative zur Zusammenarbeit mit ihnen vorstellen kann, sind auch die deutlichen Worte gegen den Missbrauch der Symbole der Schoa oder die Exklusion von Frauen im öffentlichen Raum nicht wirklich ernst zu nehmen.

Die Haredim entnehmen diesen Reaktionen nur, wo momentan die Schmerzgrenze der israelischen Gesellschaft liegt. Solange aber die »religiösen Werte« – das heißt de facto: der fundamentalistische Zugang zur Religion – entscheiden, ist die Entwicklung unaufhaltsam: Religion wird mit Fundamentalismus verwechselt, der Slogan vom »jüdischen Staat« orthodox ausgelegt und die kinderreiche haredische Gesellschaft immer größer.

Der Vormarsch der Haredim ist ein Prozess, der vor langer Zeit begonnen hat und dessen weitere Radikalisierung unaufhaltbar zu sein scheint. Am Ende könnte einErgebnis stehen, das an den Iran erinnert.

Moshe Zimmermann ist Professor für deutsche Geschichte und Direktor des »Richard Koebner Center for German History« an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Meinung

Warum Erwin Rommel kein Vorbild für die Bundeswehr sein kann

Der Mythos vom ritterlichen »Wüstenfuchs« überlagert bis heute die wahre Geschichte hinter dem Nazi-General. Umso dringender ist eine Beschäftigung mit seiner Biografie

von Benjamin Ortmeyer  07.05.2026

Kino

Historiendrama: »Andor Hirsch« - Ein jüdischer Junge im Nachkriegs-Ungarn

»Andor Hirsch« ist ein Historiendrama um einen jüdischen Jungen, der im Ungarn der 1950er Jahre mitten in den Nachwehen des gescheiterten Volksaufstands in eine Identitätskrise gerät - als er erfährt, wer sein Vater ist

von Kira Taszman  07.05.2026

Zahl der Woche

60 bis 75 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 07.05.2026

Satire

Wie die Jüdische Allgemeine in 80 Jahren entsteht

Die KI braucht keinen Urlaub und macht nie Fehler: Eine Vorausschau

von Ralf Balke  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 19 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Presse

Laut und deutlich

Jüdische Zeitungen verstanden sich stets als Stimme ihrer Leserschaft. Daran hat sich auch in Deutschland bis heute wenig geändert

von Philipp Lenhard  07.05.2026

Presse

Stimme des Neubeginns

Anfang 1946 kehrten Karl und Lilli Marx aus dem britischen Exil nach Deutschland zurück und übernahmen in Düsseldorf die Herausgeberschaft eines jüdischen Gemeindeblattes. Im Laufe der Jahre ging daraus die Jüdische Allgemeine hervor. Porträt eines Vermittlerpaares

von Ralf Balke  07.05.2026

Zeitungsproduktion

Mit Papier, Schere und Klebestift

Texte kamen per Fax, Manuskripte per Post. Unsere ehemalige Kollegin erinnert sich, wie früher die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung gemacht wurde

von Heide Sobotka  07.05.2026

Essay

Herzenstexte auf gedrucktem Papier

Unsere Autorin begann beim Fernsehen, war lange Zeit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und schreibt heute für die Jüdische Allgemeine. Eine Liebeserklärung

von Maria Ossowski  07.05.2026