Berlinale

Nachdenken über Siri Hustvedt

Das »Steilneset« im äußersten Nordosten Norwegens, in Vardø, einem kleinen Ort am Polarkreis, ist ein langer, schmaler Gang aus Holz. Er ist dunkel. Draußen weht der Wind von der nahen Barentsee, innen flackern Lampen, die den schlichten Gedenkort aufzuhellen versuchen. Aber er bleibt schummerig, er bleibt düster. Das Holz knarrt beim Durchgehen.

An den Wänden aus Stoff hängen Todesurteile – für 77 Frauen und 14 Männer. Sie alle wurden bei Hexenprozessen im Jahr 1691 ermordet. »Weil sie getrunken und mit dem Teufel getanzt hat«, flüstert Siri Hustvedt beim Blick auf eine der »Urteilsbegründungen«, dann geht sie weiter. Wenn sie das »Steilneset Memorial« verlassen wird, wenn sie in dem Glaspavillon und in der Feuerstuhl-Installation von Louise Bourgeois stehen wird, dann ist das nur einer von vielen leisen, aber kraftvollen Momenten des Films Dance Around the Self

Paul Auster war Siri Hustvedts »Lebensmensch«

Der fast zweistündige Dokumentarfilm von Sabine Lidl über die Schriftstellerin Siri Hustvedt, der am Freitagabend auf der Berlinale gezeigt wurde, ist ein Film zum Umarmen, zum Nachdenken, Staunen, ein Film über die Kraft, das Schreiben und die eigene Kreativität von Frauen. Es ist aber auch ein Film über die ehrliche Freundschaft und die tiefe Liebe zu einem Mann. Hustvedt nannte ihn ihren »Lebensmensch« – Paul Auster. 

Paul Auster und Siri Hustvedt (Foto: Medea Film Factory)

Über diesen Lebensmensch hat Regisseurin Sabine Lidl bereits 2019 eine Dokumentation (Paul Auster - Was wäre wenn) gedreht, die so einfühlsam und offen war, dass es wirkte, als säße der Zuschauer selbst neben Auster auf dem Sofa.

Diese Nähe schafft auch Dance Around the Self. Mit biografischen Informationen, Leseschnipseln, Zeichnungen, Briefen und Videos ist es eine Reise in und durch das Leben Hustvedts, die 1955 in Northfield, einer kleinen Stadt im Bundesstaat Minnesota zur Welt kam. Die älteste von insgesamt vier Schwestern fing früh an zu zeichnen, liebte Bibliotheken, war gelangweilt vom amerikanischen Schulunterricht und entschloss sich, als Teenagerin für ein Jahr in eine Schule in Norwegen zu gehen. Ein Jahr, das Hustvedt als eines ihrer glücklichsten in Erinnerung behalten wird. In Island dann der Entschluss, Schriftstellerin zu werden. Sie geht nach New York, studiert und promoviert.

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Und der Rest ist Geschichte, sind Geschichten: Die unsichtbare Frau, Die Verzauberung der Lily Dahl, Was ich liebte – viele weitere Romane, Essays, die Hustvedt international bekannt machten. Es ist ihre eigene Sprache, es sind ihre eigenen Rhythmen, mit denen sie erzählt. Und: Es sind vor allem ihre Geschichten.

Regisseurin Sabine Lidl (Foto: Christine Fenzl)Foto: Christine Fenzl www.christinefenzl.com

Oft sei sie, erzählt sie in Dance Around the Self, gefragt worden, ob ihre Romane auf wirklich Erlebtem basierten. Das habe sie immer gestört; als ob Frauen nicht zugetraut würde, sich selbst Figuren, Handlungsstränge und Stimmungen auszudenken. Als ob ihnen Kreativität abgesprochen werde.

Kunst von Frauen wird anders bewertet

Siri Hustvedt hält mit ihrem Schreiben dagegen. Sie gibt Frauen eine Stimme, die sich in einer männlich dominierten Welt durchsetzen mussten, deren Kunst, Wissenschaft und Gedanken nur deswegen anders gesehen wurden, weil sie Frauen waren. Wie zum Beispiel die Universalgelehrte Lady Margaret Cavendish, die im 17. Jahrhundert als eine der ersten Frauen unter eigenen Namen veröffentlichte.

Von Frauen wie Cavendish oder Künstlerinnen wie Louise Bourgeois, die nicht zuletzt mit ihren riesigen Spinnenplastiken, ihren »Maman«, Aufsehen erregte, erzählt Dance Around the Self. Bourgeois war es auch, die nur wenige Meter neben dem »Steilneset« des Schweizer Architekten Peter Zumthor ihre letzte Installation schuf. Ein Stuhl mit Gasflammen, der sich in sieben ovalen Spiegeln spiegelt, die wiederum um den Stuhl befestigt sind. Siri Hustvedt blickt in die Spiegel, sie ist allein an diesem Ort im äußersten Nordosten Norwegens – aber nur in diesem Moment.

Dance Around the Self – diese Ode an Hustvedt, an das Schreiben, an die Liebe zweier Menschen wird am 2. April in die Kinos kommen. Der Film ist ein Liebesbrief, mit der Hand geschrieben, mit Zeit, mit vollem Herzen. Vielleicht auf herausgerissenem Papier, aber das macht ihn umso schöner.

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