Kunst

Von Guggenheim bis Geffen

Peggy Guggenheim zwischen frühen Bildern von Jackson Pollock in ihrem Kunstmuseum in Venedig (1979) Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Kunstsammler sind wohl die unbeliebtesten Akteure der Kunstwelt. Sie gehören einer äußerst privilegierten Gruppe an, nehmen nicht aktiv an künstlerischen Prozessen teil, sondern suchen sich nach Belieben Kunstwerke aus, kaufen sie auf und werden durch deren steigenden Wert noch reicher. Auch wenn ihre Namen Museumsgebäude zieren, wird ihnen nicht selten Preistreiberei und Geldwäsche in Verbindung mit dem Kunsterwerb vorgeworfen. Trotz all dieser teils sehr validen Einwände haben Kunstsammler viel mehr positiven Einfluss auf unsere Kultur, als man ihnen zugestehen will.

Ohne sehr großzügige Kunstsammler wären viele Künstler vielleicht nie berühmt geworden – so wie Jackson Pollock, der von Peggy Guggenheim entdeckt und dank ihrer Schirmherrschaft zu einem der wichtigsten amerikanischen Vertreter der Moderne wurde. Ohne Kunstmäzene gäbe es einige der außerordentlichsten Museen der Welt nicht, wie das »Isabella Stewart Gardner Museum« in Boston, die »Frick Collection« in New York oder die »Peggy Guggenheim Collection« in Venedig. Nicht umsonst sagte Guggenheim in einem Interview Mitte der 70er-Jahre: »I am not a collector, I am a museum.« Ihr 1951 initiiertes Museum ist heute nach dem Dogenpalast die am zweithäufigsten besuchte kulturelle Einrichtung in der Lagunenstadt.

Viele der bekanntesten westlichen Kunstsammler sind jüdisch. Peggy Guggenheim beispielsweise prägte das 20. Jahrhundert wie keine andere Mäzenin. Vergleichbar mit ihrem kulturellen Einfluss ist vielleicht noch die Literatin und Kunstsammlerin Gertrude Stein, ebenfalls jüdisch-amerikanischer Abstammung. Beide Frauen kamen aus wohlhabenden Verhältnissen, hatten kunstaffine Familienmitglieder und zogen in jungen Jahren nach Paris. Heute führen viele erfolgreiche Juden die Tradition des Kunstsammelns fort, jedoch nicht in Europa, sondern in den USA.

Die US-Kunstzeitschrift »ARTnews« kürt jährlich ihre »Top 200 Collectors«

Die US-Kunstzeitschrift »ARTnews« kürt jährlich ihre »Top 200 Collectors«. Diese Listen strotzen vor jüdischen Namen. Regelmäßig weit oben stehen Leon Black, Private-Equity-Investor, der dem Dartmouth College ein neues Zentrum für visuelle Kunst finanzierte und eine der vier Versionen des Gemäldes »Der Schrei« von Edvard Munch besitzt; Steve A. Cohen, Inhaber des »New York Mets« Baseball-Teams mit einer Kunstkollektion im Wert von geschätzt einer Milliarde Dollar; oder Ronald Lauder, Sohn von Estée, der berühmten Kosmetik-Gründerin, der 2001 mit seinem mittlerweile verstorbenen Freund Serge Sabarsky das Museum »Neue Galerie New York« eröffnete, das der deutschen und österreichischen Kunst des frühen 20. Jahrhunderts gewidmet ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Kunstwelt nachhaltig. Ihr Monopol verschob sich in die USA, wohin zuvor schon viele europäische Künstler und Kunstsammler ausgewandert sowie wertvolle Kunstwerke und ganze Kunstkollektionen verkauft worden waren. New York löste Paris als Kunsthauptstadt ab, der Abstrakte Expressionismus mit seinen riesigen Leinwänden, die nur in New Yorker Lofts zu passen schienen, dominierte den Markt und populären Kunstgeschmack.

Jüdische Sammler spielten bei dieser Evolution eine wichtige Rolle: Während des Zweiten Weltkriegs lebte Peggy Guggenheim wieder in New York; dort betrieb sie von 1942 bis 1947 die Galerie »Art of This Century«, in der sowohl etablierte europäische als auch aufstrebende amerikanische Künstler, darunter Pollock, ausgestellt wurden.

Ben Heller, Robert und Ethel Scull prägten die New Yorker Kunstszene nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Immobilienmagnat Ben Heller zeigte in den 50er-Jahren seine Meisterwerke der sogenannten New York School von Pollock, Willem de Kooning, Mark Rothko und anderen und machte sein Luxusapartment in Manhattan zur Kunstgalerie.

Die Eheleute und Kunstsammler Robert und Ethel Scull hatten wegen ihrer Vorliebe für Pop Art in New Yorker Kunstkreisen den Spitznamen »Mom and Pop of Pop«; das Porträt »Ethel Scull 36 Times« von 1963 war Andy Warhols erste Auftragsarbeit.

Dies sind nur drei Beispiele von vielen, in denen jüdische Kunstsammler die New Yorker Kunstszene der Nachkriegsjahre prägten. Heller, so schreibt der Journalist Tom McIlroy in der »Australian Financial Review«, ist außerdem verantwortlich, »for putting the Australian art scene on the map«, also dafür, die australische Kunstszene durch seinen Verkauf von Pollocks berühmtem Werk »Blue Poles« an die »National Gallery of Australia« in Canberra im Jahr 1973 weltweit bekannt gemacht zu haben.

Philanthropie und Mäzenatentum haben immer auch Schattenseiten.

Nach New York stiegen weitere US-Großstädte in den Olymp der Kunstmetropolen auf. Das mittlerweile verstorbene jüdische Ehepaar Eli und Edythe Broad zählt zu den wichtigsten Philanthropen von Los Angeles, die Vermögenswerte ihrer Stiftungen werden auf 2,5 Milliarden geschätzt. Das Museum »The Broad« in Los Angeles zeigt Kunstwerke aus der persönlichen Sammlung des Paares, vornehmlich zeitgenössische Werke von Jean-Michel Basquiat, Barbara Kruger, Jeff Koons und anderen.

In Los Angeles wurde diesen Frühling ein dem jüdischen Medienmogul und Kunstsammler David Geffen gewidmetes Gebäude als Teil des »Los Angeles County Museum of Art« enthüllt. Benannt wurde es nach ihm, weil er 150 Millionen Dollar für den Bau des Gebäudes spendete, die größte Spendensumme eines Einzelnen in der Geschichte des Museums.

In Miami gründeten die Eheleute Mera und Don Rubell 1993 das »Rubell Museum«, das eine der größten privaten Sammlungen zeitgenössischer Kunst weltweit beherbergt. Das Paar trug durch Lobbyarbeit maßgeblich dazu bei, dass ab 2002 ein Ableger der berühmten Kunstmesse Art Basel in Miami Beach etabliert wurde. Im Jahr 2022 wurde eine zweite Filiale des Rubell Museum in Washington, D.C. eröffnet. Man kann es so zusammenfassen: Der US-Kunstmarkt, der größte und wichtigste der Welt, hat einen beachtlichen Beitrag von jüdisch-amerikanischen Kunstsammlern zu verbuchen.

Philanthropie und Mäzenatentum haben immer auch Schattenseiten. Die syrisch-jüdischen Kunsthändler und Brüder Nahmad aus Monaco sind vor allem für die größte private Kollektion von Pablo Picasso bekannt, die rund 300 Werke umfasst. Die Milliardärsfamilie geriet des Öfteren in die Schlagzeilen – unter anderem aufgrund ihres Netzwerks an Offshore-Unternehmen und wegen des unrechtmäßigen Besitzes eines Modigliani-Gemäldes.

Leon Black und Steve A. Cohen sowie die Sackler-Familie waren in Skandale verwickelt

Auch die amerikanischen Sammler Leon Black und Steve A. Cohen sind für Kontroversen bekannt: Black hatte enge Kontakte zu Jeffrey Epstein und war mit Vergewaltigungsvorwürfen von Frauen konfrontiert, Cohen war in eine Insiderhandel-Affäre verwickelt. Der größte Kunstwelt-Skandal der vergangenen Jahre wurde aber zweifelsohne von der Sackler-Familie verursacht. Als Ende der 2010er immer mehr ans Licht kam, wie sehr die Familie mit ihrem Purdue-Pharmaunternehmen für die Ausmaße der Opioid-Krise verantwortlich war, haben kulturelle Einrichtungen weltweit den Namen »Sackler« aus ihren Ausstellungsräumen und Gebäuden entfernt.

Es gibt Beispiele von Sammlern, die nur von Kunstliebe und Selbst­losigkeit zeugen – wie Dorothy und Herbert Vogel.

Diese Art von ruchlosem Verhalten in Verbindung mit dem Mäzenatentum ist nichts Neues. Die Medici in der Renaissance oder die großen Kunstförderer der USA des 19. Jahrhunderts wie J.P. Morgan oder die Vanderbilts nutzten die Patronage unter anderem dazu, ihr Image aufzubessern und von illegalen oder amoralischen Aktivitäten abzulenken. Die Exklusivität des Kunstmarktes, verbunden mit exorbitanten Preisen von Kunstwerken, ziehen Machthunger, Korruption und manchmal auch Schlimmeres an.

Und dann gibt es Beispiele von Sammlern, die nur von Kunstliebe und Selbst­losigkeit zeugen. Dorothy und Herbert Vogel sind zweifelsfrei die ärmsten Kunstsammler in diesem Kontext: Herbert war Postangestellter, Dorothy Bibliothekarin, und trotzdem schaffte es das Paar, jahrzehntelang Kunstwerke zu erwerben, die es 1992 der Washingtoner »National Gallery of Art« schenkte – 2400 Werke insgesamt, darunter Arbeiten von Roy Lichtenstein, Cindy Sherman und Christo. Ähnlich wie die Vogels kauften auch die Rubells Kunst auf, als sie in bescheidenen Verhältnissen lebten. Beide Paare wollten ihre Leidenschaft mit der Öffentlichkeit teilen.

Trotz Kriegen, Vertreibung und Holocaust ist das 20. Jahrhundert geprägt von jüdischem Mäzenatentum. Der Historiker Charles Dellheim beschreibt in seiner Monografie Belonging and Betrayal: How Jews Made the Art World Modern die Wurzeln des Modernismus als jüdisch. Aber auch die zeitgenössische Kunstwelt des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts kommt nicht ohne jüdische Kunstsammler aus. Die amerikanische Kunsthistorikerin Nancy Cohen Israel glaubt, dass gerade weil »viele von uns aus Familien stammen, die alles riskiert haben, um in dieses Land zu gelangen«, jener »Pioniergeist in vielen jüdischen Kunstsammlern« weiterlebe. Es wird spannend zu beobachten, wie sich die globale Kunstszene der nächsten Jahrzehnte entwickeln wird; aber die jüdischen Kunstsammler bleiben ihr sicherlich erhalten.

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