Heidelberg

Hüter des Gedächtnisses

Schatzkasten oder Baustelle – für Jens Hoppe ist das Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland beides zugleich. Seit August 2025 leitet der promovierte Historiker das Archiv, das zumeist aus der Zeit nach 1945 stammendes Schriftgut jüdischer Gemeinden, Verbände, Organisationen und Persönlichkeiten aufbewahrt. Seit knapp fünf Jahren ist das Zentralarchiv in einer ehemaligen Tabakfabrik unweit des Heidelberger Hauptbahnhofs ansässig. Zuvor war die 1987 gegründete, zum Zentralrat der Juden in Deutschland gehörende Einrichtung in der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg untergebracht.

Dass das Zentralarchiv als Gedächtnisspeicher jüdischen Lebens in Deutschland nach der Schoa kostbare Zeitzeugnisse birgt, war Hoppe bereits klar, bevor er im vergangenen Jahr die Nachfolge des Buchwissenschaftlers Ittai Joseph Tamari als Archivleiter antrat. (Tamari hatte die Aufgabe 2016 von Peter Honigmann übernommen.)

Denn über 20 Jahre lang war Hoppe zuvor bei der Claims Conference in Frankfurt am Main tätig. »Ich habe die Sachbearbeiter beraten, woher sie Informationen, Dokumente für die Bestätigung der Verfolgungsgeschichten bekommen«, so Hoppe. Auch habe er die Leitung unterstützt und an Vorgesprächen mit dem Bundes­finanzministerium teilgenommen.

Allein zum Zentralrat der Juden werden etwa 100 laufende Meter Akten aufbewahrt.

Zu seinen Aufgabenbereichen zählten zudem das Archiv zu Fragen der Zwangsarbeiterentschädigung und die Archivalien der Repräsentanten der Claims Conference. Der Großteil seiner Arbeit sei zum Schluss Routine gewesen, erinnert sich Hoppe. »Ich wollte definitiv etwas Neues machen.« In Heidelberg warteten tatsächlich einige Herausforderungen auf ihn. »Archive sind immer Baustellen, weil permanent etwas reinkommt und man immer an etwas arbeiten muss«, sagt der jugendlich und sportlich wirkende Mittfünfziger, als er durch die Archivräume führt.

Papierfressende Insekten lieben Versandkartons

Einige Veränderungen, die Hoppe angestoßen hat, sind technischer Natur. So wurden die Magazinräume unlängst mit Lichtschutz ausgestattet, was sich mit der Zeit als notwendig erwiesen hat. Neu sind auch Klebefallen zum Monitoring von Papierfischchen. Die papierfressenden Insekten seien momentan kein großes Problem, versichert Hoppe. Versandkartons seien jedoch ein Schlaraffenland für sie. »Deswegen kommen alle Kartons, die beim Zentralarchiv eingereicht werden, erst einmal in einen Quarantäne-Bereich.« Auch überführen Mitarbeiter die oft in Aktenordnern überlieferten Bestände sukzessive in spezielle Kartons. Metall schade den Archivalien ebenso wie die stehende Lagerung. In den Kartons seien sie außerdem vor Licht und Staub geschützt.

Die Bestände sind umfangreich. Allein zum Zentralrat der Juden in Deutschland werden in Heidelberg etwa 100 laufende Meter Akten aufbewahrt – beginnend mit dem Gründungsprotokoll aus dem Jahr 1950. Auch die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) sowie mehrere Landesverbände und knapp zwei Dutzend Gemeinden haben ihre Altakten ans Zentralarchiv abgeliefert. Hinzu kommen persönliche Vor- und Nachlässe, darunter etwa Manuskripte und Tonbänder des Journalisten Henryk M. Broder.

Kulturangebote und Soziales, Jugend- und Bildungsarbeit: Über die Archivalien lassen sich laut Hoppe unterschiedliche Facetten des Gemeindelebens nach der Schoa nachvollziehen. »Wir können auch einen Einblick geben, wie die jüdische Welt nach 1945 nach außen kommuniziert«, ergänzt er. Als Beispiel führt Hoppe Korrespondenzen mit Behörden und Ministerien an – aber auch Gemeindezeitungen, die wegen ihrer eingeschränkten öffentlichen Zugänglichkeit bei Nutzern und Forschern besonders gefragt seien.

Da das Zentralarchiv während der deutschen Teilung gegründet wurde, dominieren Bestände zum jüdischen Leben in der alten Bundesrepublik.

Auf Vollständigkeit ist das Zentralarchiv allerdings nicht ausgelegt. Zum einen besteht dort im Unterschied zu staatlichen Archiven keine Abgabepflicht. Die Archivierung ist ein Angebot, das auf individuellen Vereinbarungen basiert. Und da das Zentralarchiv während der deutschen Teilung gegründet wurde, dominieren darin Bestände zum jüdischen Leben in der alten Bundesrepublik. »Wir haben aus ostdeutschen Gemeinden sehr wenig«, sagt Hoppe. Die Archivakten des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR etwa liegen im Berliner Centrum Judaicum.

Die Digitalisierung des Zentralarchivs beschäftigt Jens Hoppe in doppelter Hinsicht

Die Digitalisierung des Zentralarchivs beschäftigt Jens Hoppe in doppelter Hinsicht. Zum einen gilt es, ausgewählte Papierbestände digital zugänglich zu machen. So hat sein Team mit der Erfassung von Friedhofsbelegungsplänen begonnen, die für Familienangehörige und Forscher von großem Belang sind.

Vorrang haben zudem Tonträger und audiovisuelle Medien, »weil sie physisch stärker gefährdet sind als das Papier«. Deren Digitalisierung habe unter seinem Vorgänger begonnen und werde fortgesetzt, sagt Hoppe. Voraussichtlich ab 2027 sollen auch Papierarchivalien digitalisiert werden – »vor allen Dingen erst einmal die ältesten, vor 1945 entstandenen Bestände«.

Hinzu kommt die Herausforderung, digitale Dateien und Datenträger zu archivieren und dauerhaft zugänglich zu halten. Hier gilt es, sowohl eine Software- als auch eine Hardware-Lösung zu finden. Bei Ersterem will Hoppe auf das vom Landesarchiv in Baden-Württemberg angebotene »DIMAG« (Digitales Magazin) zurückgreifen. Das Zentralarchiv habe dazu die ersten Gespräche geführt, auch mit einem Hardware-Anbieter sei man im Austausch.

Als Archivleiter führt Hoppe ein acht Mitarbeiter und vier studentische Hilfskräfte umfassendes Team. Er verstehe sich »wie ein Trainer, der mit Profis eine Mannschaft bildet und das beste Ergebnis erzielen möchte«. Er wolle Mitarbeiter, die sich einbringen, »und das klappt gut«. Gemeinsam mit seinem Team will Jens Hoppe die Nutzerfreundlichkeit des Zentralarchivs verbessern. Auch eine stärkere Vernetzung mit anderen Einrichtungen, wie etwa der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, ist dem Historiker ein Anliegen.

Seinen Lebensmittelpunkt hat Hoppe in Frankfurt am Main. Den Ausgleich zur Archivarbeit sucht er auf Bergtouren, aber auch bei Romanlektüre und Ausstellungsbesuchen. In der Frankfurter Sektion des Alpenvereins arbeitet er ehrenamtlich die Geschichte der Vereinigung im Übergang zum Nationalsozialismus auf. Ehrenamt sei für ihn wichtig, betont der aus einfachen Verhältnissen stammende Hoppe. »Mir hat die Gesellschaft ermöglicht, zu studieren und mich in alle Richtungen fortzuentwickeln.« Durch ehrenamtliches Engagement möchte er der Gemeinschaft etwas zurückgeben.

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