Schelmenroman

Montaigne im Arbeiter- und Bauernstaat

Günter Kunert Foto: Wallstein Verlag

Schelmenroman

Montaigne im Arbeiter- und Bauernstaat

Günter Kunert schenkt sich zum 90. Geburtstag ein wiedergefundenes Buch aus der DDR

von Wolf Scheller  24.03.2019 06:47 Uhr

Der Autor ist gerade 9o geworden und schenkt sich und seinen Lesern einen kleinen Roman, den er vor 45 Jahren geschrieben, damals in der DDR aus Vorsicht versteckt und erst kürzlich per Zufall im Keller wiedergefunden hat.

Nun liegt das Opus mit dem spröden Titel Die zweite Frau vor uns, und 30 Jahre nach dem Fall der Mauer lesen wir einen Schelmenroman über die Lebensumstände im einstigen »Paradies« der Arbeiter und Bauern als fulminante Realsatire.

DDR Es hätte schlimmer für Günter Kunert kommen können, als es ohnehin schon war, wenn er dieses Werk damals veröffentlicht hätte. Nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann 1979 war auch für Kunert, der wegen seiner jüdischen Herkunft in der Nazizeit als »wehrunwürdig« ausgemustert wurde und zahlreiche Verwandte im KZ verloren hatte, das Leben in der DDR unerträglich geworden.

Er zog mit seiner Frau Marianne nach Kaisborstel in der Nähe von Itzehoe. Hier fand er die Landschaft, die seiner Vorliebe für Autoren wie Michel de Montaigne oder Theodor Lessing entsprach. Auch wenn sie ihm nicht zur Heimat geworden ist. »Aber es ist mein Zuhause. Heimat, das ist so wie Konrad Lorenz’ Nest der Graugans.«

Hier fand er jedenfalls das Manuskript des von ihm längst vergessenen Romans, den er im Jahr 1976 abgeschlossen hatte. Das 200 Seiten schmale Buch handelt von Stasi-Trotteln, von Mangelwirtschaft, von Sex und Suff, von der lähmenden Tristesse im DDR-Alltag, verkümmerten Karrieren und der Suche nach privatem Glück.

INTERSHOP Barthold, ein frustrierter Akademiker mit einer geradezu manischen Leidenschaft für Montaigne, sucht für seine zänkische und eifersüchtige Frau Margarete Helene zum 40. Geburtstag ein Geschenk im Intershop, wo man allerdings nur mit Westgeld bezahlen kann. Aber in den »normalen« Geschäften gibt es nur, »was man weder sucht noch braucht«.

Die Groteske beginnt mit einem Albtraum, in dem Barthold – auf der Gartenliege ruhend – ausgerechnet Walter Ulbricht begegnet und vergeblich versucht, mit dem allgewaltigen SED-Chef ins Gespräch zu kommen. Unser Held tröstet sich über seine Lebensumstände auch mit Weisheiten hinweg, die aus irgendeinem Kalauerschatz stammen könnten: »Die Hälfte seines Lebens / wartet der Mensch vergebens!« Barthold sucht einen Arzt auf, klagt ihm sein Leid über Rheuma, Bandscheiben, Magen und Herz – vergeblich.

Beim Warten in der Schlange vor dem Intershop kommt Barthold mit einem Unbekannten ins Gespräch, zitiert seinen Lieblingsphilosophen Montaigne, was sein Gegenüber zu der Frage veranlasst, wer das denn sei. »Ach, nur ein alter Franzose«, lautet die lapidare Antwort.

STASI Daraufhin bekommt Barthold ein paar Tage später Besuch von den grauen Gestalten der Staatssicherheit. Die Stasi beschuldigt ihn, unerlaubten Kontakt zu einem Ausländer namens »Mohnteine« zu unterhalten. Alles Ungemach, das die Lebensumstände in der DDR begleitet, wird von Kunerts Sarkasmus zur Kenntlichkeit gebracht. Barthold dämmert die tiefe Wahrheit: »Es handelte sich um nicht mehr und nicht weniger als um die unheimliche Übereinstimmung des menschlichen Schicksals im Allgemeinen mit äußeren Umständen im Besonderen.«

Kunert, dessen Werk Gedichte, Kurzgeschichten und Essays, Märchen, Reiseskizzen, Drehbücher und Zeichnungen umfasst, zeigt mit diesem Roman die ganze frühe Meisterschaft seines aphoristischen Schreibens, das jenen für ihn so typischen, sarkastischen und selbstironischen Ton auf die Spitze treibt: frech und witzig, entlarvend und zugleich eine Warnung vor einer Verdunklung der Vernunft.

GROTESKE In einem seiner jüngsten Bücher, Die Umkehr, stellt Kunert sich selbst die Frage: »Warum schreiben Sie das alles, Herr Kunert? Auf Sie hört doch keiner.« Antwort: »Es gilt, das Denken in Bewegung zu halten, geistigen Stillstand zu vermeiden, um in der Auseinandersetzung mit der unsichtbaren Allgemeinheit, von der man nur die erste Silbe tilgen muss, ihren wahren Charakter zu entdecken.«

Kunert war gerade einmal 40, als er den Roman Die zweite Frau schrieb, am Ende wohl wissend, dass er in der DDR diesen Text keinem Verlag hätte anbieten können. Aber er ist sich in seinem Urteil treu geblieben: »Nichts stimmte. Das war eigentlich ein Leben in einer Groteske.«

Günter Kunert: »Die zweite Frau«. Wallstein, Göttingen 2019, 204 S., 2o €

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  04.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richer, Imanuel Marcus  04.04.2026

Michael Brenner

»Für die Nazis durfte es ›arische Juden‹ eigentlich nicht geben«

Der Historiker erforscht das Schicksal von Konvertiten in der NS-Zeit. Ein Gespräch über Menschen, die in keine Schublade passten

von Ayala Goldmann  04.04.2026