Imanuels Interpreten (2)

Milcho Leviev, der Bossa Nova und die Kommunisten

Milcho Leviev (1937 - 2019) Foto: Imanuel Marcus

Im Jahr 1982 war Ronald Reagan US-Präsident, unter der Motorhaube des neuen Chevrolet Caprice Classic verrichteten weiterhin zufrieden schnurrende 8-Zylinder-Triebwerke ihre Arbeit – und Musik war noch Musik. Der große Showmaster Johnny Carson hatte mit »The Tonight Show« auf dem TV-Kanal NBC bereits 20 Jahre auf dem Buckel. Was er aber an diesem mehr als angenehmen Abend in seinem Studio in Los Angeles erlebte, toppte alles.

Vier bärtige Männer standen und saßen auf der Bühne. Der Tatsache, dass es sich nicht um irgendeine Bühne handelte, waren sie sich bewusst. Umgekehrt wusste Carson, dass der Schlagzeuger Ralph Humphrey, der Bassist Jimmy Lancefield und der Flötist Jim Walker nicht irgendwelche Instrumentalisten-Greenhorns waren, die man auf der Straße hätte einsammeln können.

Der vierte Musiker auf der Studiobühne, für den dies erst recht galt, saß hinter dem Fender Rhodes-Keyboard. Er war der Chef der Formation Free Flight und trug einen Namen, den Amerikaner kaum aussprechen konnten: Milcho Leviev. Mit seinen Kollegen spielte er das von Dave Brubeck geschriebene »Blue Rondo à la Turk« für die Millionen Fernsehzuschauer des Abends.

Genauer gesagt: Diese Meister ihrer Zunft spielten das Stück nicht nur, sondern warteten mit einer perfekten Interpretation auf, in einer bestechenden musikalischen Qualität.

Gerettet in der Achsenmacht

Johnny Carson hatte schon viel gesehen und gehört. Dennoch war er begeistert. Kaum hatten Leviev und Free Flight den letzten Ton abgeliefert, unternahm der Showmaster einen Schritt, den er in den 20 Jahren zuvor nie gegangen war: Er bat Free Flight, schon am nächsten Abend zurückzukommen, um erneut in der Show zu spielen. Wer würde ein solches Angebot ablehnen?

Diese Geschichte begann jedoch 45 Jahre früher, auf der anderen Seite der Welt. Milcho Leviev wurde im bulgarischen Plovdiv geboren – und zwar am 19. Dezember 1937. Sein Vater war Jude, seine Mutter eine orthodoxe Christin. Die Geburt des späteren Musik-Genies erfolgte knapp zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs und sechs Jahre bevor die Juden Bulgariens von mutigen Bürgern – darunter christlich-orthodoxe Priester – vor den Nazis gerettet wurden.

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Free Flight in »The Tonight Show« (Bachs »Badinerie« und Brubecks »Rondo a la Turk«, live, 1982)

Adolf Eichmann schickte SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker 1943 nach Sofia, um den Bulgaren klarzumachen, dass sie ihre Juden deportieren sollten. Ihre Antwort lautete nein. Aus von Bulgarien kontrollierten Gebieten wurden später 11.343 Juden deportiert und ermordet. Zehntausende, die innerhalb der eigentlichen Grenzen Bulgariens lebten, darunter auch Milcho Leviev, wurden jedoch gerettet – und dies obwohl Bulgarien als Achsenmacht offiziell Partner Nazi-Deutschlands war.

Hervorragende Musikakademie

Nach den Nazis kamen die Kommunisten. Sie kontrollierten alle Aspekte des Lebens und befahlen den Bulgaren, was sie zu denken und zu sagen hatten. Auch hatten sie ihre Version der Stasi in der DDR, nämlich die Dyrzhavna Sigurnost, die Leute ausspionierte, verfolgte, einsperrte und sogar umbrachte. »Staatsfeinde« verschwanden einfach. Sie wurden in Arbeitslager gesteckt. Nicht alle kamen zurück.

Dies war der Staat, in dem Milcho Leviev, dessen Nachname die bulgarische Version von Levy ist, nun lebte. Im Jahr 1960 machte er seinen Abschluss an der hervorragenden Musikakademie in Sofia. Unter Pancho Vladigerov, einem mehr als begabten Komponisten, der ebenfalls einen jüdischen Familienhintergrund hatte, studierte er Klavier und Komposition. Eines zeichnete sich immer deutlicher ab: Milcho Leviev, der nun 23 Jahre alt war, würde eine großartige Karriere beginnen.

Es dauerte nicht lange, bis er mit Preisen überhäuft wurde. Auch ging er wichtigen Tätigkeiten nach – zum Teil parallel: Er war Dirigent der Bigband des Nationalen Radios Bulgariens sowie jeweils Dirigent und Solist der Philharmonischen Orchester in Sofia und Plovdiv. Wo Leviev war, spielte die Musik. Er war die Musik.

Erhebliche Kopfschmerzen

Sein Interesse galt nicht nur der Klassik und der bulgarischen Folklore, sondern auch dem Jazz. Im Jahr 1965 gründete er sein Quartett Focus 65. Schon bald trat die Combo beim damals brandneuen Jazzfestival in Montreux auf, wo sie sogar mit dem »Critic’s Prize« ausgezeichnet wurde. Dann tourte Focus 65 wie verrückt durch alle Teile Europas.

1970 wurde ein schicksalhaftes Jahr für das bulgarische Musikgenie: Die Kommunisten hatten ihm zwar eine gute Ausbildung ermöglicht, jedoch auch erhebliche Kopfschmerzen beschert. Das Regime sagte ihm, wie er seine eigenen Kompositionen betiteln sollte, welche Genres er spielen und von welchen er die (Pianisten-)Finger lassen sollte. Allerdings suchten sich die Kommunisten für ihre Befehle den Falschen aus.

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Milcho Leviev: »A Question« (1978)

»Ich wurde aus der Union Bulgarischer Komponisten ausgeschlossen«, sagte er ein Jahr vor seinem Tod, im Sommer 2018. »Und ich trat von meiner Position beim Nationalen Radio zurück, denn sie hassten Bossa Nova. Sie sagten mir, was ich zu spielen hatte. Sie behaupteten: Du kannst nicht einfach zurücktreten!«

»Also sagte ich ihnen, sie sollten mir die Stelle in der bulgarischen Verfassung zeigen, in der es hieß, man könne nicht zurücktreten.« Die Kommunisten warnten ihn. Er habe eine große Klappe und solle sich vorsehen.

Ford Falcon für 400 Dollar

Auch wurde Leviev dazu »eingeladen«, der KP beizutreten. Als er ablehnte, wurde er erneut dazu aufgefordert. Als sie ihn zum dritten Mal »einluden«, musste etwas passieren: »Ich wusste, dass ich Bulgarien verdammt zügig verlassen musste.« Da er eine Tochter hatte, fiel ihm die Entscheidung jedoch nicht leicht.

Er ging schließlich alle mit einer Flucht verbundenen Risiken ein. In dem Zug, der den Hauptbahnhof von Sofia eines Abends im Jahr 1970 in Richtung Jugoslawien und West-Europa verließ, hätte man ihn erwischen und dann als »Staatsfeind« bestrafen können. Doch die Grenzbeamten kannten Milcho Leviev und wussten, dass er andauernd zu internationalen Tourneen aufbrach. Weniger prominente Bulgaren hätten nicht einfach ausreisen können. Aber er schaffte es nach West-Deutschland – und dann nach Amerika.

Vier Jahrzehnte lang lebte die Jazz- und Klassik-Ikone Leviev in Los Angeles. Während er anfangs schon mit anderen Jazz-Größen spielte, darunter Don Ellis, erhielt er noch Essensmarken. »Don gab mir einen Kredit, denn ich brauchte ein Auto. Also besorgte ich mir für 400 Dollar einen alten Ford Falcon. Dann, nach einem Jahr, war ich im Studio. Nach drei Jahren kaufte ich mir ein Haus in Nord-Hollywood – mit Pool und allen Extras.«

Umzug nach Thessaloniki

Milcho Leviev spielte nun mit fast der gesamten Jazz-Welt, darunter Billy Cobham, Art Pepper, Dave Holland, Al Jarreau und Airto Moreira. Auch wurde er Musikalischer Direktor für Lainie Kazan – und er gründete Free Flight. Diese Formation faszinierte nicht nur Johnny Carson und seine Zuschauer, sondern auch Hunderttausende Fans, die deren Platten kauften.

Im Jahr 2010 war er 72 Jahre alt. Leviev hatte das Gefühl, dass es an der Zeit war, auf seinen alten Heimatkontinent zurückzukehren. »Ich konnte nicht mehr in Amerika bleiben. Von 1970 bis 2010 war ich dort und habe den Abstieg der USA beobachtet. Allerdings wusste ich, dass es in Bulgarien auch nicht gut aussah. Deshalb wollte ich auch dort nicht mehr leben.«

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Milcho Leviev »Bulgarian Boogie« (1990, live im Saal Nr. 1 des Nationalen Kulturpalastes in Sofia, bei einem Event, mit dem das Ende des Kommunismus gefeiert wurde)

Der geniale Komponist und Pianist, der frühere Flüchtling, der nunmehr Ex-Amerikaner war, kam jedoch oft nach Sofia – von Thessaloniki aus, wo er sich mit seiner Frau, der Sängerin Vicky Almazidu, niederließ. In der bulgarischen Hauptstadt bot er an der New Bulgarian University Sommerseminare an. Auch trat er regelmäßig auf. Bei einem Jazz-Festival, das ich für bulgarische Partner organisierte, lernte ich ihn kennen.

»Etwas dement«

»How are you today, Milcho?« Seine Antwort: »S.O.S.«. Als er meinen fragenden Blick sah, löste er das Rätsel auf: »Same old shit

Witzig war er fast immer. Mit gut 80 Jahren wirkte Milcho eher wie 60, als es ihm noch gut ging. Er rief mich noch ein paar Mal an. Einmal klagte er, er sei »etwas dement«. Es sei nicht leicht, stets so zu tun, als bekomme er alles mit.

»Mein Problem: Ich dachte, ich würde leiser treten und vorsichtig sein, wenn ich alt werde«, sagt der bulgarische Meisterpianist 2018 in einem Café im Zentrum Sofias. »Wieviel Zeit habe ich wohl noch? Werde ich noch zwei Jahre leben oder zehn? Das Leben ist kurz. Vicky, meine Frau, ist meine Retterin.«

Milcho Leviev starb vor fünf Jahren, am 12. Oktober 2019, mit 81 Jahren.

»Imanuels Interpreten« ist eine Kolumne über jüdische Musiker von Imanuel Marcus. marcus@juedische-allgemeine.de

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