Zomet-Institut

Kreativ koscher

Wenn Dan Marans den Sinn des Zomet-Instituts erklären will, dann spricht er von der Tochter seiner Nachbarn. Das Mädchen, neun Jahre alt, sitzt in einem elektrischen Rollstuhl, kann sich also ohne fremde Hilfe bewegen – bis vor Kurzem jedoch nur sechs Tage in der Woche. Denn die Familie hält sich streng an das Verbot des Feuermachens am Schabbat, was für sie die Betätigung elektrischer Geräte einschließt.

»Die Kleine sagte mir: Sobald ihre Mutter die Schabbatkerzen anzündete, fühlte sie sich, als würde sie sich in einen Stein verwandeln, weil sie sich ohne Rollstuhl nicht bewegen kann«, erzählt Marans. Für Fälle wie diese hat das Zomet-Institut einen speziellen Rollstuhl entwickelt, dessen Einsatz auch am Schabbat als koscher gilt. »Damit ist die Kleine unabhängig«, sagt Marans und grinst hinter seinem mächtigen Bart. »Jetzt fährt sie am Schabbat ihre Puppen im Buggy spazieren.«

Dan Marans, 46 Jahre alt, gebürtiger Kanadier, seit 24 Jahren in Israel, ist CEO des Zomet-Instituts in Alon Shvut, einer 3000-Einwohner-Siedlung südlich von Jerusalem. 15 Ingenieure und Rabbiner tüfteln hier an technischen Lösungen, die die Notwendigkeiten einer hochtechnisierten, vernetzten Welt mit den jahrtausendealten Gesetzen des Schabbats versöhnen sollen.

Gegründet hat das Institut vor 40 Jahren der heute 75-jährige Rabbiner Yisrael Rosen, der selbst auch Ingenieur ist. Er wollte eine Schnittstelle schaffen, an der Tradition und Moderne sich treffen, daher der Name: »Zomet« ist das hebräische Wort für »Kreuzung«.

Verzögerung »Je weiter die technologische Entwicklung voranschreitet, desto mehr Fragen wirft sie auf«, sagt Marans. »Manche Menschen sind aus medizinischen Gründen auf elektrische Geräte angewiesen. Ärzte oder Sicherheitspersonal müssen im Notfall telefonisch erreichbar sein. Was sollen sie tun, wenn sie den Schabbat halten wollen?« Die Antworten, die die Zomet-Ingenieure auf diese Fragen liefern, lassen sich im Besucherzentrum des Instituts besichtigen. Auf Podesten hinter Plexiglas thronen hier Treppenlifte und Rollstühle, deren Fernbedienungen über einen Schabbat-Modus verfügen. Drückt man den koscheren »Runter«-Knopf des Treppenlifts, geschieht erst einmal nichts; erst nach einigen Sekunden gleitet der Stuhl abwärts.

In dieser kaum merklichen Verzögerung verbirgt sich die technische Finesse, die die Geräte schabbattauglich macht: »Wenn ich den Knopf drücke, löst er nicht direkt ein Ereignis aus, er verändert lediglich intern seine Position«, erklärt Marans. »Ein Mikroprozessor, der alle paar Sekunden die Positionen überprüft, registriert die Veränderung und führt anschließend die erwünschte Handlung durch. Auf diese Weise habe ich sie nicht selbst ausgelöst.«

Was für manche nach Haarspalterei klingen mag, macht für die Kunden des Instituts den entscheidenden Unterschied aus. Und derer gibt es viele: Zomet beliefert die israelische Armee, die Polizei, Krankenhäuser und Unternehmen, dazu jüdische Einrichtungen und Privatpersonen weltweit. Gerade erst ist eine Bestellung aus Bayreuth für einen koscheren Fahrstuhl eingegangen. Das Institut ist eine Non-Profit-Organisation, finanziert sich durch den Verkauf der Produkte, Spenden und staatliche Zuwendungen. Oft müssten Produkte individuell angefertigt werden, erklärt Marans – zu aufwendig, um Gewinn zu machen.

Neben Treppenliften, Telefonen und Kaffeemaschinen ist im gut klimatisierten Besucherzentrum viel Sicherheitstechnik ausgestellt: ein Metalldetektor, wie er in Flughäfen verwendet wird, der aber im Unterschied zu üblichen Geräten ständig aktiviert ist, also nicht angeschaltet werden muss; Überwachungskameras, die sich eigenständig bewegen; elektronische Türschlösser, die mittels Gesichtserkennung funktionieren. Es sind vor allem diese Produkte, für die sich Kunden außerhalb Israels interessieren, sagt Marans. »Wir verkaufen viel Sicherheitstechnologie für Türen an Synagogen in Deutschland.«

Lampe Manche Lösungen sind technisch raffiniert, andere bestechend simpel. Die Schabbat-Lampe etwa: In Gestalt einer simplen Schreibtischleuchte enthält sie ein LED-Leuchtmittel, das Rabbinern weithin nicht als »Flamme« gilt. Vor der Leuchte befindet sich eine Plastikklappe, die den Lichtschalter ersetzt: Man lässt die Lampe einfach durchgehend leuchten und schiebt je nach Bedarf die Klappe auf und zu.

Ob ein Produkt koscher ist, entscheide Rabbiner Yisrael Rosen in Absprache mit anderen einflussreichen Rabbinern, erklärt Marans. Nach guter jüdischer Streitkultur strebten die Meinungen gelegentlich auseinander: »Manche Menschen befürchten, dass unsere Innovationen zu einer Art Reformjudentum führen«, sagt Marans.

»Aber viele Verbote von Elektrizität kommen von Rabbinern. Den Schabbat zu genießen, ist dagegen ein Gebot der Propheten. Wir wollen nicht, dass jemand depressiv wird, weil er sich beispielsweise ohne Rollstuhl nicht bewegen kann. Deshalb helfen wir Menschen, sich am Schabbat zu erfreuen – wie die Tora es vorschreibt.«

www.zomet.org.il

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