Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Foto: Eugen El

Ihre Schicksale waren mitunter hart, ebenso groß war oft ihre Enttäuschung. Als wir in den späten 90er-Jahren – der Höhepunkt der Einwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge war wohl schon überschritten – nach Deutschland kamen, begegneten wir vielen Menschen, die, von unterschiedlichen Hoffnungen geleitet, ihren angestammten Lebensmittelpunkt in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hinter sich ließen, um vollständig neu anzufangen.

Die osthessische Provinz, in die es uns alle qua amtlicher Zuteilung verschlug, entsetzte viele. Da war eine ältere Dame aus Sankt Petersburg, die die Blockade ihrer (damals Leningrad genannten) Stadt durch die deutsche Wehrmacht überlebt hatte: Das faktisch nicht vorhandene Kulturangebot der beschaulichen Kurstadt im Spessart, die vorerst unser aller Zuhause werden sollte, schockierte sie sichtlich.

Das Ehepaar aus Kyjiw machte kein Hehl aus seinem Stolz und seinem (einstigen) gesellschaftlichen Rang.

Oder das Ehepaar aus Kyjiw, das kein Hehl aus seinem Stolz und seinem (einstigen) gesellschaftlichen Rang machte – und umso härter von dem einwanderungsbedingten sozialen Statusverlust getroffen wurde. Je höher die eigenen Erwartungen lagen, denke ich rückblickend, desto schmerzhafter war oftmals die Ankunft in der Bundesrepublik der 90er, die faktisch zwar längst Einwanderungsland war, dies aber auf vielen Ebenen noch nicht wahrhaben wollte.

Im Übergangswohnheim drehten sich viele Gespräche um die Anerkennung von Studienabschlüssen – Naturwissen­schaftler und Ingenieure hatten es leichter als Geisteswissenschaftler und Päda­gogen – und die Nicht-Anerkennung der bisherigen Berufslaufbahn für den Rentenanspruch in Deutschland.

Und auch wenn es Ungleichbehandlungen gab – aus der Ex-UdSSR zugewanderten deutschen Spätaussiedlern etwa standen Rentenleistungen zu –, war unsere Lage vergleichsweise komfortabel: »Unbefristet« lautete das zentrale Zauberwort für den im Pass vermerkten Aufenthaltsstatus, der jüdischen Kontingentflüchtlingen das ständige Zittern um dessen Verlängerung ersparte.

»Unbefristet« lautete das zentrale Zauberwort für den im Pass vermerkten Aufenthaltsstatus, der jüdischen Kontingentflüchtlingen das ständige Zittern um dessen Verlängerung ersparte.

2006, kurz nachdem wir Deutsche im Sinne des Grundgesetzes geworden waren, ließ ich die wilden Jahre des Neubeginns mit einem eigens entwickelten Brettspiel Revue passieren: In »Konti: Mission BRD« können mehrere Spieler die typischen Stationen auf dem Weg von der Einwanderung bis zur Einbürgerung nachvollziehen – und dabei augenzwinkernd auf die ebenso typischen Fallstricke blicken. Für einen spielerischen Umgang mit den (mit)erlebten Härten der Einwanderung hatte ich fast zehn Jahre gebraucht.

Das kommt mir in den Sinn, wenn ich heute in Bussen und Bahnen russisch- und ukrainischsprachigen Menschen – die allermeisten von ihnen sind Frauen – begegne und ihren Gesprächen zuhöre. In ihren Pässen prangt kein »Unbefristet«, und ihr Alltag ist oft von der Sorge um in der Ukraine zurückgelassene Freunde und Verwandte bestimmt. Und auch sie erleben denselben aufreibenden Gang durch die deutschen Ämter, deren hermetische Ausdrucksweise uns damals buchstäblich sprachlos machte. Es bleibt zu hoffen, dass auch Menschen aus dieser Einwanderergeneration irgendwann mit einer Prise Augenzwinkern auf die Härten der Anfangsjahre zurückblicken können.

Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?

von Mascha Malburg  11.03.2026

TV-Tipp

Die Puppe mit dem Hitlergruß: Das turbulente Leben der Unternehmerin Käthe Kruse

»Ich kauf‘ Euch keine Puppen - macht Euch selber welche!« Max Kruses junge Geliebte nahm diese brüske Absage wortwörtlich und wurde berühmt. Arte zeichnet die bewegte Biografie von Käthe Kruse nach

von Manfred Riepe  11.03.2026

Amulette

Erfurter Ausstellung zeigt israelische Kunst

Die Galerie Waidspeicher zeigt Werke israelischer Künstlerinnen und 555 Hamsa-Amulette aus Jerusalem. Das Motiv der Hamsa in Form einer geöffneten Hand ist im Judentum, im Islam und im Christentum gebräuchlich

von Matthias Thüsing  10.03.2026

München

Ermittlungen zu Nazi-Parole gegen Fleischhauer eingestellt

Der Kolumnist bedient sich bei einem Podcast eines Slogans der Nationalsozialisten, um damit den AfD-Nachwuchs zu kritisieren. Deshalb wird gegen ihn ermittelt - jedoch nicht besonders lang

 10.03.2026

New York

Ben Stiller: »Krieg ist kein Film«

Immer wieder nutzt die US-Regierung bekanntes Film- oder Musikmaterial für eigene Videoclips - wohl ohne zu fragen. Jetzt beschwert sich deswegen Schauspieler Ben Stiller

 10.03.2026

Comedy

Streichelzoo mit Fischen

Die Serie »JoJo & Simha: Exploring Berlin3000« erzählt auf Social Media von drei tollpatschigen jüdischen Handwerkern der Zukunft

von Pascal Beck  09.03.2026

Women’s Asian Cup

Trump fordert von Australien Asyl für iranische Fußballerinnen

Die Spielerinnen hatten sich vor dem Anstoß im Robina Stadium geweigert, die iranische Nationalhymne zu singen

 09.03.2026

Magdeburg

Auftakt für jüdische Kultur in Sachsen-Anhalt

Ministerpräsident Sven Schulze betonte als Schirmherr die Bedeutung der Kulturtage als klares Signal der Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Sachsen-Anhalt

 09.03.2026

Sprache

»Wat willste?«

Die Autorin Lea Streisand hat ein Buch über den vielleicht schönsten Dialekt des Deutschen geschrieben, das Berlinerische. Ein Besuch zwischen »ick«, »icke« und »dufte«

von Katrin Richter  08.03.2026