Literatur

Königin Esther beim Mossad

John Irving (83) schaffte mit seinem vierten Buch »Garp und wie er die Welt sah« den Durchbruch. Foto: picture alliance/dpa

Pennacook, New Hampshire, USA. Dort lebt die vielköpfige Familie Winslow, bald ergänzt um die Jüdin Esther Nacht, 1905 in Wien geboren, ihre Eltern wanderten nach Amerika aus. Der Vater starb an Bord des Überseedampfers.

Als Esther drei Jahre alt ist, wird die Mutter brutal von Antisemiten erschlagen. Unbekannte bringen die Kleine nachts in ein Waisenhaus in Maine. Mit 14 Jahren holen die Winslows Esther von dort als Kindermädchen zu sich. Sie überragt die Familienmitglieder, die alles andere als groß gewachsen sind, um Haupteslänge.

1934, Esther ist Ende 20 und ausgebildete Krankenschwester, zieht sie nach Wien. Ihr eigentliches Ziel aber ist Haifa. Bevor sie dort anlangt und bleiben wird, hat sie mit der jüngsten Winslow-Tochter Honor, deren Kindermädchen sie war und deren beste Freundin sie nun ist, einen Plan ausgeheckt: Sie, Esther, würde ein Kind austragen und gebären. Und Honor würde es aufziehen. Wäre es ein Mädchen, solle es Esther heißen. Einen Knaben würden sie James nennen.

Natürlich muss es auch um Ringen als Sport gehen

In Wien lernt Esther den zierlich gebauten, ein Jahr jüngeren Moshe Kleinberg kennen. Dieser hatte zuvor in München einen Sport entdeckt, der selbstverständlich in jedem Roman John Irvings seinen Auftritt haben muss – Ringen.

Dann sind Esther, Moshe und deren Tante Reva im Sauseschritt in Haifa. Mit Details wie Grenzübertritt, Reise durch Europa und übers Mittelmeer hält sich Irving nicht auf. In Haifa richten sie sich mehrere Jahre lang ein. Moshe ist neuerlich als Ringer aktiv und erfolgreich. Esther arbeitet vage mit den Engländern zusammen, stärker aber für die jüdische Untergrundarmee Hagana.

Der John-Irving-Sound, dieses robust-charmante Parlando, stellt sich erst langsam ein.

Wie von ihr geplant, wird sie im Herbst 1940 von Moshe schwanger, der anderweitig verheiratet und bereits Vater geworden ist. Sie kehrt Ende des Jahres zur Geburt nach Pennacook zurück. Am 2. März 1941 kommt James, »Jimmy« gerufen, zur Welt. Esther kehrt wieder nach Palästina zurück. Ab 1948 ist sie, obschon nie laut geäußert, für den Mossad tätig.

Jimmy geht mit 20 aufs College, mit dem Ziel, Schriftsteller zu werden, ein so gängiges Motiv wie ein Auslandssemester in Wien. Ab dann kommt die Irving-Erzähl-Maschine ins wohlige Abspulen von Schnurren und einer Kette von Freundschafts- und Sexual-Anekdoten, die stets gemäßigt diesseits des Grotesken bleiben. Vor allem um eines geht es: Wie Jimmy durch das Zeugen eines Kindes vermeiden kann, zum Kriegsdienst in Vietnam eingezogen zu werden.

Deutschunterricht gibt ihm in Wien ein Fräulein Eißler, vielleicht oder vielleicht auch nicht für Simon Wiesenthal tätig. Jimmy beginnt ein Romanmanuskript. Und er geht eine Scheinehe mit einer lesbischen Holländerin ein, die sich von ihm schwängern lässt. Später wird von Jimmys Rückkehr nach Pennacook erzählt, dem Tod des Großvaters und 1969 der Veröffentlichung von Jimmys Debütroman Der Dickens-Mann. Die Tochter Vienna wächst bei ihm und im Kreis der Winslows auf, während er selbst in den nächsten zwölf Jahren mehrere Romane schreibt.

Das Jüdische mutet merkwürdig angeklebt an. Esther wird als absoluter Freigeist gezeichnet, jenseits alles Religiösen. Gelegentlich wird europäischer Antisemitismus erwähnt, später der Siedlungsbau Israels in den 70er-Jahren, der Wahlsieg Menachem Begins 1977, etwas ausführlicher geschildert wird Jimmys Aufenthalt in Israel anlässlich der Jerusalem Book Week 1981 inklusive Debatten, die mehr nach dem Jahr 2025 klingen. Hier taucht Esther wieder auf und entpuppt sich als legendäre, nun einarmige Mossad-Agentin.

Das Jüdische in diesem Buch mutet merkwürdig angeklebt an.

Königin Esther kommt sehr langsam auf Touren. Die ersten rund 100 Seiten, überladen mit zahlreichen, kaum relevanten Details und Exkursen, schleppen sich dahin. Es ist eine eher leblose Prosa mit uninspirierten Dialogen. Der John-Irving-Sound, dieses robust-charmante Parlando, stellt sich erst langsam ein. Zudem ist in diesem Roman, der nicht wirklich auskomponiert anmutet, Sexuelles noch ausgeprägter pubertär als in früheren Büchern John Irvings.

Ist der Titel nicht falsch? Viel eher müsste er »Jimmys Buch« lauten

Ist der Titel nicht falsch? Viel eher müsste er »Jimmys Buch« lauten. Denn Esther ist weitgehend absent und blass. Nach den ersten 100 Seiten taucht ihr Name nach 300 Seiten Absenz erst wieder auf Seite 423 in einem Brief auf. Das Finale in Jerusalem inklusive Esther-Wiedersehen ist dramaturgisch kaum zwingend.

John Irving, der 2014 ins kanadische Toronto umzog, promotet Queen Esther in den USA nicht – aus Protest gegen die Trump-Administration. Legt man dieses wahrscheinlich letzte Buch des 83-jährigen Schriftstellers, überreich an unwichtigen Petitessen und um mindestens ein Viertel zu lang, zwischen den neuen, mutmaßlich letzten Roman Schattennummer von Thomas Pynchon, fünf Jahre älter, und neben Die elfte Stunde, den soeben publizierten, vielleicht finalen Prosaband des um fünf Jahre jüngeren Salman Rushdie, muss man leider erkennen: John Irving, Autor von Garp und wie er die Welt sah (1978) und Gottes Werk und Teufels Beitrag (1985), hat sich aus dieser literarischen Liga verabschiedet.

John Irving: »Königin Esther«. Roman. Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg und Eva Regul. Diogenes, Zürich 2025, 556 S., 32 €

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