Nachruf

Jürgen Habermas – die jüdische Gemeinschaft verliert einen großen Freund

Jürgen Habermas, Sozialphilosoph und Soziologe der »Frankfurter Schule«, aufgenommen im August 1981 in seinem Haus in Starnberg Foto: picture-alliance/ dpa

Dass Jürgen Habermas einer der ganz großen Denker Deutschlands und Europas war, ist oft genug gesagt worden. Zuletzt in den Nachrufen vom Bundespräsidenten und vom Bundeskanzler. Aber dass auch die jüdische Gemeinschaft einen ihrer engsten und ehrlichsten Freunde verloren hat, ist nicht jedem bekannt.

Seine intellektuelle Prägung erhielt Jürgen Habermas als Wissenschaftlicher Assistent der aus dem Exil nach Frankfurt zurückgekehrten Gründer des Instituts für Sozialforschung, Max Horkheimer und Theodor Adorno. Besonders stark beeinflusst wurde er von einem weiteren jüdischen Philosophen, dem späteren Theoretiker der studentischen Protestbewegung Herbert Marcuse.

Später wurde Habermas selbst führender Vertreter der zweiten Generation der Frankfurter Schule und Nachfolger auf dem Lehrstuhl Horkheimers. 1986 löste er mit einer Replik auf einen Aufsatz des Historikers Ernst Nolte den sogenannten Historikerstreit aus, in dem er die Einzigartigkeit der Schoa gegen ihre Relativierer verteidigte. Wohl kaum eine andere Debatte hat in der Endphase der Bonner Republik solch hohe Wellen geschlagen.

Dass dabei Habermas‘ eigene Kindheit in einem nationalsozialistisch geprägten Elternhaus und die Mitgliedschaft im NS-Jungvolk eine Rolle spielten, verschwieg er nicht. Diese Erfahrungen prägten den bei Kriegsende Fünfzehnjährigen lebenslang, und manche seiner politischen Einlassungen verstand er bewusst als Lehren aus der politischen Verführung jener Jahre. So erwuchs auch seine enge Verbundenheit mit Israel aus der deutschen Vergangenheit.

In einem bewegenden Artikel, den Jürgen Habermas 2007 für die Münchner Beiträge für Jüdische Geschichte und Kultur über seinen langjährigen Freund Gershom Scholem verfasste, beschrieb er auch die Eindrücke seiner ersten Israelreise, auf der Scholem ihm das Land zeigte: »Eine Reise nach Israel lässt sich mit keiner anderen vergleichen. Nicht einmal mit diesen schwierigen Reisen nach Polen, wo man das Gefühl hat, sich nicht bewegen zu können, ohne in die Blutspuren zutreten, die wir Deutschen dort hinterlassen haben. In Israel ist es nicht der Boden, der an die Geschichte erinnert. Die Geschichte ist in den Menschen präsent, in den unwahrscheinlichen Erzählungen von den Kontingenzen des Entkommens und des Überlebens.« Scholem und Marcuse feierten 1979 Habermas‘ fünfzigsten Geburtstag in seinem Starnberger Haus, und als Scholem drei Jahre später starb, kam Habermas zu dessen Beerdigung nach Jerusalem.

Seiner Verbundenheit mit Israel verlieh Jürgen Habermas bis zuletzt Ausdruck, so in einer, zusammen mit drei anderen Kollegen verfassten, Erklärung vom November 2023, in der er betonte: »Bei aller Sorge um das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung verrutschen die Maßstäbe der Beurteilung jedoch vollends, wenn dem israelischen Vorgehen genozidale Absichten zugeschrieben werden.«

Und weiter: »Mit dem demokratischen, an der Verpflichtung zur Achtung der Menschenwürde orientierten Selbstverständnis der Bundesrepublik verbindet sich eine politische Kultur, für die im Lichte der Massenverbrechen der NS-Zeit jüdisches Leben und das Existenzrecht Israels zentrale, besonders schützenswerte Elemente sind.«

An diesen Grundsätzen deutscher Existenz hielt Habermas sein Leben lang fest und verteidigte sie gegen in jüngster Zeit wieder gewachsene Widerstände.

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Wie wichtig diese Prinzipien ihm waren, konnte ich seit meiner Berufung auf den Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München in den letzten drei Jahrzehnten immer wieder persönlich feststellen. Dass Habermas schon bei meiner Antrittsvorlesung 1997 dabei war, hat er mir erst später mitgeteilt. Aber wenig später kam es zu den ersten persönlichen Begegnungen, die bis kurz vor seinen Tod in regelmäßigen Abständen in München, Starnberg und Schloss Elmau anhielten.

Öffentliche Vorträge wollte Jürgen Habermas an der Münchner Universität, deren konservative Führung ihm in den siebziger Jahren eine Professur verweigert hatte, nicht halten. Aber er nahm gerne Einladungen an, im Seminar mit den Studierenden über ihre Arbeiten zu sprechen und anschließend im intimen Rahmen über einem Glas Wein weiterzudiskutieren. Auch zu den öffentlichen Veranstaltungen unseres Lehrstuhls kam er häufig, besonders wenn alte Freunde von ihm sprachen wie Amos Oz, Shlomo Avineri oder Saul Friedländer.

Unvergesslich blieb Jürgen Habermas‘ Diskussion mit Daniel Cohn-Bendit auf einer Konferenz zu jüdischen Stimmen im Diskurs der sechziger Jahre, die wir auf Schloss Elmau durchführten. Immer dabei war seine Frau Ute, mit der ihm in über siebzigjährigem Zusammenleben ein symbiotisches Verhältnis verband. Ihren Tod hat er nur um ein paar Monate verwunden. Mit ihm ging ein wahrhaft Gerechter unter den Völkern.

Der Autor ist Historiker und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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