Kino

Jude gegen SS-Mann 1:0

Einst Jugendfreunde, jetzt Todfeinde: Rudi Smekal (Georg Friedrich, l.) und Viktor Kaufmann (Moritz Bleibtreu) Foto: Neue Visionen

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Wien nach dem Anschluss 1938. Die Kaufmanns lebten bisher ganz angenehm. Vater Jakob (Udo Samel) ist ein erfolgreicher Kunsthändler, Sohn Viktor (Moritz Bleibtreu) hat sich dem Dandytum verschrieben. Da erscheint Rudi Smekal (Georg Friedrich), Sohn der Haushälterin der Kaufmanns und Kindheitsfreund von Viktor, in Nazi-Uniform.

subtil So oder ähnlich hat man das im Kino scheinbar schon hundertmal gesehen. Doch der Schein trügt: Wolfgang Murnbergers Mein bester Feind, der diese Woche in die Kinos kommt, ist einer der subversivsten Filme der letzten Jahre. Un-
auffällig schleicht er sich an den Zuschauer heran. Wenige Sätze genügen etwa, damit Wissende den Hintergrund der Kaufmanns verstehen. Die Familie ist nicht religiös.

Jakob sagt zu seiner Frau Hannah (Marthe Keller): »Wie abergläubisch du bist. Und das als Enkelin eines Rabbiners!« In diesem einen Satz stecken mehrere Generationen Assimilationsgeschichte. Subtil, ohne ganze Straßenzüge mit Hakenkreuzfahnen zu schmücken, zeigt Murnberger auch ein Österreich, in dem binnen weniger Wochen der Antisemitismus vom allgegenwärtigen Geraune zur offenen Bedrohung wird.

Die Kaufmanns sind keine eingesessenen Wiener Juden, sondern wurden aus Nürnberg vertrieben. Jetzt müssen sie, kaum halbwegs etabliert, schon wieder an Flucht denken. Sie wollen in die Schweiz. Doch das misslingt. Ihr Besitz wird »arisiert«. Rudi Smekal, der SS-Mann, macht fleißig mit. Er verrät seinen Freund Viktor und verlobt sich auch noch mit dessen Ge-liebter. Als die Kaufmanns ins KZ kommen, ist Rudi nur ein bisschen betroffen.

überraschend Aus dem vermeintlichen Drama wird dann ein Kunstkrimi: Zum Besitz der Kaufmanns gehörte auch eine Zeichnung von Michelangelo. Die soll ein paar Jahre später Mussolini bei einem Staatsbesuch als Geschenk überreicht werden. Doch das Kunstwerk entpuppt sich als Fälschung. Eine diplomatische Blamage steht bevor.

Die SS begibt sich auf die Suche nach dem Original. Vater Kaufmann ist mittlerweile in Mauthausen gestorben. Aber Viktor lebt noch. Er soll verraten, wo das Original versteckt ist. Smekal, der inzwischen Karriere gemacht hat, holt seinen einstigen Jugendfreund aus dem Konzentrationslager und fliegt mit ihm Richtung Berlin. Doch das Flugzeug stürzt ab, und Viktor nutzt die Gelegenheit. Er zieht sich Rudis Nazi-Uniform an, verkleidet ihn dafür als Häftling.

Mehr vom Plot soll nicht verraten werden. Mein bester Feind erinnert an die Filme von Billy Wilder mit ihren schnellen, überraschenden Wendungen, bei denen man nie weiß, was einen im nächsten Moment erwartet.

komisch Doch halt, es geht hier um die Schoa. Darüber lassen sich schlecht Witze machen. Oder? »Das war eine große Diskussion«, sagt Regisseur Murnberger. »Darf man überhaupt ein Lager in der Totalen zeigen? Ich zeige nur weit im Hintergrund angedeutet Häftlinge.

Das könnte ich nicht ertragen, mit magersüchtigen Komparsen eine Gaskammerszene zu drehen.« Murnberger ist durch seine grotesken schwarzen Verfilmungen der Romane um Detektiv Simon Brenner bekannt, bei denen Lacher auf Schocks folgen, bis sich beide vermischen. So auch hier.

»Ich wollte Komik im größten Wahnsinn zeigen«, sagt der Regisseur. Diese Balance könnte aber nicht funktionieren, wenn der Film expliziter wäre. »Rauchende Schornsteine sind nicht komisch.«

Nur Roberto Benignis Das Leben ist schön hat bisher versucht, realistischen Lageralltag und Humor zu kombinieren. Der Oscar-prämierte Erfolgsfilm endet allerdings reichlich obszön mit Mutter und Kind, glücklich vereint auf einem Panzer, als ob nicht wenige Minuten vorher der jüdische Vater erschossen worden wäre.

Mein bester Feind hingegen schließt mit einem Bild, das überzeugend die Freude des zufälligen Überlebens mit der Erinnerung an die Toten verbindet. Am Ende steht Triumph, und doch große Trauer. Keine Versöhnung.

realistisch Mein bester Feind ist keine deutsche, sondern eine österreichisch-luxemburgische Produktion. Das Drehbuch des jüdischen Autors Paul Hengge, inzwischen 77, war jahrelang durch hiesige Studios gewandert, wo es niemand anfassen wollte. Das ist symptomatisch.

In deutschen Filmen über die Judenverfolgung geht es nicht ohne nichtjüdische Identifikationsfiguren, auf die der geneigte deutsche Zuschauer seine Faszination, Irritation oder einfach Schuld übertragen kann. Der Titel von Michael Degens Autobiografie Nicht alle waren Mörder ist Programm. In Jochen Freydanks grässlichem Kurzfilm Spielzeugland war die jüdische Familie Silberstein, der das Vernichtungslager drohte, nur Staffage; im Mittelpunkt stand eine gerechte deutsche Hausfrau.

Nicht so hier. Viktor Kaufmann ist eine starke Figur, witzig und weltgewandt, dabei jedoch kein idealisierter Edelmensch, sondern ein arroganter Schnösel. Und Rudi Smekal ist ein neidischer Kriecher – die passende Verkörperung der jüngsten Thesen von Götz Aly. Wenn man dem Film etwas vorwerfen kann, dann nur, dass Moritz Bleibtreu für einen KZ-Insassen unrealistisch wohlgenährt ist.

Mein bester Feind ist kein Meisterwerk, nur ein guter Film. Und ein besonderer – leider. Wenn sie keine neurotischen Gagmaschinen oder fahlgesichtigen Opfer verkörpern, sind Juden dem deutschen Kinopublikum scheinbar nicht zuzumuten. Dieser Film wagt es dennoch – und gewinnt.

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