Kulturkolumne

Jenseits der Schlagzeilen – mit Davidstern in der U8

Die Linie U8 in Berlin ist wegen des Verhaltens von Fahrgästen in Verruf geraten. Foto: picture alliance / Global Travel Images

»Mach das auf keinen Fall!«, beschwor mich mein Mann noch gestern Abend. Ich selbst habe es meinem Sohn streng verboten: mit einer sichtbaren Magen-David-Halskette U-Bahn zu fahren. »Das kommt nicht infrage!«, habe ich ihn ins­truiert, »die Leute meinen, wir sind an den hohen Benzinpreisen schuld!«

Doch der Krieg ist (vielleicht) zu Ende, und heute Morgen musste ich es einfach ausprobieren. Ich habe auf dem Weg zur Arbeit meinen mittelgroßen silbernen Davidstern offen über dem T-Shirt getragen. Und nicht nur das, ich bin einen Umweg gefahren, um die Reaktionen in der U8 zu testen, über die immer wieder zu hören ist, man dürfe in dieser berüchtigten U-Bahn-Linie, die durch Berlin-Neukölln führt, auf keinen Fall Hebräisch sprechen oder jüdische Symbole zeigen.

Und was ist passiert? Nichts! In der S1 war ich von Schöneberg bis Yorckstraße von einer Gruppe Schulkinder umringt. Niemand beachtete mich. Dasselbe in der U7 von Yorckstraße bis Hermannplatz. Die Mitfahrenden, fast alle Pendler auf dem Weg zur Arbeit, scrollten auf ihren Smartphones, ich wurde ignoriert. Eine einzige Frau warf mir einen Blick zu, den ich als kritisch empfand, aber vielleicht habe ich mich geirrt.

Keine Reaktion auf dem U-Bahnhof Hermannplatz in Neukölln

Keine Reaktion auch auf dem U-Bahnhof Hermannplatz mitten in Neukölln. Ich stieg in die U8 in Richtung Norden und setzte mich neben eine gut geschminkte Frau mit Kopftuch. Sie starrte auf ihr Handy, ich starrte auf mein Handy. Ich hatte das Gefühl, wir beide wollten dasselbe: unsere Ruhe. So ging es weiter bis zum Alexanderplatz.

Um auch Antisemitinnen und Antisemiten in Berlin-Mitte eine Chance zu geben, stieg ich am Alex aus und wechselte zur Stadtbahn Richtung Westen.

Konnte es das gewesen sein? Um auch Antisemitinnen und Antisemiten in Berlin-Mitte eine Chance zu geben, stieg ich am Alex aus und wechselte zur Stadtbahn Richtung Westen. Niemand nahm Notiz von mir oder meinem Anhänger, auch nicht in der U6 zwischen Friedrichstraße und Oranienburger Tor.

Nun sitze ich im Büro am Schreibtisch und bin bester Laune, was vielleicht nicht gerechtfertigt ist. Denn die Frage stellt sich, wie Leute reagiert hätten, die nie zur Arbeit fahren und alle Zeit der Welt haben, andere anzupöbeln – nicht am Dienstag um neun Uhr morgens, sondern am Samstag um zwei Uhr nachts am Hermannplatz oder in der U8.

Magen David am Schlachtensee und in Schöneberg

»Hattest du Angst?«, fragte mich ein Kollege. Das macht mich froh: Ich hatte keine Angst. Vielleicht, weil ich neulich am Schlachtensee eine Frau mit einem Davidstern gesehen habe. Und weil ich vor ein paar Tagen in Schöneberg in einem Klamottengeschäft war und auf einmal bemerkte, dass auch der Verkäuferin ein Magen David um den Hals hing.

»Sie tragen das offen? Und es passiert nichts?«, war meine Frage. »Doch, in Neukölln gibt es manchmal böse Blicke«, antwortete sie. Massiv behelligt worden sei sie aber nicht. Und sie denke nicht daran, darauf zu verzichten, ihren Anhänger zu zeigen. Als ich das Geschäft verließ, sah ich im Buchladen nebenan ein Schild: »Gegen jeden Antisemitismus«. Und mir schien, dass die Welt an diesem Tag – zumindest im Schöneberger Akazienkiez – noch in Ordnung war.

Gute Nachrichten sind selten geworden. Sie sind nicht aufregend, bringen kaum Klicks. Aber es gibt eine Welt jenseits der Schlagzeilen. Wir müssen nur den Mut haben, sie zu sehen.

Ich selbst hatte auch einen Anhänger dabei. Eine Kette mit einem kleinen goldenen Magen David, der meiner Mutter gehört hatte. Ich wollte die Kette verlängern lassen. »Zeigen Sie mal das Kreuz«, sagte der Goldschmied, und seine Kollegin verbesserte ihn sofort: »Das ist kein Kreuz, das ist ein Stern.« Ich freue mich jetzt schon darauf, die Kette zu tragen.

Gute Nachrichten sind selten geworden. Sie sind nicht aufregend, bringen kaum Klicks. Aber es gibt eine Welt jenseits der Schlagzeilen. Wir müssen nur den Mut haben, sie zu sehen.

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