Redezeit

»Ich war immer der Außenseiter«

Tim Fischer Foto: Stephan Pramme

Herr Fischer, Sie sind in Hude bei Delmenhorst aufgewachsen. Ihre Eltern waren Hippies, die gerne auch mal gekifft haben und in einer Art Kommune lebten. Wie haben Sie als siebenjähriger Junge da Ihre Liebe für Chansons entdeckt?
Das Chanson ist natürlich zu mir gekommen und nicht umgekehrt. Strenggenommen war meine Großmutter Schuld, die mit mir abends oft alte Revuefilme geschaut hat. Ich erinnere mich noch genau an den Augenblick, als es um mich geschehen war.

Was war das für ein Moment?
Rosita Serrano, die »chilenische Nachtigall«, hatte es mir damals besonders angetan. In einem Film stellte sie die tiefschürfende, ja lebenswichtige Frage: »Haben sie den neuen Hut von Fräulein Molly schon gesehen? Ach, ist der chic. Ach, ist der schön. Aber das ist kein Hut, das ist ein Chapeau. Den gibt’s nur in Paris – und sonst nirgendwo.« Mir war sofort klar: So etwas wie Rosita Serrano muss ich auch machen! Seitdem tue ich, was ich eben tue.

Wie haben die Menschen in Ihrem Heimatdorf auf Sie reagiert?
Meine Oma war so ziemlich die einzige, die mich unterstützt hat. Sie führte mich in die Welt des Chansons ein und spielte mir Platten von Zarah Leander, Lale Andersen und Milva vor. Generell mochten nur ältere Frauen, was ich tat. Sie fanden es skurril, dass ein Junge Lieder von Frauen singt und eine Lebenserfahrung vorgaukelt, die er gar nicht haben kann. Ich konnte ja nicht wissen, wie es ist, wieder mal von einem Mann verlassen worden zu sein und sich in die Welt des Eierlikörs zu flüchten. Meine Mitschüler hingegen waren alles andere als begeistert.

Inwiefern?
Sprüche wie »Schwuli« und »Mädchen« von den Mitschülern waren an der Tagesordnung. Sie fanden es nicht cool, dass ich als Junge so feminin unterwegs war. Das haben sie mich auch deutlich spüren lassen: Ich war immer der Außenseiter. Diese Anfeindungen haben komischerweise dazu geführt, dass meine Interpretationen authentischer wurden. Denn in meinen Liedern ging es ja um Ablehnung und Einsamkeit. In der niedersächsischen Provinz war es damals mit der Toleranz nicht so weit her.

Und bei Ihren Eltern?
Meine Eltern waren vordergründig absolut tolerant. Nur bei mir stieß ihre Offenheit an Grenzen. Ich zog als Junge gerne auch mal Pumps an; meine Eltern waren schlicht überfordert mit mir, glaube ich. Dasselbe galt für die Waldorfschule, die ich besuchte. Dort war man bis zur totalen Verkrampfung politisch korrekt. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass man in diesem Milieu bloß das Foto von Hitler an der Wand durch eines von Rudolf Steiner ausgetauscht hatte. Als ich 18 Jahre alt wurde, bin ich dann ganz schnell nach Berlin gezogen. Dort fand ich, wonach ich suchte und traf dort mit meinen Chansons auf großes Interesse.

Rund 25 Jahre später stehen Sie ab morgen Abend im Tipi in Berlin auf der Bühne und feiern Ihr 25-jähriges Jubiläum. Was genau erwartet die Besucher?

Meine Jubiläumsshow heißt »Geliebte Lieder«. Ich werde also Stücke präsentieren, dir mir viel bedeuten. Darunter sind moderne Sachen, wie mein neuer Song »Schöner war’s mit dir«. Den hat Peter Plate von Rosenstolz für mich geschrieben. Ein ganz wunderbar eingängiges Lied. Natürlich spiele ich aber auch Sachen aus der Vergangenheit. Mascha Kalékos Gedicht »Memento« zum Beispiel habe ich vertont. Ihre Lyrik berührt mich jedes Mal aufs Neue. Sie konnte in wenigen Zeilen auf den Punkt bringen, wofür andere einen ganzen Roman brauchen.

Werden Sie im Tipi auch wieder Stücke von Georg Kreisler singen, mit dessen Interpretationen Sie in den 90ern bekannt geworden sind?
Absolut. Diese Mal kommt er aber dosierter in meinem Programm vor als sonst, da ich im Anfang des kommenden Jahr eine reine Kreisler-Hommage-Show spielen werde. Ganz ohne Kreisler geht es jedoch auch in meinem Jubiläumsprogramm nicht.

Was für eine Verbindung haben Sie zu seinem Werk?
Eine ganz besondere. Kreisler war für mich eine Ikone. Sein Werk ist wie ein Diamant: Je nach Lichteinfall schimmert es in immer anderen Farben. Kreisler konnte unglaublich emphatisch, mitfühlend und zart sein. Im nächsten Moment war er dann schon wieder gnadenlos und hatte einen unerbittlichen Blick auf die Dinge. Leider wurde er in Deutschland viel zu wenig geschätzt, was ich wirklich als Schande empfinde.

Mit dem Sänger sprach Philipp Peyman Engel.

8. bis 13. Oktober 2013
Di bis Sa 20:00 Uhr, Einlass ab 18:30 Uhr
So Einlass ab 17:30 Uhr
Tickets: 25,10 bis 39,50 €
www.tipi-am-kanzleramt.de/de/home

Tim Fischers neues Lied »Schöner war’s mit dir«: www.myvideo.de/watch/9231846/Tim_Fischer_Schoener_war_s_mit_dir

Hollywood

Die »göttliche Miss M.«

Schauspielerin Bette Midler dreht mit 80 weiter auf

von Barbara Munker  28.11.2025

Literatur

»Wo es Worte gibt, ist Hoffnung«

Die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen über arabische Handwerker, jüdische Mütter und ihr jüngstes Buch

von Ayala Goldmann  28.11.2025

Projektion

Rachsüchtig?

Aus welchen Quellen sich die Idee »jüdischer Vergeltung« speist. Eine literarische Analyse

von Sebastian Schirrmeister  28.11.2025

Kultur

André Heller fühlte sich jahrzehntelang fremd

Der Wiener André Heller ist bekannt für Projekte wie »Flic Flac«, »Begnadete Körper« und poetische Feuerwerke. Auch als Sänger feierte er Erfolge, trotzdem konnte er sich selbst lange nicht leiden

von Barbara Just  28.11.2025

Aufgegabelt

Hawaij-Gewürzmischung

Rezepte und Leckeres

 28.11.2025

Fernsehen

Abschied von »Alfons«

Orange Trainingsjacke, Püschelmikro und Deutsch mit französischem Akzent: Der Kabarettist Alfons hat am 16. Dezember seine letzte Sendung beim Saarländischen Rundfunk

 28.11.2025 Aktualisiert

Fernsehen

»Scrubs«-Neuauflage hat ersten Teaser

Die Krankenhaus-Comedy kommt in den Vereinigten Staaten Ende Februar zurück. Nun gibt es einen ersten kleinen Vorgeschmack

 28.11.2025

Eurovision Song Contest

Spanien bekräftigt seine Boykottdrohung für ESC

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE gibt sich kompromisslos: José Pablo López wirft Israel einen »Genozid« in Gaza und Manipulationen beim Public Voting vor und droht erneut mit dem Austritt

 28.11.2025

Imanuels Interpreten (15)

Elvis Presley: Unser »King«

Fast ein halbes Jahrhundert nach Elvis’ Tod deutet viel darauf hin, dass er Jude war. Unabhängig von diesem Aspekt war er zugleich ein bewunderns- und bemitleidenswerter Künstler

von Imanuel Marcus  28.11.2025