Redezeit

»Ich musste raus!«

Herr Noll, Sie leben seit mittlerweile rund 15 Jahren in Israel. Kommt für Sie noch ein anderer Ort infrage?
Nein. Ich fühle mich in Israel zu Hause. Auch meine Kinder und Enkel. Wir tun eine Menge, um hier leben zu können. Ich muss öfter ins Ausland reisen und freue mich jedes Mal, wenn ich wieder in das Flugzeug nach Tel Aviv steige. Ein schwieriges, aber faszinierendes Land.

Was halten Sie für das wichtigste Ereignis in der Geschichte des Staates Israel?
Seine Gründung, die Neu-Gründung eines jüdischen Staates nach fast 2000 Jahren Unterbrechung. Ein in der Geschichte der Menschheit beispielloses Geschehen.

Wie wird Israel Ihrer Meinung nach in weiteren 50 Jahren aussehen?
Es wird ein kleines, einflussreiches, weltweit geschätztes Land sein. Hier ist viel Intelligenz konzentriert, viel kreativer Geist, uralte und neue Erfahrung. Der wirtschaftliche Aufstieg im letzten Jahrzehnt ist beispiellos. Und wie Ben Gurion einmal feststellte: Je stärker der jüdische Staat ist, umso mehr werden sich die arabischen Nachbarn mit seiner Existenz arrangieren.

Sie stammen aus Ostdeutschland, haben lange Jahre in Italien gelebt und sind jetzt Israeli. Wo existiert Ihrer Meinung nach am wenigsten Antisemitismus?
Wahrscheinlich in China. Jedenfalls sagen das meine Nachbarn, Bewässerungs-Spezialisten, die oft geschäftlich dort sind. Auch in Italien habe ich keinen Antisemitismus gespürt. Die Juden dort gelten nicht als Fremde, sondern als Landsleute anderen Glaubens.

Wie war es im Vergleich dazu in der DDR?
Die DDR war ein judenfeindliches Land, obwohl man versucht hat, es zu verbergen. Die Aversion galt nicht unbedingt jedem einzelnen Juden, aber dem Judentum insgesamt. Die sozialistische Bewegung hat eine bis Marx und Kautsky zurückreichende Vorgeschichte von Judenfeindlichkeit. Die Linke ist bis heute in diesem Erbe gefangen. Vor allem war die DDR extrem israelfeindlich. Schon als Kind habe ich darin ein Zeichen von Dummheit gesehen.

Sprach Ihr Vater, der ebenso regimetreue wie assimilierte Schriftsteller Dieter Noll, über sein Judentum?
Nein. Er versuchte, kein Jude zu sein – der Partei zuliebe. Allerdings war seine jüdische Mutter in der Nazi-Zeit verfolgt worden, das ließ sich nicht verheimlichen, und so bin ich langsam hinter das Geheimnis gekommen. Nichts interessiert Kinder mehr als das, was die Erwachsenen verschweigen.

Wussten Sie damals, was es genau heißt, jüdisch zu sein?
Ich wusste so gut wie nichts. Aber, wie ich in einem meiner Bücher schrieb, »auch im Dunkel macht man überraschende Funde«. Es war ein aufregender Prozess des Entdeckens und Lernens. Ich bin glücklich, mein Judentum wiedergefunden zu haben. Vielleicht gerade, weil es für mich so schwer war.

Inwiefern mussten Sie Ihr Interesse daran gegen Widerstände von außen durchsetzen?
Nun, ich wurde belächelt und bespöttelt, wenn ich eine Kippa aufsetzte, jüdische Musik hörte oder mich für jüdische Literatur interessierte. Das hat mir aber nicht viel ausgemacht. Schlimm wurde es, als ich 1980 den Wehrdienst in der DDR-Armee verweigert habe, weil ich diese Truppe für inhuman und unnütz hielt. Einige Monate war ich in psychiatrischen Kliniken. Auch hinterher gab es Schikanen, erst versteckt, später offener. Irgendwann musste ich raus.

Kam es zu Konflikten mit Ihrem Vater, als Sie den Dienst bei der NVA verweigerten und in Opposition zur DDR gingen?
Wir hatten viele Jahre keinen Kontakt. Erst in den Neunzigern, nach dem Ende der DDR, kam es zu einer Wiederannäherung.

Ihr ursprünglicher Vorname ist Hans. Wie kam es dazu, dass Sie sich in Chaim umbenannt haben?
Das war 1991, als die deutsche Linke gegen die USA und Israel demonstrierte, während des ersten Golf-Kriegs. Damals kam mir der Gedanke, dass man sich zum Judesein bekennen muss. Und da habe ich auf dem entsprechenden Amt meinen jüdischen Namen in alle Papiere eintragen lassen. Chaim heißt bekanntlich Leben, und im Talmud steht, dass ein baal tshuvah, ein Jude, der zu seinem Judentum zurückfindet, ein neues Leben beginnt.


Chaim Noll wurde 1954 in Ostberlin geboren. Sein Vater ist der Schriftsteller Dieter Noll. Er verweigerte den Wehrdienst in der DDR. 1983 reiste er nach Westberlin aus, 1991 verließ er mit seiner Familie Deutschland und ließ sich in Rom nieder. Seit 1995 lebt er in Israel. Sein aktueller Roman »Feuer« ist im Verbrecher Verlag erschienen und kostet 24 €.

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  16.04.2026

Paris

Einen Picasso für 100 Euro gewonnen

Das Auktionshaus Christie’s hat ein Gemälde des berühmten Malers für einen wohltätigen Zweck verlost. Gewonnen hat ein 59-Jähriger aus Paris

von Nicole Dreyfus  16.04.2026

»Scrubs«

Die Rückkehr der Anfänger

Nach 16 Jahren Pause geht es weiter mit der amerikanischen Krankenhaus-Serie. Aber funktioniert das Konzept noch?

von Ralf Balke  16.04.2026

Kulturkolumne

Wenn der Moderator nur sich selbst hört

Armin Laschet und die Absicht, ein Interview zu geben: Über Ambiguitätstoleranz im Deutschlandfunk

von Maria Ossowski  16.04.2026

Thriller

Israelische Serie »Unconditional« startet auf Apple TV

Orna reist mit ihrer 23-jährigen Tochter Gali nach Moskau. Kurz vor einem Flug wird Gali festgenommen. Damit beginnt Ornas Kampf für Gerechtigkeit

 16.04.2026

New York

Mehrere Juden auf neuer »Time«-Liste der einflussreichsten Menschen

Zwei jüdische Regierungschefs, drei Unternehmer und neun Künstler genießen nach Ansicht der Magazin-Autoren einen hohen Einfluss

von Imanuel Marcus  16.04.2026

London/Los Angeles

Unerwarteter Ticket-Boom: Royal Ballet bedankt sich bei Timothée Chalamet

Nach kritischen Bemerkungen des Hollywood-Stars steigen Reichweite und Ticketverkäufe in der Oper- und Ballett-Welt deutlich

 15.04.2026

London

Boy George unterstützt Israel online und erntet dafür Hass-Kommentare

»Es ist gerade sehr trendy, Israel zu hassen. Aber ich habe immer gesagt: ›Mode ist für die Zerbrechlichen, Stil für die Mutigen‹«, schreibt das Multitalent. Die Antworten lassen nicht lange auf sich warten

 14.04.2026