Perspektive

Humor hilft

Der leise Sieg über den Schmerz: Lachen, um nicht zu zerbrechen – eine uralte jüdische Kunst. Foto: Getty Images/iStockphoto

Im Jahr 1978 stellte das »Time Magazine« fest, dass 80 Prozent der Stand-up-Comedians in den USA Juden sind. Dies mag kein Zufall sein, ist Humor doch unerlässlich, um schwierige Zeiten zu überstehen. Humor in all seinen Ausformungen ist wichtig, damit wir Menschen nicht den Verstand verlieren.

In Israel ist zu beobachten, wie man mit seiner Hilfe in den vergangenen Jahren schlimmsten Tragödien begegnete. Die zurückgekehrten Geiseln nutzen ihn ebenso wie Soldaten, die Kameraden verloren haben, und fast jeder andere Teil der israelischen Gesellschaft auch. Dasselbe gilt für Juden in Europa und Nordamerika, für die es derzeit nicht leicht ist, jüdisch zu sein.

In einer Szene des berühmten israelischen Films Lo Sam Sain (»Ist mir scheißegal«) von Dan Ben-Amotz besucht eine junge Frau ihren im Krieg schwer verletzten Freund in einer Klinik. Als sie im Flur an verwundeten Soldaten vorbeigeht, fragt einer, ob er sie »anfassen« dürfe, dann nimmt er seine Armprothese ab und legt sie ihr auf die Schulter. Nach einem Schockmoment schnappt die Frau sich die Prothese und rennt den Flur entlang. Das Publikum muss unweigerlich lachen.

Es ist kein Zufall, dass es »jüdischen Humor« gibt

Wie kann man darüber lachen, wenn ein junger Mann seinen Arm verliert? Warum ist das lustig und tröstlich zugleich? Humor in all seinen Facetten ist eines der wirksamsten Mittel, um in tiefen Krisen und Kriegszeiten Zusammenhalt und Widerstandsfähigkeit zu schaffen. Deshalb ist es eben kein Zufall, dass es »jüdischen Humor« gibt.

Der Psychoanalytiker Heinz Kohut sagte, dass der Humor unsere emotionale Bindung an die schreckliche Realität lockere. Bestenfalls ist Humor ein stiller, innerer Sieg, begleitet von Melancholie. In den vergangenen zwei Jahren haben die Menschen in Israel extreme Prüfungen durchstehen müssen: schwere politische Kämpfe, die die Nation von innen bedrohten, sowie die Massaker des 7. Oktober 2023 – die Entführung von Zivilisten und Soldaten sowie die Ermordung von 1200 Männern, Frauen und Kindern.

Zwei Jahre lang lebten die Menschen in anhaltender Trauer. Im Krieg fielen Soldaten, die Heimatfront war durch Raketen bedroht, und Zivilisten mussten mehrmals pro Tag in Schutzräumen ausharren.

Humor verarbeitet das Rohmaterial der Realität zu etwas, das leichter zu ertragen ist.

Neben den Kämpfen im Gazastreifen und im Norden gab es zudem einen Krieg mit dem Iran. In dessen Verlauf wurden in Israel 33 Zivilisten in ihrem Zuhause getötet. Es ist schwer zu beschreiben, wie viel Stress und Angst der durchschnittliche Israeli ertragen musste. Das Leben, die körperliche und emotionale Unversehrtheit, die Demokratie und Israels soziales Gefüge – alles war bedroht. Und trotzdem blühte der Humor.

Der israelische Stand-up-Comedian Udi Kagan erzählte, dass er kurz nach dem 7. Oktober für Evakuierte aus dem Kibbuz Be’eri auftrat. Sie hatten gerade erfahren, dass sie ihre von den Terroristen zerstörten Autos aus dem Kibbuz zurückholen könnten. Auf die Frage, ob sie sich freue, ihr Auto zurückzubekommen, antwortete eine Frau: »Es ist ein Dacia. Die Hamas hat mir einen Gefallen getan.«

Humor verarbeitet das Rohmaterial der Realität zu etwas, das leichter zu ertragen ist. Es gibt Tod, Terror, Böses, Angst, Dummheit und Hilflosigkeit in der Welt. Aber wenn wir darüber lachen können, werden diese Dinge menschlich, und wir werden zu einem Teil der gesamten menschlichen Existenz.

Ein Witz kann ein Akt der Großzügigkeit sein

Mit anderen Worten: Katastrophale oder schmerzhafte Ereignisse können unser psychisches Leben verbittern lassen, aber Humor bringt uns zurück in die Umarmung der menschlichen Zusammengehörigkeit. Wenn wir etwas für andere tun – und wenn es nur ein Witz ist, der für Erleichterung sorgt –, wird es auch für uns selbst leichter. Es ist ein Akt der Großzügigkeit.

Nachdem beim Angriff des Iran ihr Wohnhaus zerstört wurde, postete eine Frau auf Social Media: »Wenigstens haben die Iraner die Rakete abgeschossen, bevor ich es geputzt habe …« Wie kann man in einem solchen Moment lachen? Der Witz erinnert uns daran, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind als ein zerstörtes Haus. Der Witz basiert auf der Realität, aber der Humor verwandelt den Schmerz, sodass die Trauer plötzlich erträglicher wird.

Lesen Sie auch

Guter Humor trifft den menschlichen Schmerz dort, wo er am tiefsten ist. Durch ihn überschreiten wir die Grenzen des Selbst und gelangen zu denen des Kollektivs. Es ist ein Moment des Lebens, der den Tod nicht aufhebt, sondern einen menschlichen Blick auf ihn zulässt – ein Moment des Lebens an einem unmöglichen Ort.

Oder wie Chaim Bialik einst schrieb: Neben der Sprache der Worte gebe es Sprachen ohne Worte wie Musik, Weinen und Lachen, so der israelische Dichter. »Diese entspringen dort, wo die Worte erschöpft sind. Jede Schöpfung des Geistes, die nicht einen Widerhall einer dieser drei in sich trägt, ist leblos und verdient es nicht, in die Welt zu kommen.«

Die Autorin ist Psychoanalytikerin und lebt in Jerusalem.

Glosse

Der Rest der Welt

Von Kaffee-Helden, Underdogs und Magenproblemen

von Margalit Edelstein  08.12.2025

Eurovision Song Contest

»Ihr wollt nicht mehr, dass wir mit Euch singen?«

Dana International, die Siegerin von 1998, über den angekündigten Boykott mehrerer Länder wegen der Teilnahme Israels

 08.12.2025

Feiertage

Weihnachten mit von Juden geschriebenen Liedern

Auch Juden tragen zu christlichen Feiertagstraditionen bei: Sie schreiben und singen Weihnachtslieder

von Imanuel Marcus  08.12.2025

Vortrag

Über die antizionistische Dominanz in der Nahostforschung

Der amerikanische Historiker Jeffrey Herf hat im Rahmen der Herbstakademie des Tikvah-Instituts über die Situation der Universitäten nach dem 7. Oktober 2023 referiert. Eine Dokumentation seines Vortrags

 07.12.2025

Zwischenruf

Die außerirdische Logik der Eurovision

Was würden wohl Aliens über die absurden Vorgänge rund um die Teilnahme des jüdischen Staates an dem Musikwettbewerb denken?

von Imanuel Marcus  07.12.2025

Los Angeles

Schaffer »visionärer Architektur«: Trauer um Frank Gehry

Der jüdische Architekt war einer der berühmtesten weltweit und schuf ikonische Gebäude unter anderem in Los Angeles, Düsseldorf und Weil am Rhein. Nach dem Tod von Frank Gehry nehmen Bewunderer Abschied

 07.12.2025

Aufgegabelt

Plätzchen mit Halva

Rezepte und Leckeres

 05.12.2025

Kulturkolumne

Bestseller sind Zeitverschwendung

Meine Lektüre-Empfehlung: Lesen Sie lieber Thomas Mann als Florian Illies!

von Ayala Goldmann  05.12.2025

TV-Tipp

»Eigentlich besitzen sie eine Katzenfarm« - Arte-Doku blickt zurück auf das Filmschaffen von Joel und Ethan Coen

Die Coen-Brüder haben das US-Kino geprägt und mit vielen Stars zusammengearbeitet. Eine Dokumentation versucht nun, das Geheimnis ihres Erfolges zu entschlüsseln - und stößt vor allem auf interessante Frauen

von Manfred Riepe  05.12.2025