Manche Häuser bewahren mehr als ihre Bewohner: Geschichten, Geheimnisse, die Spuren einer ganzen Epoche. In »Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte« macht Volker Schlöndorff (»Die Blechtrommel«) ein Haus an einem märkischen See südöstlich von Berlin zum stillen Zeugen deutscher Geschichte. Daraus entsteht ein eindringlicher Film über Erinnerung, Vergänglichkeit - und die Unmöglichkeit, der Geschichte zu entkommen.
Menschen verschwinden, das Haus bleibt
Zunächst wirkt alles beinahe idyllisch. Ein Grundstück am See, ein Haus, Familien, Sommer. Doch die Idylle ist trügerisch. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten verändert sich der scheinbar geschützte Mikrokosmos. Der jüdische Besitzer verliert sein Eigentum, seine Familie wird verfolgt und deportiert. Der Krieg erreicht den Ort. Danach kommen die sowjetischen Soldaten. Später folgen die DDR, der Kommunismus, die Mauer und schließlich deren Fall.
Jahrzehnte hinweg wechseln seine Bewohner, seine Besitzer, seine politischen Systeme – nur das Haus bleibt. Es steht da, unbeirrbar, während draußen Deutschland seine dunkelsten und widersprüchlichsten Kapitel durchlebt.
Mal Hitler, mal Honecker, mal Willy Brandt
»Die Leute machen einen Plan, einen Lebensplan«, sagte Schlöndorff im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. »Die Menschen wollen eigentlich nur in Ruhe in einem Haus am See ihren Sommer verbringen. Und jedes Mal kommt die Weltgeschichte dazwischen und vermasselt ihnen alles.«
Die einen zahlen mit dem Tod, andere müssen in den Westen fliehen. »Man konnte in Deutschland anscheinend nicht in Ruhe leben, weil die Politik immer dazwischengekommen ist.« Selbst an diesem abgelegenen Ort bleibt sie präsent: »Mal ist Hitler auf der Briefmarke, dann ist Honecker auf der Briefmarke, dann ist Willy Brandt im Fernsehen.«
Wenn das Heim zum Alptraum wird
Schon der Titel »Heimsuchung« trägt die doppelte Bedeutung des Films in sich: Er erzählt von der Suche nach einem Heim, nach einem Ort, an dem man bleiben und sein Leben selbst bestimmen kann – und zugleich von der Heimsuchung, die über diesen Ort und seine Bewohner immer wieder hereinbricht.
Schlöndorff versteht den Film dabei nicht als Chronik. Es geht ihm nicht darum, deutsche Geschichte lückenlos nachzuerzählen, sondern um mehrere Generationen und ihre alltäglichen Erlebnisse. Hinter den politischen Umbrüchen steht immer derselbe Wunsch: das eigene Leben selbst zu bestimmen. Und immer wieder zeigt sich, wie sehr dieses Leben von außen bestimmt wird.
Geschichte, die durchsickert
Schlöndorff inszeniert die Geschichte mit großer formaler Zurückhaltung. Die Dialoge sind reduziert, vieles wird nicht ausgesprochen. Er wollte den Figuren nicht alles in den Mund legen und die Geschichte nicht durch Erklärungen dominieren lassen, sagte der 87-Jährige im Gespräch.
Stattdessen verbinden Bilder, Geräusche, Musik und eine zeitlos wirkende Voice-over-Erzählung die Jahrzehnte miteinander. Die Geschichte wird nicht erklärt, sondern sickert in den Alltag ein: Man hört Nachrichten im Fernsehen, politische Veränderungen dringen nur am Rand in die private Welt ein, Bomben scheinen zunächst weit entfernt. Menschen verschwinden, Soldaten tauchen auf, Besitzverhältnisse ändern sich.
Ein sehr persönlicher Film
Auch schauspielerisch lebt der Film von großer Zurückhaltung. Er ist kein Schaulaufen einzelner Stars: Die Schauspieler, darunter Lars Eidinger, Martina Gedeck, Susanne Wolff und Detlev Buck, fügen sich in die übergeordnete Erzählung ein.
Die Geschichte zeigt sich in den Gesichtern und Körpern der Menschen, die mit ihr leben müssen - selbst in den drastischsten Momenten, etwa in der verstörenden Szene mit einem sowjetischen Soldaten, in der Gewalt und Gegenwehr auf bedrückende Weise ineinandergreifen.
»Heimsuchung - Eine Jahrhundertgeschichte« ist ein sehr persönlicher Film für Schlöndorff. Der Regisseur, 1939 geboren, gehört zu einer Generation, deren Biografie von der deutschen Katastrophe geprägt wurde. Für die Gestaltung insbesondere der 1930er- und 1940er-Jahre griff er auf sehr private Erinnerungen zurück. »Meine größte Hilfe beim Inszenieren waren die Fotoalben meiner Mutter«, erzählte er.
Kein Film, der Deutschland erklären möchte
Bemerkenswert ist die Figur des Gärtners. Während Jahrzehnte vergehen und die übrigen Figuren altern, bleibt er so alt wie am Anfang: Er spricht wenig und scheint die historischen Umwälzungen einfach an sich vorüberziehen zu lassen. Schlöndorff bezeichnet ihn selbst als Möglichkeit, den Film wie eine Fabel zu behandeln.
Schlöndorff hat mit »Heimsuchung - eine Jahrhundertgeschichte« einen Film über Deutschland gedreht, aber kein Film, der Deutschland erklären möchte. Gerade seine stille, zurückgenommene Erzählweise macht ihn zu einem eindringlichen Film über Erinnerung, Schuld und Verlust - und über den Wunsch nach einem Ort, an dem man bleiben kann.