Igor Levit

»Ich bin keine Maschine«

»Der engste Kreis von Menschen ist stabil geblieben«: Igor Levit (39) über sein soziales Netzwerk nach den Massakern vom 7. Oktober 2023 Foto: Gregor Zielke


Herr Levit, Sie haben ein neues Musiklabel mit dem Namen »No Silence« gegründet. Was hat es damit auf sich?
Ich stehe an einem Punkt sowohl in meiner Karriere als auch in meinem Leben, an dem ich sehe: Die Welt verändert sich, die Rolle des Künstlers, ökonomische und künstlerische Bedingungen verändern sich. Wir erleben Disruption und Erneuerung. Und Erneuerung, Emanzipation und Befreiung wollte ich! Schon vor einigen Jahren habe ich den Entschluss gefasst, in naher Zukunft mein eigenes Plattenlabel zu gründen. Ich möchte andere Künstler unter Vertrag nehmen. Aus tiefstem Herzen, persönlichen Gründen und weil ich dafür brenne.

Was reizt Sie daran?
Mich interessiert: Was möchtest du? Wofür steht deine Stimme? Welchen Weg willst du gehen? Wenn wir zusammenarbeiten, dann tue ich alles in meiner Macht Stehende, diese Stimme so klar und wahrnehmbar wie möglich in die Welt hinauszutragen.

Ihr Label trägt den Namen »NO SILCENCE Records«. Ich denke dabei sofort an den 7. Oktober 2023, als Sie angesichts der Gräueltaten der Hamas-Terroristen Ihre Sprache verloren hatten.
Meine Sprache war weg, nicht nur metaphorisch, sondern auch körperlich. Eine Zeit lang hatte ich sogar Wortfindungsstörungen. Aber dank vieler Gespräche habe ich nach und nach wieder Worte gefunden. Gleichzeitig fand ich etwas, wonach ich eigentlich nie gesucht habe, nämlich ein sehr tiefes Gefühl von Verbindung zu meinem Volk, zu meiner Tradition, zu meinem jüdischen Kern. Das war ungeheuer bereichernd und natürlich nicht der einzige, aber ein fundamental wichtiger Grund, dass ich wieder Worte fand. Und zwar neue Worte. Klar, ein jeder von uns wünscht sich, dass dieser furchtbare Tag nie stattgefunden hätte. Die unendlich vielen Traumata aufgrund dieses Tages sind ja noch immer für alle spürbar. Aber heute muss ich bei allem Schmerz sagen: Diese drei Jahre waren ungeheuer bereichernd. Sie haben mein Leben reicher und voller gemacht.

Sie bleiben mit Ihrem Label unter dem Dach von Sony. Wer finanziert »No Silence«?
Ich selbst. Es ist mein Unternehmen, so etwas wie mein Kind. Zu sehen, wie es nach so vielen Jahren des Nachdenkens und des Arbeitens zur Welt kommt, ist ein sehr, sehr besonderer Moment in meinem Leben. Ich muss einfach sagen, das ist ein großes Geschenk.

Sie haben vor drei Jahren bei einer Gedenkveranstaltung auf dem »gelben Klavier«, das an die Hamas-Geiseln erinnern sollte, in Berlin gespielt. Damals sagten Sie, dass Sie mit dem verschleppten Pianisten Alon Ohel ein Konzert geben wollen, sobald er freigelassen würde. Konnten Sie ihn mittlerweile treffen?
Zusammen musizieren konnten wir nicht. Ich hatte eine kurze Begegnung mit ihm. Sie war sehr schön, sehr besonders. Es war wirklich ein Moment, den ich nicht vergessen werde: diesen jungen Mann lebend und lächelnd und so gesund, wie es eben geht, mit seiner Familie und seinen Liebsten zu sehen.

Haben Sie viele Freunde verloren durch die politische Lage?
Gegenfrage, aber ernst gemeint: Wie definieren Sie »Freunde«?

Für mich sind richtig gute Freunde Menschen, mit denen man über alles sprechen kann und denen man sich verbunden fühlt.
Der engste Kreis von Menschen, ohne die ich nicht kann und will, ist stabil geblieben. Nicht frei von Auseinandersetzungen, aber geprägt von tiefstem Vertrauen. Da habe ich niemanden verloren. Was jetzt – sagen wir mal – Freunde und Bekannte angeht, würde ich sagen: beinahe alle. Aber ich bin neuen Menschen begegnet. Das ist wunderbar.

Wurden Sie von Konzerten ausgeladen?
Nein.

Was unternehmen Sie, wenn Ihr Geist und Ihre Finger beim Klavierspielen nicht so wollen wie Sie?
Dann ist es eben so, und dann gehe ich damit um. Ich bin keine Maschine. Sind wir alle nicht. Es gibt solche Tage. Ich verzage nicht. Wenn ich keine Musik machen könnte, würde ich sterben. Das heißt, an einem Tag, an dem mir das Spielen nicht gut gelingt, an dem ich nicht glücklich damit bin, bin ich immer noch glücklicher, als wenn ich keine Musik machen würde. Das sage ich in vollem Bewusstsein. Insofern ärgere ich mich und bin genervt. Aber das ändert nichts an meinem Lebensglück, Musiker sein zu können.

Was mögen Sie nicht am Üben?
Es gibt nichts, was ich am Musikmachen nicht mag, außer gelegentlich die Müdigkeit beim Reisen bei Konzerttourneen.

Der erste Künstler, den Sie unter Vertrag nehmen, ist Lukas Sternath, ein junger Wiener Pianist. Die anderen beiden angekündigten Alben spielen Sie selbst ein. Darunter das Stück »Vexations« (»Quälereien«) von Erik Satie, das 840 Wiederholungen umfasst und extrem lange dauert. Wie viele Stunden kommen aufs Album?
Die ehrliche Antwort ist: Ich weiß es gerade gar nicht. Ich glaube, es sind knapp 16 Stunden. Alles andere wäre ja sinnlos, also würde dem Werk gar nicht entsprechen.

Auf einem YouTube-Video, das Sie vor Jahren eingespielt haben, sieht man, wie Sie mitunter erschöpft am Flügel sitzen und die Notenblätter zu Boden fallen lassen. Wie schafft man es, 16 Stunden lang immer dasselbe Thema zu spielen?
Ich habe »Vexations« mehrfach live aufgeführt und muss Ihnen ganz ehrlich sagen: Das hat unfassbar viel Spaß gemacht. Es ist kein 30-Minuten-Stück, es ist auch kein 60-Minuten-Stück. Da ist dieser Stapel Papier mit seinen 840 Seiten und irgendwann ist der halt weg. Und du? Du lässt dich darauf ein. Du bist du. Das ist die Entscheidung. Sich auf dieses Stück, dieses Werk, diese Musik einzulassen. Es ist ungeheuer befreiend, weil es läuft. Gleichzeitig ist es sehr leicht zu spielen. Das heißt, du hast, während du spielst, Zeit und Raum für sehr viele Gedanken. Es ist ja fast ein meditativer Prozess. Aber ein Prozess, der ungeheuer viel Platz lässt für das, wonach auch immer dir ist. Insofern ist es leicht durchgeknallt. Ergibt es in irgendeiner Form Sinn? Ich finde: ja. Viele würden sagen: nein. Nun zu der Frage, wie mir das gelingt. Nicht viele Aufführungen in meinem Leben haben mir so viel Spaß gemacht wie diese. Das Erlebnis ist einfach großartig. Dieses »Alles ist möglich«, dieser Geist der Grenzenlosigkeit ist ein zentraler Teil der Seele von »No Silence«. Das soll auch ein Zeichen an Künstlerinnen und Künstler sein: There is no limit to the game.

Ein schönes Motto. Wie sieht bei Ihnen ein perfekter Tag aus?
Bei mir besteht er aus sehr viel Zeit mit Freunden, mit Musik, gutem Essen, Sport und keiner Sekunde in der Deutschen Bahn. Aber das ist jetzt eine Privatmeinung.

Sie erzählen auf Instagram jüdische Witze. Können Sie sich selbst damit auch aufheitern?
Ach, das ist eine schwierige Frage zurzeit. Wenn ich nicht mit Freunden zusammen bin oder mit Menschen, die ich liebe, oder beim Musikmachen, weiß ich gerade nicht, wie ich mich aufheitern soll. Es ist eher eine Form der Kompensation. Humor als emotionales Überlebenstool. Humor ist auch meine kleine private Reaktion auf die Schrecklichkeiten dieser Zeit. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, die ganze Zeit tagespolitische antisemitische Vorfälle zu kommentieren. Das mache ich oft genug. Die Witze sind ein bisschen was wie mentale, emotionale Kompensation, und die tut mir manchmal gut. Anderen hoffentlich auch. Das will ich jetzt so lange machen, wie mir Witze einfallen. Und mein Repertoire ist, glaube ich, ganz schön groß.

Mit dem Pianisten sprach Christine Schmitt. Die Release-Party des Labels mit Igor Levit und Lukas Sternath findet am 21. Oktober 2026 im Columbia-Theater Berlin statt.

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