Was macht ein Buch zu einem literarischen Werk? Ist es die Sprache, die Anerkennung durch Kritiker – oder am Ende nur die Zahl der Menschen, die es lesen wollen? Noa Yedlins neuer Roman Das falsche Buch nimmt diese Frage oder, besser gesagt, diesen schmalen Grat zwischen »ernster« Literatur und Unterhaltungsliteratur ins Visier.
Spoiler: Ein Roman über Mutterschaft und Schreiben ist das Buch nicht, aber im Zentrum steht zunächst Rona, Schriftstellerin und Mutter. Und dann ist da auch Gidi, Ronas Mann, ein Archäologe, der ihr als »moderner Mann« den Rücken freihält, damit sie schreiben kann. Gidi ist überzeugt von ihrem schriftstellerischen Potenzial.
Die Heldin steckt in einer tiefen Schreibblockade
Aber Rona hat ein Problem: Sie steckt in einer tiefen Schreibblockade. Woran diese Krise liegt, kann sie sich nicht so recht erklären. Sie kämpft auch mit der Tatsache, dass sie es nicht einmal mehr schafft, jene Literatur zu lesen, die ihrem eigenen kulturellen Anspruch entspricht. Rona weiß lediglich, dass sie sich lieber eine Reihe von minderwertigen Krimis auf Netflix reinzieht, anstatt zu lesen – und zu schreiben. Als sie aber eines Nachts (»Weißt du, was ich mache, wenn du schläfst?«) die Fernsehbedienung nicht findet und stattdessen zum Kindle-Gerät greift, beginnt die eigentliche Geschichte.
Rona entdeckt mehr oder weniger zufällig – eine Bekanntschaft, die sie von Kinderwagenspaziergängen her kennt, machte sie darauf aufmerksam – das Genre der »Romance-Literatur«. Aus purer Neugier wird Rona also in eine Affäre hineingezogen. (Die Bedeutung von »Affäre« kann hier neu ausgelegt werden.) Zunächst liest sie die Liebesromane als geistige Fast-Food-Portionen für erschöpfende Baby-Nächte.
Aus der süchtigen Leserin wird schließlich eine heimliche »Romance«-Autorin
Aus der süchtigen Leserin wird schließlich eine heimliche Autorin. Unter Pseudonym und aus reinem Spaß nimmt Rona an einem Online-Wettbewerb teil und gewinnt. Bald interessiert sich ein Verlag für ihr Manuskript, der Text wird zum Erfolg. Rona hat damit das erreicht, woran sie mit ihrer »ernsten« Literatur gescheitert ist: Sie wird gelesen.
Der Twist liegt auf der Hand. Rona schreibt das Buch, das sie selbst für minderwertig hält. Das falsche Buch wird damit zum richtigen – oder zum ehrlicheren. Noa Yedlin macht daraus ein Spiel: Wer entscheidet, was anspruchsvoll ist? Warum gilt ein Roman, der Liebe, Begehren und sexuelle Fantasien bedient, als weniger wertvoll als ein Roman, der dieselben menschlichen Bedürfnisse in kompliziertere Sätze kleidet? Und wie viel Verachtung für den Massengeschmack steckt im Begriff »Unterhaltung«?
Alles kluge Fragen. Yedlins versöhnliche Antwort bleibt aus. Sie lässt ihre Figuren an der immer unklareren Unterscheidung zwischen Hoch- und Unterhaltungsliteratur festhalten beziehungsweise scheitern, während die Handlung ihre Heldin zunehmend unterläuft. Rona schämt sich für ihren Erfolg und hält ihn geheim. Und Gidi macht kein Hehl daraus, dass er dieses neue Genre mit intellektueller Herablassung betrachtet. Trotz der ihr zuvor eröffneten Freiräume setzt er seine Frau nun unter Druck. Damit wird Romance schließlich zum Störkörper ihrer eigenen Beziehung.
Bissiger Blick aufs Literaturgeschäft
Yedlin wirft auch einen bissigen Blick aufs Literaturgeschäft, wo verlegt, beworben, rezensiert, ausgezeichnet und verkauft wird. »Ernste« Literatur hat gelernt, ihren kommerziellen Charakter gut zu verbergen. Romance dagegen kommt ohne falsche Bescheidenheit aus: Sie kennt ihr Publikum und hält sich an ihre Versprechen. Deshalb wird sie so geringgeschätzt.
Das falsche Buch argumentiert mit großer Lust gegen die literarischen Hierarchien, bleibt ihnen an manchen Stellen aber auch verhaftet. Eine Provokation, weil es ein »richtiges« Buch braucht, gegen das es sich behaupten muss? Trotzdem mehr als eine hübsche Satire auf den Literaturbetrieb. Nicole Dreyfus
Noa Yedlin: »Das falsche Buch«. Kein und Aber, Zürich und Berlin 2026, 542 S., 26 €