Tomer Gardi

Auf der Spur der Fahrradkuriere

»Perspektivwechsel« brüllt Tomer Gardi gleich auf der ersten Seite seines neuen Romans Liefern. Sechsmal hintereinander: »Perspektivwechsel!« Ein Heilmittel sei das, »wie ein Alchemisten-Zaubertrank. Ein Seelendünger. Ein Horizontextrakt«. Das »hilft auch gegen Selbstmitleid! Lindert Erbnabelschau! Lockert identitäre Fixationen! Hilft zudem gegen Opferglorie«.

So kennt und liebt man den israelischen Berliner, wild voranpreschend, auf nichts und niemanden wartend, Buchstaben und Menschen in aberwitziger Geschwindigkeit zu Absätzen, Kapiteln und ganzen Büchern verwurstend. Doch dann blättert man um – und da wartet diesmal ein anderer Gardi.

Ist es gut, dass er sich beruhigt hat?

Ist es gut, dass er sich beruhigt hat?, fragt man sich bei der folgenden Lektüre des vierten Werkes des Weltenbauers, der es 2016 schaffte, als erster Autor in der Geschichte des Bachmann-Preises eingeladen worden zu sein, ohne die hochdeutsche Schriftsprache zu beherrschen?

Weder schäumend noch wild sind diesmal Schreibe und Sujet. Keine irren Sprünge, Zauberwesen oder Wortungetüme, nirgends. Der rasende Beat des mittlerweile 52-Jährigen hat sich einfach um einige Schläge pro Minute heruntergeschraubt, vielleicht ist er sogar bei Halftime gelandet. Und das, obwohl die Helden dieses Episodenromans doch in abenteuerlicher Geschwindigkeit durch die Metropolen der Welt brettern: Lieferanten auf E-Bikes, die mit dem »kubischen Globus auf dem Rücken«.

Gardi nimmt sich Zeit, das Leben dieser Menschen, die liefern müssen, um sich und ihre Familien zu ernähren, schreibend zu erkunden. Für die von der entfesselten Sofortbefriedigungskultur der westlichen Wohlstandsgesellschaft Getriebenen ist die Welt zu einem globalen Dorf geworden, in dem an der einen Straßenecke ein mafiöser Vermieter, an der anderen ein guter Freund in Not und an der nächsten womöglich ein Unfall wartet. Eine brutale Welt der Abhängigkeit, in der der Druck nie nachlässt, »Abwarten in Bewegung«. Außerhalb des Vorstellungswillens derer, die sie per App rufen.

Doch da hört Gardis Einblick, für den er drei Jahre lang auf drei Kontinenten recherchiert haben will, nicht auf. Er reizt die Lieferkette aus, verfolgt die Wirkung des Schlages des Schmetterlingsflügels, der bei ihm der Tritt in die Pedale ist, bis zum dritten Orkan. Und auch wenn die These seines Romans, dass kein Mensch eine Insel ist, banal erscheint, erschreibt Gardi einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Da ist er ganz der Alte geblieben.

Denn natürlich will man wissen, ob Filmon aus Eritrea in Tel Aviv genug Geld verdient, um Frau und Kind, die er seit zehn Jahren nicht gesehen hat, nach Berlin zu folgen. Selbstredend kann man nicht aufhören zu lesen, wenn eine Mutter in Argentinien das Handy ihres toten Sohnes jagt.

Haartransplantation in Istanbul

Man will herausfinden, ob Pavan aus Indien in Berlin sein Gesicht zurückbekommt, ob Ciervo aus Venezuela irgendwann genug liefert, damit er nicht mehr für Geld das Online-Game »Axie Infinity« spielen muss – oder andersherum, und was denn nun mit Sachin, der einzigen Liefer-Frau und deren Sohn Vivaan in Neu-Delhi passiert ist.

Der schwächste, wenn auch lustigste Teil der 316 Seiten ist der, in dem Gardis Ich-Erzähler mit seinem Kumpel Ronen zur Haartransplantation nach Istanbul reist und über Literatur-Stipendien und das damit bezahlte sprießende neue Leben auf der Glatze sinniert. Bis ihn ein Angelhaken in die Realität zurückfischt.

Also, hereinspaziert in den Konsum-Zirkus, der für viel zu viele Menschen auf dieser Welt zur brutalen Arena geworden ist. Und genau das kann Gardi sogar beschreiben, wenn es um die Aufzucht zarter Rosen geht, die sich etwas öffnen, wenn man sie leicht anpustet.

Tomer Gardi: »Liefern«. Roman. Mitarbeit und in Teilen Übersetzung aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Tropen, Stuttgart 2026, 315 S., 25 €

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