Das literarische Konzept ist bekannt, und es funktioniert: Fein säuberlich präsentierte Parallelhandlungen laufen aufeinander zu, um sich dann vor unseren lesenden Augen zu verstricken. Es ist die Gleichzeitigkeit von Vorhersehbarkeit und Spannung, die den Reiz ausmacht. Auch Holly-Jane Rahlens bedient sich in ihrem Jugendroman Frostblüten dieser Erzählstrategie. Sie tut es bewusst und klug.
Lotte wie Estera sind 16 Jahre alt. Ein paar Monate lang werden wir die beiden Mädchen begleiten. Der eisige »Hungerwinter« von 1947 hat das Nachkriegsberlin fest im Griff. Lotte lebt mit Mutter und Bruder in einer kleinen Wohnung. Ihr altes Zuhause liegt in Trümmern. Der große Bruder ist im Krieg umgekommen, der Vater (lebt er noch?) in russischer Gefangenschaft. Estera ist jüdisch, ist Waise, hat alles und jeden, Vater, Mutter, kleine Schwester, auf den Fluchtwegen durch Osteuropa, den kurzen, prekären Stationen dazwischen verloren.
Man friert, man hungert, man ist traumatisiert, man trauert, man versucht nach vorn zu schauen. Die Kapitel tragen Datumszeilen, manchmal mit Zusätzen wie »Sekunden später«. Sie gehören abwechselnd einmal Lotte, einmal Estera. Lotte arbeitet wie ihre Mutter (eine so besorgte wie harte, wie verzweifelte, wie voller Naziideologie steckende Frau) im DP-Lager Schlachtensee an der Potsdamer Chaussee.
Man friert, man hungert, man ist traumatisiert, man trauert, man versucht nach vorn zu schauen.
Dort lernen sich die Mädchen kennen, gewähren sich Einblicke ins jeweils andere Leben, erreichen in ihrer Beziehung zumindest eine Ebene, auf der sie sich in kurzen Momenten der Eskalation emotional öffnen. Auch ein paar lichte Augenblicke, in denen man miteinander »kichert«, gibt es. Tagebuchähnlich berichten Lotte und Estera aus der Ich-Perspektive von sich, von ihren Begegnungen miteinander, auch mit bitteren Differenzen, die trennen. Von den
Mädchen werden sie gegenwärtig und direkt an- und ausgesprochen.
Frostblüten ist ein intensives, feinfühliges Buch. Sehr wissend bewegt es sich durch diese Zeit der Extreme, geht tief in die Emotionen und bietet gleich daneben wunderbar atmosphärische Einsprengsel. Lottes Begeisterung für Mode, für Stoffe ist fast ansteckend.
Lotte will es auf die Modeschule schaffen, will Estera für die Ausreise zu deren Onkel in Chicago ein Kostüm schneidern. Aber es wird kompliziert, und das Kleidungsstück verwandelt sich Stoff für Stoff und Stich für Stich zum Leitmotiv voller Bedeutung.
Holly-Jane Rahlens: »Frostblüten«. Fischer Sauerländer, Frankfurt am Main 2026, 256 S., 18 €