Ein Buch über sich in Berlin und die Mutter in Moskau, unerreichbar wegen des Krieges gegen die Ukraine, den Putin vom Zaun brach. Ein Buch über grassierenden Antisemitismus in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023. Und ein Buch über Paul Celan, den großen Dichter. Wie können drei solche Stränge nur ein einziges Buch ergeben – einen beeindruckenden, hochpolitischen wie emotional bewegenden Roman mit dem poetischen Titel Die Seine fließt ins Schwarze Meer?
Im vergangenen Jahr erhielt Boris Schumatsky für einen Auszug aus seinem Manuskript bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur, dem Vorlesewettbewerb in Klagenfurt, einen der Preise zugesprochen. Zu Recht. Denn kunstvoll verwebt er diese drei roten Fäden miteinander.
Beredter Kritiker des Putin-Regimes
Er schreibt von sich und der Mutter, die stirbt, ohne dass er Abschied nehmen kann – seit 2014, seit der Okkupation der Krim, ist er ein punktgenau beredter Kritiker des Putin-Regimes. Reiste er nach Moskau, würde man ihn sogleich am Flughafen verhaften.
Schumatsky erinnert sich an seine Jugend in der Stadt an der Moskwa und an die späten Jahre der Sowjetunion, als er sich dem Wehrdienst entziehen wollte und konnte. Eine wesentliche, alles verbindende Figur ist die Nachbarin Natalia. Sie verließ Anfang der 70er-Jahre Paris, wo sie als Concierge, Zimmermädchen und dann als Dolmetscherin für die UNESCO arbeitete, und folgte einem Russen, offensichtlich ein KGB-Agent, aus Liebe in die Sowjetunion. Dem Geheimdienst verweigerte sie sich als Spitzel mit Verve, woraufhin ihr französischer Pass beschlagnahmt wurde und sie nicht mehr ausreisen konnte. Ebenso jäh endete ihre Beziehung.
Plötzlich muss der Autor in seiner Wohnung in Wedding auf der Hut sein.
Mehrere Jahre lang schlug sich Natalia mit kleinen Übersetzungsaufträgen durch und beäugte aus ihrer Plattenbauwohnung die Sowjetunion mit großem Grimm. Einst, in Paris, war sie, die 1930 in Berlin geborene Tochter einer geflohenen »weißen« Russin, die in den späten 30er-Jahren mit ihr nach Frankreich weiterfloh, in einer Pension angestellt, in der jahrelang der völlig unbekannte Paul Antschel alias Paul Celan hauste.
Der Lager-Überlebende war aus Wien gekommen, nach einer gescheiterten Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann. Aus Natalias beziehungsweise Nathalies Erinnerungen an diese Zeit, die sie dem jungen Boris nach und nach schilderte, entfaltet sich ein biografischer Roman um und über den Lyriker, der sich 1970 in der Seine ertränkte, nach immer heftigeren psychotischen Episoden und ihn seelisch immer stärker bedrängenden antisemitischen Attacken.
Schließlich schreibt Schumatsky über seinen Bezirk Wedding, über die Flut an gewalttätigem Antijudaismus, der sich dort nach dem Hamas-Massaker 2023 Bahn brach, der demonstrativ rabiat und mit noch wüsterer Vehemenz in der digitalen Welt ausgelebt wird. Plötzlich muss er auf der Hut sein. Er fährt zusammen, wenn es unerwartet an der Tür klingelt – im Hinterhaus, in dem sein Schreibzimmer ist, nur bei ihm. Wegen des Nachnamens am Klingelschild? In seiner Prosa verfremdet er deshalb die Ortsangaben.
Journalist, Essayist und Autor
Seit den frühen 90er-Jahren lebt Boris Schumatsky, 1965 in Moskau geboren, in Berlin, erst als Politologiestudent, dann als Journalist, Essayist und Autor. Viel hat er in Zeitungen publiziert, Features für Rundfunkhäuser geschrieben, und auch zwei Romane. Der Abstand vom Debüt, das 1999 erschien, zum zweiten betrug 17 Jahre, der vom zweiten nun zu Die Seine fließt ins Schwarze Meer ganze zehn Jahre.
Schumatskys Roman ist ein Buch über Verluste. Über den einschneidenden Verlust der Mutter. Und damit auch eines Heimatlandes, das in den Zustand archaischer, brachial wie zynisch praktizierter Gewalt zurückgefallen ist.
Über den Verlust der Zivilität, anders gesagt: die Wiederkehr eines brutal herausgebrüllten Antisemitismus sowie des Missbrauchs der öffentlichen Meinungszone in Deutschland. Und über den Verlust jeglichen Halts bei dem Lyriker Paul Celan, dieses hochsensiblen »Homme à Femmes«, der auch am mehr als subkutanen Antisemitismus der Kultur- und Intellektuellenszene der 50er- und 60er-Jahre in der Bundesrepublik zerbrach.
Im Laufe der Jahre ist eine gewaltige Forschungsliteratur über den Lyriker entstanden, darunter nicht wenige umfangreiche Biografien. Erst jüngst erschien etwa die 2021 in Polen publizierte Lebensbeschreibung Anna Arnos in englischer Übersetzung bei Harvard University Press.
Was Schumatsky hier gelingt, ist vieles, nur eines nicht: abstrakt akademisch. Über den Kunstgriff der Memoiren der vielleicht realen, vielleicht fiktiven Natalia – als Reinigungskraft las sie, angeblich, gierig alles, was auf Celans Schreibtisch an Briefen und Manuskripten lag, und kopierte es von Hand, soll Celans Ehefrau Gisèle einst gut gekannt und mehrere Geliebte erlebt haben – kommt man dem Poeten so nahe, dass das Widerspiel von Lebens- und literarischen Motiven die Metaphern der scheinbar dunklen Poeme des Dichters tief erhellen und aufstrahlen lässt.
Boris Schumatsky: »Die Seine fließt ins Schwarze Meer«. Roman. Residenz, Salzburg 2026. 416 S., 29 €