Sie heißen Sivan’s Kitchen, Ruhama’s Food, Sephardic Spice Girls, Acha Happybody oder The Golden Apricots und das sind noch nicht einmal alle. Man kommt nicht mehr um sie herum. Die unermesslich vielen jüdischen Insta-Köchinnen und -Köche alimentieren täglich den eigenen Feed. Natürlich werden es immer mehr, je mehr man davon zehrt. Es ist der persönliche Algorithmus, der die Sucht verursacht und der man wiederum hoffnungslos verfällt – ein Algorithmus, der sich dabei ein wenig über die eigene jüdische Obsession mit Essen, Herkunft und der Frage, wer eigentlich richtig liegt, lustig macht.
Ob man will oder nicht, findet man sich in Windeseile in einem digitalen Schlaraffenland wieder, in dem ständig jemand Zwiebeln karamellisiert, wo Granatäpfel entkernt werden oder Hummus mit Olivenöl beträufelt wird. Pardon, es geht auch komplizierter, so werden »Arayes« (mit Gehacktem gefüllte Pitot) oder »Meatballs« angebraten oder »Matbucha« im Ofen gebacken (und mit »Guns N’ Roses«-Sound unterlegt, warum genau, bleibt indes unklar). Alles stets großzügig mit »Silan« (Dattelhonig) gemischt. Sumac darf ebenso wenig fehlen. Und natürlich immer alles ganz nebenbei, mit schneller Frisur und perfekt manikürten Fingernägeln.
Eigentlich wollte ich ja nur kurz schauen, was es Neues gibt. Zehn Minuten später weiß ich, wie man Chazilim (Auberginen) auf sieben Arten zubereitet, dass Tahina offenbar zu allem passt und es mindestens vier jüdische Familien auf Instagram gibt, die behaupten, das einzig wahre Schakschuka-Rezept zu besitzen. Das stört mich im Grunde ja alles nicht, im Gegenteil, ich lasse mich gern davon inspirieren, obwohl mein schlechtes Gewissen gegenüber all meinen sorgfältig ausgewählten Kochbüchern täglich wächst.
Dieses »Es-ist-kaum-zum-Aushalten-so-lecker«-Gehabe übertrifft jede Selbstverliebtheit.
Will ich also wissen, was ich für Freitagabend kochen soll, bediene ich mich des Überangebots an Videos, sorgfältig aufgenommen in Los Angeles, Boston, Paris, Melbourne und Tel Aviv, und lande in einer blitzblanken Küche, wo nur goldene Behälter verwendet werden. Wobei, da fällt mir ein: Letztens waren wir bei einem Barmizwa-Kiddusch, und da fiel mir auf, dass die Gefäße auch alle aus »Gold« waren. Das Virus ist offenbar pandemisch. Natürlich, wird man denn eingeladen, heißt es schnell, das Rezept sei von Ruhama. Alles klar. Ich probiere natürlich ebenso aus, und es erfüllt mich ebenso mit Freude, wenn das Essen ein Erfolg wird – am meisten vor allem bei den Kindern.
Zum Glück sind die Feiertage nun vorbei, »The Easiest Holiday Roast« oder den »Just-Five-Ingredient-Apple-Cake« konnte ich schon vor Rosch Haschana nicht mehr sehen. Aber die virale Welt steht ebenso wenig still wie meine tägliche, und schon geht’s weiter mit dem »All In One«-Dinner, das man in unter (!) 20 Minuten hingezaubert haben soll, wenn die Kinder am Abend hungrig nach Hause kommen.
Dass dabei das Eintopf-Rezept von der Großmutter stammt, die Gewürzmischung aus Aleppo mitgebracht wurde oder die Hühnersuppe die Insta-Köchin an ihre eigene Kindheit erinnert, ist alles schön und gut. Nur etwas triggert mich wirklich: Es ist das kaum ertragbare Selbstlob am Ende jedes Videos, wenn die Köchin ihr Wunderwerk kostet. Dieses »Es-ist-kaum-zum-Aushalten-so-lecker«-Gehabe übertrifft jede Selbstverliebtheit.
Was würde nur meine Familie sagen, wenn ich nach jeder gekochten Portion Spaghetti fast umfallen würde, weil ich sie selbst so gut finde?