Man stelle sich vor, in einer deutschen Großstadt wollten drei Parteien miteinander koalieren, von denen eine immer wieder durch offen praktizierte Pakistanfeindlichkeit vieler seiner Mitglieder auffällt. Weil die vermeintlich vernünftigen Parteien trotzdem mit ihr regieren wollen, entwerfen sie mit der Problem-Partei ein Papier, in dem sowas steht: »Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans«. Oder, um besorgte Pakistanis zu beruhigen: »Wir schützen pakistanisches Leben in unserer Stadt«.
Alle Parteiführer der Stadt wüssten genau, dass einzelne Abgeordnete immer wieder versuchen werden, es mit der Kritik immer doller zu treiben, bis zur totalen Pakistan-Verleumdung. Darum würden sie gemeinsam festlegen, dass eine eigens eingerichtete Jury fallweise darüber urteilen werde, wo die Grenze des Sagbaren liegt, sprich: Wieviel Hass gerade noch erlaubt ist.
Spinnt ihr?, würden diejenigen Einwohner dieser Stadt fragen, die noch alle Tassen im Schrank haben. Was hat die Pakistan-Frage und eure komische Erklärung mit den Problemen unserer Stadt zu tun?
Auch die Spitzen der beiden weniger Pakistan-feindlichen Parteien im Bund würden eingreifen, um sich später nicht für ihre Landesverbände schämen zu müssen. Kommt zur Vernunft, würden sie sagen. Bildet eine Regierung ohne diese Problem-Partei und ohne diese kranke Übereinkunft – sonst wollen wir mit euch nix zu tun haben. Stoppt lieber den Hass, statt euch auf bürokratische Verfahren zu seiner Praktizierung zu einigen.
Oder etwa nicht?
Man stelle sich vor, sie würden schweigen, weil die Lage im Land schon längst eine ganz andere wäre. Wenn in Wahrheit sehr vielen Wählern und Mitgliedern in allen drei Parteien Kritik an Pakistan einfach ein besonderes Bedürfnis wäre.
Dann würden ihre Politiker betonen, dass man Pakistan selbstverständlich kritisieren könne, dürfe oder müsse. Dass es dafür gute Gründe gebe.
Gemäßigte würden sagen, dass sie nur die aktuelle pakistanische Regierung unsympathisch finden, etwa weil sie Pakistan immer wieder archaisch als »das von Gott gegebene Land« bezeichnen.
Andere wären in ihrer Kritik fundamentaler: Ist der Staat Pakistan etwa nicht seit seiner Gründung 1947 von Krieg, Vertreibung und vielleicht sogar einem Völkermord (1971) mit 3 Millionen Toten (nach sehr fraglichen bangladeschischen Angaben) geprägt?
Man stelle sich vor, Presse und soziale Medien würden diese Fragen ständig stellen. Einzelne, selbsthassende Pakistanis würden auf ganzen Zeitungsseiten erklären, dass schon im Landesnamen »Pakistan« Großmachtsansprüche stecken, da »Pakistan« als Kunstwort aus der Abkürzung für die beanspruchten, aber teils umstrittenen Regionen Punjab, Afghania, Kaschmir, Sindh und Belutschistan steht. Außerdem bedeutet »Pakistan« auf Urdu »Land der Reinen«. »Sind andere Länder denn unrein?«, würden die selbsthassenden Pakistanis pathetisch fragen und sich für das vermeintliche Brechen ihres Schweigens Applaus und Friedenspreise einheimsen.
Man stelle sich vor, die Propaganda hätte schon so weit um sich gegriffen, dass in weiten Teilen der Gesellschaft gilt: Wer als guter Mensch betrachtet werden will, der macht aus seinem Unbehagen gegenüber dem sonderbaren Land Pakistan irgendwo weit weg im Osten kein Geheimnis mehr.
Man stelle sich so etwas Absurdes nur vor …
Der Autor ist Politik-Redakteur bei BILD.