Kunst

Gezeichnetes Amerika

Samuel Steinberg Foto: dpa

Kunst

Gezeichnetes Amerika

Heute wäre Saul Steinberg 100 Jahre alt geworden

von Wilhelm Roth  13.06.2014 15:20 Uhr

Das Cover für den »New Yorker« vom 29. März 1976 ist sicherlich das berühmteste Bild von Saul Steinberg (1914–1999): Der Blick des Zeichners geht von Manhattan aus über die 9. und 10. Avenue und den Hudson River nach New Jersey, wandert über die USA hinweg, trifft auf den Pazifischen Ozean und am Horizont auf drei winzige Inseln, China, Japan und Russland. Eine unorthodoxe Landkarte.

Am 15. Juni jährt sich der Geburtstag des rumänisch-amerikanischen Zeichners und Karikaturisten zum 100. Mal, er starb 1999.

Steinbergs Blick auf New York, in der die übrige Welt nur Nebensache ist, wurde immens populär. Das Motiv ist tausendfach auf Postern und Postkarten zu finden und wurde zum Ärger Steinbergs immer wieder nachgeahmt und variiert. Die Übertragung des Motivs auf andere Städte sollte diesen eine ähnliche Bedeutung zusprechen wie der US-Metropole. Diese Imitationen aber seien falsch, schrieb der Kritiker Arthur C. Danto. Denn nur wer in New York lebe, habe »die Gewissheit, im Zentrum der Welt zu wohnen«.

Erdball Steinberg allerdings hat zehn Jahre später selbst eine Variante zu seinem berühmten Bild gezeichnet: Nun wandert der Blick um den ganzen Erdball, bleibt scheinbar willkürlich da und dort hängen, nicht nur an Kontinenten und Staaten, sondern auch an Städten und sogar an Straßen. Es ist ein typisches Beispiel für Steinbergs Bildaufbau, der oft einem Irrgarten gleicht.

In dieser Landkarte aber ist eine gezeichnete Autobiografie versteckt. Deutlich hervorgehoben: Bukarest, wo Steinberg aufwuchs und mit dem Studium begann, und Mailand, wo er in den 30er Jahren Architektur studierte, erste Berufserfahrungen als Zeichner sammelte und schließlich als Jude Berufsverbot bekam.

Auch China, Indien und Nordafrika, wohin es ihn im Zweiten Weltkrieg verschlug, haben Platz gefunden. Bei Brüssel ist das Jahr 1958 vermerkt, dort war er an der Weltausstellung beteiligt. Steinberg schuf die Wandarbeit »The Americans«, eine mehr als 70 Meter lange Collage, die im vergangenen Jahr noch einmal komplett im Museum Ludwig in Köln zu sehen war.

Rumänien Geboren wurde Saul Steinberg am 15. Juni 1914 in der kleinen rumänischen Stadt Ramnicu Sarat, er starb am 12. Mai 1999 in New York. In die USA kam er zum ersten Mal 1942 mit einem Pass, dessen Stempel er selbst gefälscht hatte. Nach den chaotischen Kriegsjahren normalisierte sich sein Leben. 1943 heiratete er die Malerin Hedda Sterne. Die Ehe ging in den 70er Jahren auseinander, wurde aber nie geschieden.

Knapp 60 Jahre hat Steinberg für das Magazin »The New Yorker« gearbeitet, fast 90 Titel und 1.200 Zeichnungen sind in dieser Zeit entstanden. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, die auch in der Bundesrepublik bei Rowohlt herauskamen und jetzt vergriffen sind.

Sein spätes Hauptwerk »Die Entdeckung Amerikas« erschien 1992 bei Diogenes. Auch Ausstellungen machten ihn populär. »Seine Kunst mischt sich unter das Volk«, schrieb schon 1961 der Österreicher Paul Flora, selbst ein begnadeter Zeichner.

Surrealismus Steinberg schaffte den Spagat zwischen der Gebrauchskunst Karikatur und einer Zeichenkunst in der Tradition des Kubismus und Surrealismus. Er gehörte keiner künstlerischen Richtung an, war ein Einzelgänger. Typisch sind die Kritzeleien auf vielen seiner Bilder, aber auch die eckigen Bewegungen seiner klobigen Figuren, der Menschen und auch der Hunde.

Er war durchaus fasziniert vom American Way of Life, schüttelte aber immer wieder den Kopf über das Land, konnte sarkastisch sein. Die Vereinigten Staaten gehen bei Steinberg an ihrem Reichtum, ihrer Überfülle zugrunde. Er zeichnet Autos, wohin man schaut. Und immer wieder Banken und Postämter, die Festungen gleichen – der Künstler vereinigte Architektur- mit Gesellschaftskritik.

Selbst die US-Idole können in Steinbergs Zeichnungen nicht mehr helfen: Abraham Lincoln und George Washington sind nur noch schäbige Statuen, Mickey Mouse und Minnie Mouse sind Terroristen geworden.

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026

Nachruf

Israels verkanntes Musikgenie

Unser Autor hörte Matti Caspi schon als Kind bei einem Konzert im Kibbuz. Eine persönliche Erinnerung an den Sänger und Komponisten, der mit 76 Jahren an Krebs gestorben ist

von Assaf Levitin  11.02.2026