Geschichte

Geraubte Mitte

Ein volkstümlicher Umzugswagen vor dem Roten Rathaus im August 1933, gefeiert wird der traditionelle »Stralauer Fischzug«. Doch aus dem Wagen ragt bereits das Zeichen der neuen Machthaber auf, ein großes Hakenkreuz. Neben diesem Foto hängt ein weiteres, das nur wenige Monate später entstanden war. Es zeigt erste Abbrucharbeiten in Berlins Stadtmitte am Molkenmarkt 1934.

Nach dem Machtantritt begannen die Nationalsozialisten unverzüglich, ehrgeizige Stadtumbaupläne zu realisieren. Mit Straßendurchbrüchen, dem Abriss zahlreicher Bauten und der Errichtung von Großbauten wie der Reichsbank und Reichsmünze sollte die gesamte Berliner Altstadt umgestaltet werden. Betroffen waren vor allem jüdische Grundbesitzer.

Themenjahr »Geraubte Mitte« heißt die Ausstellung im Ephraimpalais, die erstmals den staatlichen Raubzug gegen jüdische Grundeigentümer im Stadtkern Berlins ab 1933 thematisiert. Sie ist der Beitrag der Stiftung Stadtmuseum Berlin zum Themenjahr »Zerstörte Vielfalt«. In neun Kapiteln macht sie mit zahlreichen Fotos und Plänen das Ausmaß des geplanten Stadtumbaus und seine Folgen bis in die Gegenwart deutlich. Erleichtert wurden diese Pläne durch die Rassenideologie der Nazis.

»Die Juden hatten keine Rechte«, stellt Ausstellungskurator Benedikt Goebel fest, »hier konnten die Nazis den Hebel ansetzen um ihr Ziel, die Zerstörung der Altstadt, zu beginnen«. Von rund 1.200 Grundstücken in der Stadtmitte gehörten mindestens 225 jüdischen Eigentümern. Durch Verstaatlichung oder Zwangsverkauf verloren sie nach und nach ihre Existenzgrundlage. Weder Gedenktafeln noch Stolpersteine erinnern an ihr Schicksal. Erstmals thematisiert eine Schau die städtebaulichen Auswirkungen der Rassenideologie auf Berlins Stadtmitte und ihre Nachwirkungen bis heute.

Die Verfolgungsgeschichte von fünf Familien, die zum Teil seit Jahrhunderten in Berlin ansässig waren, bevor sie von den Nazis enteignet, vertrieben oder ermordet wurden, ist mit konkreten Adressen in der Stadtmitte verknüpft und steht exemplarisch für das Schicksal von vielen anderen jüdischen Grundbesitzern. Die Recherchen zu einzelnen Adressen förderten mitunter überraschende Details zutage, etwa für das Geschäftshaus Gerson am Werderschen Markt 5/6, vor 1933 ein florierendes Modehaus im Besitz der Unternehmerfamilie Freudenberg.

Gedenktafel Im Jahre 1936 wurde die Firma »arisiert«, der Familie gelang die Emigration, das Haus wurde 1937 zwangsversteigert. Hier zog 1939 das Reichskriminalpolizeiamt ein, so dass sich hier eine Schaltstelle des Holocaust befand. Kaum bekannt ist, dass hier mit Zyklon B experimentiert wurde. Im Hof waren Gaswagen aufgebaut zum Test für ihren Einsatz bei den Euthanasieverbrechen. »Die Technik ist hier entwickelt worden«, erklärt Kurator Goebel: »Daran erinnert keine Gedenktafel.« Heute ist das Grundstück mit Townhäusern neubebaut, die Geschichte ausgelöscht.

Im Epilog verweist die Schau auf die komplexe Frage der Wiedergutmachung und Restitution nach 1990. Das Geschäftshaus Wallstrasse 16 etwa, das heute noch steht, wurde 1938 zwangsversteigert, den Erlös teilten sich das Deutsche Reich und Hypothekengläubiger. Dem nach 1990 gestellten Restitutionsanspruch der in die USA emigrierten Familie wurde zwar entsprochen, doch mussten sie den Verkaufserlös mit den Nachkommen der »arischen« Käufer von 1938 teilen.

Gefühle Enkelin Joanne Intrator, die eigens zur Ausstellungseröffnung aus den USA anreiste, freut sich, die leidvolle Geschichte ihrer Familie hier gewürdigt zu sehen. Der lange Kampf um ihre Rechte hat jedoch bittere Gefühle hinterlassen.

Die Ausstellung »Geraubte Mitte« macht auf verborgene Geschichtsspuren aufmerksam und auf das Problem, das mit Plänen für die Neugestaltung der Berliner Stadtmitte verbunden ist: ein großer Teil der nichtbebauten Grundstücke im Stadtzentrum gehörte Berliner Juden, die Rückübertragungsquote nach 1990 ist überraschend gering.

»Der deutsche Staat und das Land Berlin haben sich den nichtbebauten jüdischen Grundbesitz gesichert,« kritisiert Kurator Benedikt Goebel. So sensibilisiert die Schau auch für das eklatante Unrecht, dass den enteigneten und entrechteten jüdischen Familien in Berlins Mitte noch immer widerfährt.

Die Ausstellung »Die ›Arisierung‹ des jüdischen Grundeigentums im Berliner Stadtkern 1933–1945« im Ephraim-Palais ist bis 19. Januar 2014 dienstags sowie donnerstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr und mittwochs von 12 bis 20 Uhr geöffnet.

Köln/Hamburg/Leipzig

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 21.06.2026 Aktualisiert

Literatur

Jelinek lässt Fuchs und Hase über Kapitalismus sprechen

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek feiert im Oktober ihren 80. Geburtstag. Ihr aktuelles Werk »Unter Tieren« zeigt sie einmal mehr als scharfe Gesellschaftskritikerin

von Sibylle Peine  21.06.2026

Auszeichnung

Duisburger Musikpreis für Igor Levit

Die Stadt Duisburg ehrt den jüdischen Pianisten Igor Levit mit ihrem Musikpreis. Gewürdigt wird nicht nur das künstlerische Können des 39-Jährigen, sondern auch sein gesellschaftliches Engagement

 21.06.2026

Aufgegabelt

Israel »Dot Cake«

Rezepte und Leckeres

 21.06.2026

Zahl der Woche

170 Delegierte

Fun Facts und Wissenswertes

 21.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

YouTube-Clips mit Tefillin oder »Mehr Licht in der Welt«

von Margalit Edelstein  21.06.2026

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  20.06.2026

Glosse

Deutschland sucht den Nazi

Der »Spiegel« und die »Zeit« helfen den Deutschen, die Nazis unter den Vorfahren aufzuspüren - und verdienen damit ganz nebenbei gutes Geld. Richtig so, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  19.06.2026

Fußball

»Ich weiß, wer Weltmeister wird«

Uri Geller über die Weltmeisterschaft, den Gewinner des Turniers und seinen fatalen Einfluss auf einen verschossenen Elfmeter bei der EM 1996

von Detlef David Kauschke  19.06.2026