Meinung

Georg Restle, der »Ökozid« und die Jüdische Allgemeine

Ulf Poschardt, Chefredakteur der WELT Foto: WELT

Ob Georg Restle ein Antisemit ist? Wer weiß das schon. Dass er nicht zimperlich ist, wenn es um jüdische Themen geht, ist offenkundig. Eine journalistisch wie ästhetisch im Zweifel ziemlich trostlose ARD-Themenwoche gipfelte Mitte November als »Highlight« in einem angeblichen Spielfilm, »Ökozid«, bei dem es sich im Grunde genommen um die Verfilmung eine der gängigen Ökobußpredigten handelte, mit denen sich die Privilegierten der Meinungselite ihren Wohlstand garnieren.

Nicht sonderlich heimlich lehnten sich die Macher, die sich vor der Ausstrahlung auch gleich als Aktivisten zu erkennen gaben, bei ihrer Idee eines Ökotribunals auch an die Nürnberger Prozesse an, in denen mit dem Zivilisationsbruch und der Barbarei des Nationalsozialismus abgerechnet wurde – auf den absoluten Höhen einer internationalen Strafgesetzgebung. Ein historisch ziemlich singuläres Ereignis. 

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Auf diese unterirdische Holocaust-Relativierung hat Jan-Philipp Hein in einem sehr klugen Text hier in der Jüdischen Allgemeinen hingewiesen, ähnlich wie es auch Alan Posener in der WELT getan hat. Hein hat dabei auch, was angesichts des Themas naheliegend ist, auf den Gründer der »Extinction Rebellion« verwiesen, der dem Spiegel 2019 gesagt hatte: »Der Klimawandel ist nur das Rohr, durch das Gas in die Gaskammer fließt. Er ist nur der Mechanismus, durch den eine Generation eine andere tötet.«

Heins Text in der Jüdischen Allgemeinen war angesichts der auch ästhetischen Schauerlichkeit dieses »Spielfilms« eine pointierte Kritik an einer Entgleisung, die beim Umgang vieler Medien mit dem Klimawandel gerade passiert. Eigentlich war der ARD-Spielfilm nur ein grün lackiertes »Lock her up«, wie Trump das so populär gemacht hatte. Georg Restle jedoch ärgert sich über diese Kritik und postete umgehend auf Twitter, natürlich umjubelt von »linken« Freunden in den Medien, dass dieser Text der Jüdischen Allgemeinen »perfide« ist.

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Er ist nicht zu streng, zu polemisch, zu undifferenziert, zu laut, zu unempathisch. Nein: Das, was die Jüdische Allgemeine hier veröffentlicht hat, ist laut Restle »perfide«. Google bietet einem schnell diese Definition an: in übler Weise niederträchtig, heimtückisch. Für die Redaktion der Jüdischen Allgemeinen als der jüdischen Stimme in Deutschland ist das schwer zu ertragen: »Dass der ARD-Redaktionsleiter uns Juden nun vorwirft, wir seien ›perfide‹, weil wir den Begriff ›Ökozid‹ und die Holocaustverharmlosung kritisieren, ist ungeheuerlich und macht uns rat- und sprachlos«, so der Online-CvD der Jüdischen Allgemeinen, Philipp Peyman Engel, zu Restles Kritik.

In der ziemlich linken Medienbubble auf Twitter hat das jedoch nur wenige Leute irritiert oder gar davon abgehalten, mit einem Herzchen oder Retweet ihr »Jawoll« dazuzugrölen. Der linke Antiamerikanismus hat stets auch einen Drall ins Antizionistische und in den Antisemitismus. Wie wenig Sensibilität dabei am Werke ist, bewies Restle auch beim ersten Blick auf den neuen amerikanischen Außenminister, Antony Blinken. Dieser wird von Restle vor allem wegen seiner vermeintlich engen Verbindung zur Rüstungsindustrie ins Visier genommen, nicht nur auf Twitter, sondern auch in einem klassischen »Monitor«-Schauerstück über die Rückkehr der »Falken« in der künftigen US-Regierung von Joe Biden.

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Raunend wird von geheimen Kunden der Beraterfirma Blinkens gesprochen, aber eben auch Rüstung. Ähnlich ist es bei der Cohen-Group. Dass Blinken aus einer jüdischen Familie kommt und das seinen Blick auf die Wehrhaftigkeit von Demokratien prägt, hat er bei seiner Vorstellung durch Biden verdeutlicht.

Er hat davon erzählt, wie sein Stiefvater nach vier Jahren im KZ den Holocaust als Kind überlebt hat: als einziger unter 900 jüdischen Schülern seiner Schule. In Sicherheit gebracht von einem amerikanischen Panzer und einem afroamerikanischen GI. »That’s who we are«, erklärte Blinken.

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Derlei Werteorientierung aber passt nicht in das agitatorische Monitor-Stück, in dem Experten vor allem jene sind, die Politikwissenschaftler und Aktivisten in Personalunion firmieren. Und deswegen steht bei Restle auf Twitter auch nur ein Foto von Blinken mit seinen angeblichen Verbindungen. Und darüber »Bidens Außenminister und die Rüstungsindustrie«. Da gibt es zwei naheliegende Ableitungen: Es geht ihm ums Geld, oder er ist eine Marionette der Rüstungsindustrie. Oder Restle hat das alles so nicht gemeint.

Der Autor ist Chefredakteur der WELT.

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