Zeitgeschichte

Generation Golf

»Kein Deutscher an den Golf!«: Demonstration am Berliner Alexanderplatz 1991 Foto: picture alliance / ZB

Zeitgeschichte

Generation Golf

Während Israelis 1991 aus Angst vor irakischem Giftgas in Bunkern saßen, forderten deutsche Intellektuelle »Kein Blut für Öl«

von Marko Martin  28.01.2021 12:58 Uhr

Am Abend des 16. Januar 1991, eine Nacht nach dem ersten irakischen Raketenangriff auf Tel Aviver Wohnviertel, brachte das israelische Fernsehen einen Bericht über Reaktionen in Bonn und aus der deutschen Bevölkerung.

Den gleichermaßen distanzierten wie inhaltslosen Ausführungen des Bundeskanzlers folgten Bilder von Demonstrationen in Berlin und anderen Städten des neuen Deutschlands.» Das schrieb der Historiker Frank Stern, der damals, wenn er nicht gerade wieder in einem Luftschutzbunker Zuflucht suchen musste, Gasmaske über dem Gesicht, Fernsehnachrichten geschaut hatte, bereits am 1. Februar 1991 in seinem Essay «Deutscher Frieden über alles?».

Denn die deutschen Demonstranten protestierten ja mitnichten gegen jene deutschen Firmen, die Saddam Husseins Irak erst in die Lage versetzt hatten, mit modernisierten Scud-Raketen eine größere Reichweite zu erzielen und sogar Gas abzuwerfen. Stattdessen: «Kein Blut für Öl» und «Amis raus aus Arabien!».

PRÄFERENZEN Im Augenblick der höchsten Gefahr (die ja nun wiederum erneut auch dank «deutscher Ingenieurskunst» potenziell tödlich war) – welch beredtes Sich-Abwenden. Welche schräge Identifikations-Assoziationen auch, eine grimmige Freude für jeden Tiefenpsychologen: «Bagdad/mein Dresden verlischt», dichtete der spätere Georg-Büchner-Preisträger Volker Braun über die alliierten Versuche, den Massenmörder Saddam Hussein an seinem Tun zu hindern.

Weiße Bettlaken vor den Fenstern von «Studi-WGs» von Flensburg bis Konstanz, Protestmärsche und barmende Bittgebete – doch über Israel bei alledem kein Wort. Man hatte eben andere Präferenzen, so etwa in jenem von der Aktion Sühnezeichen und zahlreichen Organisationen der Friedensbewegung unterzeichneten Aufruf zur Bonner Großdemonstration am 26. Januar: «Eine entschlossene Politik der Einsparung von Öl und der Vermeidung von Umweltschäden».

Die gleiche Kaltherzigkeit sieht man heute in den Solidaritätsbekundungen für die BDS-Initiative.

Maßgebliche Intellektuelle der damaligen Zeit stießen ins gleiche Horn, so etwa der SPD-«Vordenker» Peter Glotz, der stets rechtslinks irrlichternde Publizist Günther Nenning und der von Venedig aus mahnende Journalist Erich Kuby, der Hochschulprofessor Ekkehart Krippendorff, die Theologin Dorothee Sölle und der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter, nicht zu vergessen die damals geradezu omnipräsenten Präzeptoren Walter Jens und Günter Grass (einstiges NSDAP-Mitglied der eine, Waffen-SS-Angehöriger der andere, was zu jener Zeit freilich nur ihnen selbst bekannt war).

Dem in den USA lehrenden Politikwissenschaftler Andrei Markovits wurde von seinen deutschen Friedensfreunden zumindest huldvoll-paternalistisch zugestanden, es handele sich bei dem gegenwärtigen (Debatten-)Krieg um Israel eben um eine «besonders dich interessierende Frage». Markovits, ein reflektierter Mann der Linken, fragt in jenem Mitte Februar ’91 in der «Frankfurter Rundschau» publizierten Briefwechsel geradezu entgeistert zurück: «Ja, verdammt noch mal, warum denn nur mich? Weil ich Jude bin, Holocaustgeschädigter? Verwandte in Israel Habender? Warum eben besonders mich???»

Seine anschließende Frage, wo denn die nun bundesweit zu «Antikriegs»-Protesten aufrufende Linke gewesen sei, als 1987 «Tausende von Kurden mit deutschem Giftgas ermordet wurden», ist jedenfalls kein Whataboutism. Im Gegenteil: Sie zielt genau ins Zentrum jener Melange aus amoralisch selektiver Wahrnehmung und aufgeplusterter Empörungshaltung, die nun auch 30 Jahre danach wieder wirkungsmächtig werden möchte – in jener «Weltoffenheit»-Initiative, bei der zahlreiche deutsche Kulturinstitutionen sich wortreich darüber beklagen, dass nach dem BDS-Bundestagsbeschluss Antisemitismus nicht auch noch steuerlich bezuschusst werden soll.

Eine Ausnahme war Günter Wallraff, der in einen der letzten Flieger nach Tel Aviv stieg.

Wolf Biermann dagegen beschrieb in seinem «Zeit»-Essay schon damals eine Art «Querfront»: «Faschist Le Pen verteidigt den Überfall auf Kuwait, und der ehemalige SS-Mann Schönhuber ist besorgt, dass deutsche Soldaten für den American way of life verheizt werden könnten.» Am Schluss, Datum 28. Januar 1991, noch das, was ihm bis heute Teile seiner ehemaligen Fans nachtragen: «Bindet euer Palästinensertücher fester, wir sind geschiedene Leute.»

ANGRIFF Was im Rückblick berührt, sind die Anständigkeit und der Mut eines Günter Wallraff, der damals in einen der letzten nach Tel Aviv startenden Flieger gestiegen war, um dann im Kibbuz Ramat Rachel, im Schutzraum zusammen mit den Kibbuzniks, mehr als bloß verbale Solidarität zu zeigen. Fast ungehört blieb aber auch der Wunsch von Amos Oz: «Wenn der Versuch unternommen wird, Israel durch einen unprovozierten Angriff zu vernichten, auszulöschen, dann sollte ein Deutscher dies als einen Angriff auf sich selbst empfinden.»

Hatten all jene, die in den Folgejahren Oz mit Preisen geradezu überhäuften und ihn als eine Art sanften Plüschteddy einer «Nahost-Verständigung» missverstanden, jemals wirklich wahrgenommen, wofür dieser luzide und integre Intellektuelle stand? Hatte man begriffen, dass Oz, in Israel bis zuletzt eine Hassfigur für die politische Rechte, sein Friedenskonzept ganz anders buchstabierte als seine (Nicht-)Freunde von der deutschen Friedensbewegung? «Während sie behaupten, dass der Krieg das absolut Böse ist, sage ich, dass Aggression das absolut Böse ist. Wenn die ganze Welt die Haltung der deutschen Pazifisten übernähme, wäre diese Welt bald in den Händen von sehr, sehr üblen Leuten.»

Darüber hinaus werde die missliche Lage der Palästinenser zum Alibi für Terrorismus erklärt, während gleichzeitig jahrhundertelange jüdische Leiderfahrung die schrille Oberlehrerfrage provoziere, ob die Juden denn nichts aus der Geschichte gelernt hätten. «Verstehen Sie, was ich meine? Das ist, gelinde gesagt, Heuchelei.» Die Adressaten von Amos Oz’ damaliger Frage, so steht zu vermuten, werden sich jedoch wohl auch in Zukunft lediglich mit einem Schulterzucken abwenden.

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