Kino

Gedenken oder knutschen?

Darf man Auschwitz besuchen und sich lieben? Ja, meinen die israelischen Schüler im Film. Foto: Natalia Łączyńska

Eine Mischung aus Coming of Age und Roadmovie: Der Spielfilm HaMishlahat (Delegation) des Israelis Asaf Saban, der 2023 bei der Berlinale gezeigt wurde und jetzt ins Kino kommt, begleitet israelische Jugendliche auf ihrer Reise zu ehemaligen deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern in Polen.

Diese Gedenkreisen, die meist in der Oberstufe stattfinden, sollen das Bewusstsein israelischer Schülerinnen und Schüler für die Schoa und ihre jüdische Identität stärken. Doch in Delegation setzt sich Regisseur Saban, der als 17-Jähriger selbst an einer Reise in ehemalige deutsche Konzentrationslager in Polen teilnahm, kritisch mit seinen eigenen Erfahrungen auseinander.

Die »richtigen« Gefühle und »wirkliche« Betroffenheit

Durch die Augen von drei Schülern, Omer Frischman alias »Frisch« (Yoav Bavly), Ido (Leib Lev Levin) und Nitzan (Neomi Harari) zeigt der Filmemacher, unter welchen Druck sich manche junge Israelis setzen, bei diesen Fahrten die »richtigen« Gefühle und »wirkliche« Betroffenheit zu empfinden, während viele von ihnen sich von der Wucht der Eindrücke komplett überfordert fühlen.

Das wird vor allem an der Figur Nitzan deutlich, einer Schülerin, die heimlich den Schuh eines Schoa-Opfers aus einer Gedenkstätte entwendet und anschließend nicht weiß, wie sie mit ihrem Diebstahl umgehen soll (den Schuh wegwerfen? Oder ihn in einer anderen Gedenkstätte wieder ablegen?), aber auch an ihren Klassenkameraden Ido und Frisch, die ihr Liebesleben mindestens genauso beschäftigt wie die Vergangenheit.

Eine Reise nach Polen ist für manche israelische Jugendliche ihre erste Fahrt ins Ausland.

Eine Reise nach Polen ist für manche israelische Jugendliche ihre erste Fahrt ins Ausland: eine neue, aufregende Welt. Die Helden von Delegation wollen sie nicht nur durch die Brille der Lehrerin (Alma Dishy) sehen, die von ihren Schülern abends, nach dem Besuch der ehemaligen KZs, emotionale Bekenntnisse hören will. Sondern die jungen Israelis suchen in Sabans Werk auch den Kontakt zu polnischen Gleichaltrigen und deren Partys, trotz der Warnung der Pädagogen, sich in Polen keineswegs als Juden zu erkennen zu geben.

In dem Film, der in der Jugendsektion Generation der Internationalen Filmfestspiele Berlin im Februar 2023 (übrigens der einzige israelische Film dieses Berlinale-Jahrgangs) mit viel Beifall vom Publikum aufgenommen wurde, treten auch die polnischen Schauspieler Karolina Bruchnicka, Pascal Fischer sowie Lech Dyblik auf.

Eine Nebenrolle ist mit dem bekannten israelischen Schauspieler Ezra Dagan besetzt

Eine Nebenrolle ist mit dem bekannten israelischen Schauspieler Ezra Dagan besetzt. Er spielt den Großvater von Frisch, der die jungen Leute als Zeitzeuge auf ihrer Reise begleitet. Dagan (inzwischen 78 Jahre alt), der in Israel vor allem als Schauspieler des Cameri-Theaters in Tel Aviv bekannt wurde und in Schindlers Liste (1993) von Steven Spielberg einen Rabbiner verkörperte, hat zahlreiche Familienangehörige während der Schoa verloren.

Seine Schwiegermutter überlebte als 17-Jährige die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und Bergen-Belsen. »Von meinen vier Söhnen war keiner mit einer Delegation in Polen. Ihre Großmutter hat ihnen alles über ihre Erfahrungen erzählt«, sagte Dagan der »Jüdischen Allgemeinen«. Er halte es für sinnvoller, dass Menschen erst in späterem Alter diese Reisen unternähmen, wenn sie reif dafür seien.

Beim Jerusalem Film Festival im Juli 2023, knapp drei Monate vor dem Massaker der Hamas am 7. Oktober in Israel, wurde Delegation mit Preisen für das beste Drehbuch und das Ensemble bedacht. Zu Recht: Es ist ein frischer, lebensbejahender Film, der sein Thema nicht zuletzt mit schwarzem israelischen Humor in den Griff bekommt, ohne das Leid der Schoa zu verharmlosen.

Ab dem 22. Januar im Kino

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  15.08.2026

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Hamburg

Art Garfunkel kommt für ein Konzert nach Deutschland

Der Vorverkauf für den Auftritt in der Elbphilharmonie am 24. Oktober hat begonnen

 14.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 14.08.2026

ESC

Stiller Boykott?

Einige Länder könnten auch die kommende Ausgabe des ESC aufgrund der Teilnahme des jüdischen Staates boykottieren. Nun gibt es eine neue umstrittene Regel

von Daniel Zander  14.08.2026

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Jubiläum

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin: Risse in der Geschichte

2001 öffnete das Jüdische Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Der Bau des bekannten Architekten Daniel Libeskind stand da schon. Und spricht bis heute eine eigene Sprache

von Nikolas Ender  13.08.2026

NRW

Antisemitismus: Konzert der Rapper Kneecap in Oberhausen geplant, Absage gefordert

Die Veranstalter sagen, Vorwürfe der Terrorverherrlichung gegen die nordirische Band würden ernst genommen und »intensiv geprüft«. Eine Absage komme aber nicht infrage

 13.08.2026