Fernsehen

»Führer und Verführer« - Eindringliches Drama zu Hitler und Goebbels

Nazi-Diktator Adolf Hitler 1934 in Berlin Foto: picture alliance/United Archives

»Man darf das Volk nicht sich selbst überlassen.« Diese Einschätzung wird zur Handlungsmaxime von Joseph Goebbels, Propagandaminister im Nazi-Reich. Führer-Begeisterung, Kriegs-Begeisterung, Totale-Kriegs-Begeisterung, Endsieg-Begeisterung - was immer der Führer bestellt, wird vom Verführer geliefert.

Das Dokudrama »Führer und Verführer« konzentriert sich auf das enge, ja symbiotische Verhältnis von Adolf Hitler und Joseph Goebbels. Ohne Schlachtenlärm, sondern als intensives Psychodrama über Macht, Fanatismus und Manipulation. Joachim A. Lang hat das Drehbuch geschrieben und Regie geführt.

Seine Figuren bewegen sich in engen Räumen, die Dialoge sind original oder nachempfunden, sprich aus verschiedenen glaubwürdigen Quellen. Dem Film geht es nicht um die Interpretation des Geschehens, sondern um die Darstellung der Mechanismen und Dynamiken, wie die Nazi-Spitze aus einer ganzen Nation Nazi-Deutsche und diese zu millionenfachen Nazi-Tätern machte.

Keine überzeugende Antwort

Der Fokus auf die inneren Machtstrukturen ist eindringlich, allerdings bleibt die Frage, warum Goebbels‘ Ideologiemaschine, die log und betrog, Fake-News en masse ausstreute und Wahrheit und Wirklichkeit buchstäblich zerquetschte, so nachhaltig und erfolgreich manipulieren konnte, ohne überzeugende Antwort.

Eingefügte Archivaufnahmen bezeugen die Hitler-Mania im Volk, Aussagen von Holocaust-Überlebenden wie Leon Weintraub oder Margot Friedländer lassen keinen Raum für Interpretationen zu, was das Handeln der glühenden Antisemiten angerichtet hat. Dabei wird keinerlei Zweifel am verbrecherischen Wahn der Nazi-Clique gestreut.

Regisseur Lang will die führenden Nazis als die »größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte« und als »Menschen aus Fleisch und Blut« darstellen. Aber nicht als unfassbare Dämonen, sondern als Ideologen, die für ihre Überzeugungen verderben und morden. Inklusive der eindringlichen Warnung: Goebbels’ essenzielle Wirkmechanismen wirken wie Anleitungen für das Heute und Jetzt.

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Leistung der Darsteller

»Führer und Verführer« zieht den Zuschauer in vielen Momenten in seinen Bann. Ein Effekt, der unmittelbar aus der Leistung der Darstellerinnen und Darsteller herrührt. Robert Stadlober spielt Goebbels, Fritz Karl Hitler und Franziska Weisz Magda Goebbel. Vor allem Stadlobers Goebbels-Figur gehört sicherlich zu seinen bislang stärksten schauspielerischen Leistungen. Er zeigt einen fanatischen und raffinierten Menschen, ein Ego der speziellen Art, dass eiskalt die Pogromnacht 1938 und den Judenstern durchsetzt. »Doktor« nennt ihn seine Umgebung - und in der Ausgestaltung seines Amtes ist er tatsächlich promoviert.

Wie aber stellt man Adolf Hitler dar? Bruno Ganz zeigte im »Untergang« den NS-Führer vor allem tattrig, Fritz Karl spielt ihn dagegen mehr stoffelig und säuerlich, quasi Adolf privat im Gegensatz zum öffentlichen »Wochenschau«-Diktator in grimmiger Ekstase. Das bleibt in seiner Darstellung schlüssig, kommt aber an Stadlobers Goebbels-Parforceritt nicht heran.

Die Dritte im Bunde ist die von Hitler als »Reichsmutter« verehrte Magda Goebbels. Franziska Weisz führt eine bis ins Innerste überzeugte Nationalsozialistin vor, die ihre Verehrung durch den Führer genießt und vor Eifersucht glüht, wenn der ewig lüsterne Gatte wieder fremdgeht. Durch Hitlers Verdikt wird die Ehe bewahrt, sechs weitere Kinder werden geboren, die Magda Goebbels im April 1945 umbringen lässt, umbringen wird, ehe sich auch beide Eheleute vergiften. Was mag einen Menschen anleiten, die eigenen Kinder zu ermorden? Franziska Weisz zeigt eine Antwort.

Petition für die Primetime

Die ARD zeigt »Führer und Verführer« am Sonntag um 23.35 Uhr. Das Unglück des so späten Programmplatzes wird nur dadurch gemildert, dass der Film in der Mediathek zu jeder anderen Uhrzeit verfügbar ist. Trotzdem läuft eine Petition, die eine Ausstrahlung um 20.15 Uhr fordert, »dort, wo der Film seiner Bedeutung als Mahnung gegen Desinformation, Demagogie und das Wiedererstarken rechter Ideologien gerecht wird«, wie es in der Petition heißt.

Die Holocaust-Überlebende und Präsidentin des Auschwitz-Komitees, Eva Umlauf, kritisierte in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« die ARD: Der späte Ausstrahlungstermin sei eine »Schande« und ein »Skandal«. Die ARD-Programmdirektion reagierte, indem sie auf das »umfassende publizistische Angebot zu diesem Thema« anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar verwies, unter anderem auf das »ARD extra« um 20.15 Uhr, in dessen Mittelpunkt »Jüdinnen und Juden sowie ihr Umgang mit wachsendem Antisemitismus heute« stünden.

Der 25. Januar ist ein Sonntag, und an einem Sonntag ist »Tatort« um 20.15 Uhr gesetzt. Aber hätte sich nicht ein anderer Tag in der Woche für eine Ausstrahlung von »Führer und Verführer« finden lassen, im Anschluss an die »Tagesschau« - auch wenn der Film nicht in die gängigen Längen-Schemata des Hauptabendprogramm passt? Was immer die ARD zu dieser mitternächtlichen Programmierung bewogen hat, es ist ein Affront gegenüber dieser sehr gelungenen filmischen Anstrengung.

»Führer und Verführer«
Regie: Joachim A. Lang
ARD, 25.01., 23.35-1.45 Uhr
Film in der ARD-Mediathek: ab 25.01.

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