Kino

Es war einmal auf Hydra

Ausschnitt aus Nick Broomfields neuem Film: Marianne Ihlen und Leonard Cohen auf Hydra (Oktober 1960) Foto: Getty Images

Kino

Es war einmal auf Hydra

Ein neuer Film blickt zurück auf die große Liebesgeschichte zwischen Leonard Cohen und der Norwegerin Marianne Ihlen

von Maria Ossowski  07.11.2019 09:50 Uhr

Die alte Frau liegt im Sterben. Schläuche erleichtern ihr das Atmen. Ein Kameramann filmt sie, sie hat darum gebeten, sie will noch etwas sagen. Denn ein Freund liest ihr einen Brief vor, den Brief ihres früheren Geliebten.

Körper Leonard Cohen schreibt an Marianne Ihlen: »Wir sind alt. Unsere Körper verfallen, und ich weiß, ich werde dir bald folgen. Ich bin so nah bei dir, hinter dir. Wenn du deine Hand ausstreckst, kannst du meine berühren. Ich habe dich immer für deine Schönheit und deine Weisheit geliebt, aber darüber muss ich nichts mehr sagen, denn du weißt es. Heute will ich dir nur eine sehr gute Reise wünschen. Goodbye old friend. Endless love, see you down the road.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Diese Zeilen von Leonard Cohen gehören zu den anrührendsten Liebesbriefen der Weltliteratur. Die sterbende Marianne hebt ihre blau geäderte Hand. »Beautiful«, haucht sie. Und lächelt. Ihr Leben hat sich gerundet, sie kann gehen.

Drei Monate später folgt er ihr, am 7. November 2016 stirbt einer der großen Dichter des 20. Jahrhunderts, Leonard Cohen. Jetzt, genau drei Jahre später, kommt Nick Broomfields Dokumentarfilm Marianne & Leonard: Words of Love über diese Liebesgeschichte in die Kinos. Er endet mit Mariannes Sterbeszene. Was jeder Spielfilmproduzent als unendlich kitschig verworfen hätte, erzählt Broomfield mit bislang unveröffentlichten Originalfilmsequenzen, mit Weggefährten der beiden und mit Zeitzeugen.

griechenland Die Lebens-Liaison begann auf der griechischen Insel Hydra, einem Künstlerparadies der frühen Sechziger, wo man für 1000 Dollar ein Jahr lang gut leben konnte. Die Perspektive ist hoch originell:Die unglücklich verheiratete Norwegerin Marianne Ihlen hat eine kurze Affäre mit dem zwanzigjährigen Briten Nick Broomfield – jenem Mann, der ein halbes Jahrhundert später einen Film über sie und Leonard drehen wird.

Cohen war Marianne Ihlens große Liebe – und umgekehrt.

Marianne steht in einem kleinen griechischen Laden, um einzukaufen, als sie hinter sich in der Tür einen Schatten spürt. Die wunderschöne junge Frau dreht sich um und blickt in die Augen eines ebenfalls wunderschönen jungen Mannes: Leonard Cohen.

Es ist die Zeit der freien Liebe, der Blumenkinder, der Drogenerfahrungen, der Aussteiger. Marianne erinnert sich: »Die Jahre waren richtig gut. Wir saßen in der Sonne, lagen in der Sonne, spazierten in der Sonne. Wir hörten Musik, wir badeten.

Wir haben gespielt, getrunken, diskutiert. Wir haben geschrieben und Liebe gemacht. Ich habe ihm nicht geglaubt, als er sagte, ich sei die schönste Frau, die er je gesehen habe. Ich dachte, mein Gesicht sei zu rund. Deswegen bin ich immer mit gesenktem Kopf gelaufen. Ich hatte sonnengebleichtes Haar und war so dünn. Leonard war wunderschön. Aber das hätte er nie gedacht. Wir hatten beide das gleiche Problem: Wir fanden uns nicht attraktiv. Wir haben oft in den Spiegel geguckt und uns gewundert, wer wir wohl heute sind.«

trennung Marianne hilft ihm, seinen Roman Beautiful Losers zu schreiben, sie ermutigt ihn, Songtexte zu verfassen. Schließlich verlässt Cohen Hydra, steht in New York zum ersten Mal auf einer Bühne, singt »Suzanne«, sein Welterfolg beginnt. Marianne folgt ihm, aber irgendwann taucht Cohen ab in die Musik, ihre Worte passen nicht mehr zusammen, ihre Gefühle, ihre Wünsche. Sie trennen sich. Bei vielen Konzerten grüßt er sie weiterhin. Sie zieht nach Oslo zurück, wird Sekretärin, lebt an der Seite eines freundlichen norwegischen Ehemannes das bürgerliche Leben, das ihre Mutter sich von ihr gewünscht hatte. Sie war Cohens Muse, so weit, so gut: »So long, Marianne«.

Udo Jürgens, selbst ein Frauenschwarm, steht daneben und staunt.

Die große Überraschung des Films sind kluge und reflektierte Zeitzeugen, die Cohen und Marianne nicht stilisieren. Aviva Layton, die Ehefrau des Schriftstellers und engen Cohen-Freunds Irving Layton, bedient nie das Klischee des sanft-melancholischen Frauenschwarms. Marianne war schwanger von Cohen, so berichtet sie, aber er wollte das Kind nicht. Sie wollte ihn nicht verlieren und hat abgetrieben. Eine so oft geschehene Tragödie dieser Jahre, die dunkle Seite der auch von Cohen propagierten Geschlechtergleichheit dieser Zeit.

Kindheit Hinreißend sind die Filmaufnahmen aus Leonard Cohens Kindheit und Jugend. Aviva nennt ihn einen »aristokratischen Juden« aus bester Montrealer Familie, hochgebildet, aber mit einer völlig verrückten, wenngleich höchst musikalischen Mutter. Aviva: »Künstler brauchen verrückte Mütter.«

Cohens Wirkung auf Frauen zeigt ein kurzer Filmausschnitt nach einem Konzert. Eine junge Schönheit an der Seite eines berühmten deutschen Sängers bietet sich Leonard Cohen völlig ungeniert für die Nacht an. Lockend, sexy, Cohen zögert. Udo Jürgens, selbst ein Frauenschwarm, steht neben der Szene und staunt.

schatz Broomfields Marianne & Leonard: Words of Love zeigt ein Stück Kulturgeschichte der 60er- und 70er-Jahre mit all ihren Brüchen. Mariannes Sohn Alex aus erster Ehe bleibt wie viele Nachkommen der Blumenkinder auf der Strecke, die Sinnsucher waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Der Film muss wohl aus Rechtegründen auf längere Konzertmitschnitte oder Songs verzichten, was schade ist. Er verliert sich auch gelegentlich zu sehr im Detail, er ist letztlich eine Erzählung weniger über Marianne als vielmehr über Cohen und die Liebe.

Für all jene jedoch, die wie die Autorin der Meinung sind, Leonard Cohen hätte den Literaturnobelpreis verdient, ist dieser Film ein Schatz und ein kleines Meisterwerk über einen der größten Dichter unserer Zeit.

UEFA Nations League

»Dummheit und Heuchelei«: Israelische Fußballer weisen Völkermord-Vorwürfe aus Irland zurück

Israels Fußballverband wehrt sich gegen Aussagen des irischen Nationaltrainers Heimir Hallgrimsson, der vor dem anstehenden Länderspiel gesagt hatte, Irland werde »gegen den Genozid« antreten

 22.09.2026

Berlin

Igor Levit kritisiert Merz: Weiter-so in hübscher Verpackung

Merz’ Art der Kommunikation des CDU-Politikers wirke »losgelöst«, so der Pianist

 22.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  22.09.2026

Philadelphia

Erstes Konzert nach Macklemore-Aus: Sheeran äußert sich

Wegen israelfeindlichen Äußerungen und einer antisemitischen Vorgeschichte wurde US-Rapper Macklemore aus dem Vorprogramm von Popstar Ed Sheeran gestrichen. Jetzt ist Sheeran erstmals wieder aufgetreten

 20.09.2026

Musik

Biermann mit neuen Liedern: »Mensch, misch’ dich ein«

Der Liedermacher Wolf Biermann präsentiert auf einem neuen Album Unveröffentlichtes - manches neu, manches auch noch aus DDR-Zeiten. Die Themen hätten sich kaum verändert, sagt der Künstler

 20.09.2026

Fernsehen

»Zu Asche, zu Staub«

»Babylon Berlin« endet düster: Die fünfte Staffel spielt in der Zeit um Hitlers Machtergreifung 1933

von Julia Kilian  19.09.2026

Zahl der Woche

5 Dinge

Fun Facts und Wissenswertes

 18.09.2026

Social Media

Nach weltweitem viralen Song: Hasswelle gegen israelische Band Temper City

Der Song der israelischen Band wird zum Welthit – bis die Herkunft der Musiker bekannt wird. Dann beginnt im Netz der Boykott

von Sabine Brandes  18.09.2026

Noah Bendix-Balgley

»Musikalisches Risiko ist wichtiger als absolute Perfektion«

Der Erste Konzertmeister der Berliner Philharmoniker über seine Philosophie beim Spiel, Kritik an Boykotten gegen Künstler und sein erstes Klezmer-Album

von Christine Schmitt  18.09.2026