Interview

»Es geht darum, dieses Leben zu spielen«

Samuel Finzi (56) wurde in Bulgarien geboren und lebt heute in Berlin-Charlottenburg. Foto: Rafaela Proell

Herr Finzi, im Frühjahr debütieren Sie als Buchautor, gibt es mittlerweile einen Titel?
Ja, »Samuels Buch«.

Ach, Quatsch!
Doch! Nicht »Buch Samuel«, sondern »Samuels Buch«. Ich habe den Verlag noch gefragt, ob es zu großkotzig sei, aber sie fanden es auch schön und haben mitgelacht. Ich nehme mich als Schriftsteller nicht ernst, ich spiele das nur.

Meryl Streep hat einmal gesagt: »Schön kann man spielen.« Kann man also auch Schriftsteller spielen?
So einer wie ich muss das machen. Es ist »ein autobiografischer Roman«. Ob alles wahr ist oder nicht, ist vollkommen egal.

Sie sind gerade in der Serie »Das Haus der Träume« zu sehen. Was hat Sie an der Rolle des jüdischen Geschäftsmanns Goldmann interessiert?
Die Figur durchläuft eine sehr dramatische Entwicklung, da kommt noch einiges, über das ich natürlich nicht sprechen darf, ohne zu spoilern. Und das hat mich sehr berührt. In der Anlage war die Rolle eher klischeehaft, da wollte ich sie rausholen.

Was meinen Sie, warum es gerade so viele Serien gibt, die in den 1920er-Jahren spielen und meist auch noch tragische jüdische Helden haben? Natürlich »Babylon Berlin«, dann »Eldorado KaDeWe«, »Das weiße Haus am Rhein«, nun »Das Haus der Träume« …
»Babylon Berlin« hat da ein Tor geöffnet. Vielleicht hat man doch ein Interesse an der Zeit, aus der sich diese Tragödie entwickelt hat. Man hält es wach, was ich nicht verkehrt finde. Und es ist ja auch eine der Aufgaben der Kunst in Deutschland, die, ähnlich der freien Presse, als Säule gegen die Rückkehr eines möglichen Totalitarismus aufgestellt wurde.

Sie haben vor Kurzem mit Anthony Hopkins gedreht …
Ich habe ihn noch nicht getroffen, aber dann hoffentlich auf der Premiere … Es geht um das Leben von Nicholas Winton, der in der Nazizeit die Kindertransporte aus Prag organisiert hat. Ich habe einen Prager Rabbiner gespielt, der eine Schlüsselfigur in der Geschichte ist. Ich habe in der Altneusynagoge gedreht!

In der Prager Altneu-Schul, wo der Golem liegt?
Genau! Neben dem Stuhl von Rabbi Löw! Das habe ich mir nie vorstellen können! Es war toll, Teil dieser Produktion zu sein. Jedenfalls habe ich mir dazu ein altes Interview mit Winton angesehen, da war er 104, und er wurde gefragt, was damals seine Motivation gewesen sei. Er hat geantwortet, glasklar: die Ethik! Das hat mich sehr beeindruckt.

Sind Sie eigentlich manchmal enttäuscht von dem, was bei einem Film herauskommt? Als Schauspieler hat man wenig Einfluss.
Nein, gar nicht! Schauspieler im Film sind nicht die Entscheidungsträger, im Theater schon. Wir tragen die Verantwortung für den Abend auf der Bühne. Das meine ich jetzt nicht exaltiert, aber das muss akzeptiert werden. Ich möchte mich nicht schämen auf der Bühne! Im Film entscheiden andere Dinge: Technik, Schnitt, Kamera. Das liegt nicht in unseren Händen, wir tun unser Bestes, aber wir entscheiden nicht. Das müssen wir akzeptieren.

Sie arbeiten seit 1989 in Deutschland, das sind 33 Jahre. Haben Sie etwas über die Deutschen gelernt? Nicht nur im Film …
Ich bin zufällig hier gelandet, hatte ich nie vor. Und ich bereue es nicht, das müsste reichen. Das Spielen auf der Bühne, womit ich angefangen habe und was ich wirklich gern tue, ich weiß nicht, ob ich mich darin irgendwo anders so hätte entfalten können wie hier. Film ist etwas anderes. Da wissen wir, dass oft die besseren in anderen Ländern gemacht werden. Es ist nun mal so. Da lerne ich immer noch und versuche, eine Erklärung zu finden. Das Mittelmaß ist sehr prägend. Man ist gern sicher hier, und das ist sehr bequem, aber nicht immer fördernd. Wir haben die Aufgabe in der Kunst und Kultur, auch neue Welten zu zeigen und nicht nur immer wieder uns Spiegel vor das Gesicht zu halten. Eine große Casterin sagte einmal: »Der Deutsche schaut sich am liebsten selbst beim Bügeln zu.« Das trifft es sehr gut.

Ich habe gelesen, dass Sie am Lee-Strasberg-Institut in New York gelernt haben …
Bah! Das war ein Furz! Es war ein Jugendtraum von mir, und als ich mit 27 in Köln schon große Rollen gespielt habe, dachte ich, da muss ich jetzt hin. Aber dann bin ich nach zwei Wochen wieder gegangen, das war dilettantisch! Mir hat es nichts gegeben. Da bin ich lieber durch New York geschlendert.

Aber Sie arbeiten mit der Charakterstudientechnik?
Ich bin kein guter Techniker. Ich denke, Schauspiel ist etwas so Intimes, das kann man nicht lernen, das muss man für sich selbst erfinden! Die Theaterschule hat mir nicht viel gegeben.

Aber wie kommt man dahin, wo Sie sind?
Arbeiten, arbeiten, arbeiten! Spielen, auf der Bühne sein! Und Menschen finden, mit denen man Geschichten erzählen will – sowohl im Film als auch im Theater.

Wo kommt denn Carl Goldmann her, Ihr Charakter in »Haus der Träume«?
Ganz einfach, das ist ein verwitweter Vater, der alles für seine Tochter tut, damit sie ein anderes Leben hat als er. Mehr ist das nicht, das ist die Situation. Und gemäß dieser Situation handelt man, so einfach ist das.

Für Sie ist es so einfach.
Ich bin kein großer Erfinder, ich nehme, was ich sehe, was ich mit den Händen fassen kann, womit ich konkret arbeiten kann. Das finde ich den direktesten Weg. Ich beschäftige mich nicht mit Gefühlen, ich beschäftige mich mehr mit Gedanken. Die Gefühle haben Sie dann später.

Sie haben mit vielen großen Regisseuren und Kollegen gearbeitet, die immer danach gesucht haben, was als Nächstes kommt, was man Avantgarde nennen könnte. Das ist in letzter Zeit selten geworden.
Sie meinen, es gibt keine Überraschungen mehr? Es wird natürlich immer schwieriger, aber das liegt wohl auch am fortschreitenden Alter. Außerdem findet so viel auf einmal statt. Es gibt eine gewisse Übersättigung. Wir haben schon alles gesehen … Manchmal denke ich das auch, aber dann sage ich mir, das kann nicht sein! Ich will das nicht glauben! Und versuche, es einfach mal anders zu machen.

Was ist die größte Weisheit, die Ihr Vater Ihnen über die Jüdischkeit mit auf den Weg gegeben hat?
»Es gibt immer mehr als einen Blick auf etwas« …

Das war zu einfach.
»Umso schlimmer, desto besser« und »Es ist nicht gut, sich am eigenen Erfolg zu berauschen«. Wissen Sie, ich glaube, es geht darum, dieses Leben zu spielen. Und dabei nicht die Spielfreude zu verlieren.

Mit dem Schauspieler sprach Sophie Albers Ben Chamo. »Das Haus der Träume« läuft derzeit auf RTL+. Die Ausstrahlung im Free TV ist Ende 2022 auf RTL geplant.

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  18.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der sich ab dem 1. Mai als Global Reporter weiter auf seine Podcast-Formate konzentriert

 17.04.2026

Rebecca Zlotowski

»Womöglich bin ich Masochistin«

Ein Gespräch über ihren Film »Paris Murder Mystery« und Drehs mit Jodie Foster und Natalie Portman

von Patrick Heidmann  17.04.2026

Streaming

Schichtende bei »The Pitt«

Die letzte Episode der zweiten Staffel der erfolgreichen Krankenhaus-Serie ist nun bei HBO zu sehen – Fans warten auf die dritte Staffel

von Katrin Richter  17.04.2026

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Paris

Einen Picasso für 100 Euro gewonnen

Das Auktionshaus Christie’s hat ein Gemälde des berühmten Malers für einen wohltätigen Zweck verlost. Gewonnen hat ein 59-Jähriger aus Paris

von Nicole Dreyfus  16.04.2026

»Scrubs«

Die Rückkehr der Anfänger

Nach 16 Jahren Pause geht es weiter mit der amerikanischen Krankenhaus-Serie. Aber funktioniert das Konzept noch?

von Ralf Balke  16.04.2026

Kulturkolumne

Wenn der Moderator nur sich selbst hört

Armin Laschet und die Absicht, ein Interview zu geben: Über Ambiguitätstoleranz im Deutschlandfunk

von Maria Ossowski  16.04.2026