Zeitgeschichte

Entebbe und kein Ende

4. Juli 1976 auf dem Ben-Gurion-Flughafen: Verwandte und Freunde der Geiseln feiern ihre Befreiung und Rückkehr nach Tel Aviv. Foto: picture alliance / UPI

Zeitgeschichte

Entebbe und kein Ende

Der Historiker Jan Gerber zeigt in seinem neuen Buch, wie aus dem Antizionismus der 68er-Generation radikale antisemitische Praxis wurde

von Ralf Balke  01.07.2026 16:45 Uhr

Genau ein halbes Jahrhundert ist es nun her, dass ein deutsch-palästinensisches Terrorkommando eine Air-France-Maschine auf ihrem Weg von Tel Aviv über Athen nach Paris kaperte und zum Weiterflug nach Uganda zwang, wo sie schließlich in Entebbe landete. Vor Ort trennten die Entführer die Passagiere in zwei Gruppen: Israelis und Nicht-Israelis. Dabei wurden auch Personen, die nicht im Besitz einer israelischen Staatsbürgerschaft waren, aber jüdisch klingende Namen hatten, der ersten Gruppe zugeordnet. Oder anders formuliert: Es handelte sich um die erste Selektion von Juden und Nichtjuden seit 1945 unter deutscher Beteiligung.

Als Yitzhak David, eine der Geiseln und Schoa-Überlebender, dem Entführer Wilfried Böse seine eintätowierte KZ-Häftlingsnummer am Unterarm zeigte und darauf hinwies, dass sich gerade etwas wiederholen würde, antwortete der 27-jährige Deutsche: »Ich bin kein Nazi! (…) Ich bin Idealist.« Mit dem Antisemitismus der Nationalsozialisten habe er nichts gemein.

Eine Vorgeschichte und ein Echo, das bis in die Gegenwart nachhallt

Dabei offenbarte er nicht nur sein eklatantes Unwissen über den Nationalsozialismus, dessen Vertreter von sich ebenfalls gern als »Idealisten« sprachen, sondern zeigte ein Argumentationsmuster, das einem nach dem 7. Oktober 2023 reichlich bekannt erscheint: Man selbst sieht sich als moralisch überlegen, woraus die Rechtfertigung abgeleitet wird, das Schlechte bekämpfen zu können – gemeint sind Juden, Zionisten und Israel.

Entebbe hat jedoch eine Vorgeschichte und ein Echo, das bis in die Gegenwart nachhallt. Beidem geht der Leipziger Historiker Jan Gerber in seinem aktuellen Buch auf den Grund. Denn was damals geschah, so seine These, war mehr als nur irgendeine Flugzeugentführung. Vielmehr kreuzten sich hier zahlreiche Entwicklungslinien innerhalb der deutschen Linken, die – um es höflich zu formulieren – auf ein problematisches Verhältnis zu Juden schließen lassen.

Der deutsche Terrorist Wilfried Böse behauptete: »Ich bin kein Nazi. Ich bin Idealist.«

»Der linke Antizionismus mag eine besondere deutsche Komponente der Schuldabwehr haben«, so Gerber. »Er ist allerdings kein deutsches Alleinstellungsmerkmal. In ihm verbindet sich das anti-imperialistische Weltbild, das ohnehin eine offene Flanke zum Antisemitismus aufweist, mit weit verbreiteten historisch vorgelagerten Motiven des Unbewuss­ten.«

Ebenfalls symptomatisch die Reaktionen der »Szene« in Deutschland auf die Geschehnisse in Uganda: Nicht etwa die Entführung oder die Selektion war für sie der Skandal, sondern die militärische Befreiung durch Israel am 4. Juli 1976. »Maoisten wollten im Kommandounternehmen der Sajeret Matkal eine ›Parallele‹ zu den ›Blitzkriegen der Hitlerfaschisten‹ erkennen.« In Hamburg wurde ein Geschäft, das Juden gehörte, vandalisiert. Doch Gerber liefert keine bloße Chronik des linken Antisemitismus. Vielmehr analysiert er Ereignisse auf ihre ideologische Einbettung und Rechtfertigung sowie ihre Wirkungsgeschichte hin, genau das ist das Neue an diesem Buch.

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Dabei kommt auch der Zweikilosprengsatz, den 1969 eine Vorgängergruppe der Terrororganisation »2. Juni« im Jüdischen Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße deponierte und der bei einer Gedenkveranstaltung zum 31. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938 explodieren sollte, zur Sprache.

Für Gerber markiert dieser Vorfall genau den Moment, an dem die sogenannte Stadtguerilla beschloss, Gewalt gegen das verhasste »System« auszuüben. »Im Angriff auf das Jüdische Gemeindehaus wurde die weitere Geschichte des ›bewaffneten Kampfs‹ hingegen nicht nur vorweggenommen«, betont der Historiker. »In diesem Anschlag fand zugleich all das zusammen, worauf viele weitere Aktionen der Stadtguerilla basierten: Die anti-imperialistische Liebe zu den Völkern verschmolz mit dem judenreinen Faschismusverständnis des Parteikommunismus und der wiederentdeckten Begeisterung für Deutschland.«

Es geht auch um die Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz 1975 und den Mord an dem hessischen Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry 1981.

Manches, was in diesen Jahren geschah, mag als Stichwort noch im öffentlichen Bewusstsein präsent sein, beispielsweise die Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz 1975 oder der Mord an dem hessischen Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry 1981.

Was weniger bekannt sein dürfte, sind die antisemitischen Zusammenhänge: So wurden im Bekennerschreiben der Kidnapper die Besuche von Lorenz in Israel sowie seine Tätigkeit als »Propagandist des Zionismus« hervorgehoben. Auch im bis heute ungelösten Fall Karry, der jüdischer Herkunft war und sich für den deutsch-israelischen Austausch starkgemacht hatte, dürfte dies eine Rolle gespielt haben, war doch in einem Schreiben der »Revolutionären Zellen« explizit von den »zionistischen Verwicklungen« des Ministers die Rede.

»Geschichtsblindheit der deutschen Linken«

»Das Attentat auf Karry mag insofern auch der Geschichtsblindheit der deutschen Linken geschuldet gewesen sein«, so Gerbers Fazit. »Sie fühlten sich qua Bekenntnis zum Antifaschismus frei von den Belastungen der Vergangenheit.« Dabei war stets das Gegenteil der Fall, das beweist die Obsessivität, mit der sich deutsche Linke seit Jahrzehnten an dem Thema Juden abarbeiteten und es heute noch tun.

Die Tatsache, dass Gerber ein ausgewiesener Kenner der Materie ist – so hat er sich unter anderem in der Vergangenheit mit der rund um den Slánský-Prozess 1952 in der Tschechoslowakei initiierten Kampagne gegen »Zionisten und Kosmopoliten« beschäftigt –, erlaubt einen analytischen Gesamtblick auf das Phänomen Antizionismus und Antisemitismus von links, der einen hohen Erkenntnisgewinn nicht nur verspricht, sondern auch liefert. Für das bessere Verständnis einer regressiven Linken und ihrer Palästina-Begeisterung ist das alles geradezu unerlässlich.

Jan Gerber: »Fluchtpunkt Entebbe. Der linke Terrorismus und Israel«. Edition Tiamat, Berlin 2026, 160 S., 20 €

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