Daniel Roher war gerade einmal Mitte 20, als sein Film Once Were Brothers: Robbie Robertson and the Band 2019 das Filmfestival in seiner Heimatstadt Toronto eröffnete. Vier Jahre später durfte sich der jüdisch-kanadische Regisseur für den Dokumentarfilm Nawalny bereits als Oscar-Gewinner feiern lassen. Nun legt er mit The Piano Tuner, für den Leo Woodall, Dustin Hoffman, Tovah Feldshuh und Lior Raz vor der Kamera standen, seinen ersten Spielfilm vor. Über diese spannende Mischung aus Gangsterthriller, Liebesgeschichte und musikalischem Drama sprach er mit uns von Italien aus im Videocall.
Herr Roher, bisher kannte man Sie als Dokumentarfilmer. Haben Sie schon lange den Traum gehegt, einen Spielfilm zu inszenieren?
Sagen wir es einmal so: Ich war nicht immer nur Dokumentarfilmer. In meiner Jugend träumte ich vom Spielfilm, meine Vorbilder waren Regisseure, die fiktional tätig waren. Das dokumentarische Arbeiten habe ich als junger Erwachsener eher zufällig für mich entdeckt. Damals war gerade eine technologische Revolution im Gange: Plötzlich war es möglich, mit lediglich einem Rucksack voll an Equipment ganz allein einen Film zu drehen, der sogar richtig gut aussieht. Das hat mich beflügelt – und ich entwickelte immer mehr Gefallen daran, Dokumentarfilme zu drehen. Den Traum vom Spielfilm habe ich nie aufgegeben, nur dass ich keine Ahnung hatte, wie ich den je Wirklichkeit werden lassen könnte. Das änderte sich erst nach »Nawalny«.
Der Oscar-Gewinn half dabei, eine neue Richtung einzuschlagen?
Das würde ich so sagen! Dieser Erfolg öffnete mir ganz neue Türen, ganz abgesehen davon, dass es natürlich eine ziemlich coole Sache ist, mit 29 Jahren diesen Preis zu gewinnen. Gleichzeitig hatte diese Erfahrung auch etwas Angsteinflößendes, denn plötzlich lastet sehr viel Druck auf der Überlegung, was man auf diese große Ehre folgen lässt. Mein Weg, damit umzugehen, lag ganz instinktiv darin, möglichst etwas vollkommen anderes zu machen. Und so wand te sich meine Aufmerksamkeit fast unwillkürlich ab vom Dokumentarischen und hin zur Fiktion.
Die Idee zu »The Piano Tuner« entstand also vor allem aus der Frage, was Sie als Nächstes machen sollen?
In der Tat. Und es ist natürlich kein Zufall, dass sich die Geschichte des Films nun auch um die Angst und die Sorgen dreht, die damit einhergehen, wenn man der eigenen Existenz und Identität eine neue Richtung verpassen muss, weil man das, was man liebt, oder was die eigene Bestimmung ist, nicht mehr machen kann. Meine Ausgangslage war ohne Frage eine andere als die des jungen Klavierstimmers Niki, der aufgrund seiner Hyperakusis den Traum von der Pianisten-Karriere aufgeben musste. Aber nach »Nawalny« war ich eine Weile lang an dem Punkt, wo ich plötzlich das Gefühl hatte, der Quell meiner Kreativität sei versiegt. Als jemand, der sein Leben lang immer in einer Art schöpferisch tätig war – Filme machen, Schreiben, Malen, Zeichnen –, fühlte sich das ziemlich erschreckend an. Denn wer bin ich in dieser Welt, wenn ich kein Künstler mehr bin? Zum Glück gelang es mir irgendwann, genau diese Gefühle zu kanalisieren und in die Geschichte von »The Piano Tuner« zu verwandeln.
Aber wie brachten Sie den Quell wieder zum Sprudeln?
Letztlich habe ich es einfach erzwungen. Ich habe mich hingesetzt und so lange geschrieben, bis der Knoten platzte. Außerdem half der Zufall ein wenig nach, in Form einer Zufallsbegegnung mit einem Klavierstimmer.
Eine echte Person, die dann Pate stand für Ihren Protagonisten?
Nicht so unmittelbar. Aber als ich meine spätere Frau kennenlernte, begegnete ich Peter White, einem fantastischen Klavierstimmer in Los Angeles, der mit einer ihrer engen Freundinnen verheiratet ist. Er zeigte mir irgendwann seine Werkstatt, und ich entwickelte eine echte Faszination für seine Arbeit.
Sie selbst haben mit Klavieren gar nichts am Hut?
Nein, ich spiele nicht Klavier. Genauso wie ich übrigens auch nicht Russisch spreche und trotzdem einen Film über Nawalny gedreht habe. Man sagt immer, dass man über Dinge schreiben soll, mit denen man vertraut ist. Aber ich würde sagen, dass es mindestens so ergiebig ist, über Dinge zu schreiben, für die man sich interessiert und über die man gern mehr erfahren möchte.
Eine gewisse Musikalität bringen Sie doch aber sicherlich mit, oder? Immerhin haben Sie auch schon einmal einen Dokumentarfilm über Robbie Robertson und seine Gruppe The Band gedreht.
Mein Verhältnis zur Musik ist das gleiche wie zum Atmen. Ohne könnte ich mir mein Leben gar nicht vorstellen. War es Bob Dylan, der gesagt hat, dass wir mit Kunst unsere Räume dekorieren und mit Musik unsere Zeit? Das ist auf jeden Fall ein Zitat, mit dem ich viel anfangen kann. Ich habe immer schon Musik gehört und liebe es, wie es ihr gelingt, eine Zeitkapsel zu sein. Wie es manchmal nur ein paar Takte eines Songs braucht, und schon fühlt man sich zurückversetzt in eine ganz andere Zeit und an einen vollkommen anderen Ort – das hat mich schon immer fasziniert. Das kann keine Kunstform so sehr wie die Musik. Deswegen ist sie auch für mich als Filmemacher ein so wichtiges Mittel. Dass in »The Piano Tuner« nun alte Klassiker von Herbie Hancock oder Nina Simone vorkommen, ist nicht nur evokativ, sondern für mich in gewisser Weise auch ein Weg, mit diesen Legenden ein klein wenig zusammenzuarbeiten.
Apropos Legenden: Welche Regisseure waren Ihre Vorbilder, als Sie als Teenager anfingen, vom Filmemachen zu träumen?
Damals waren es zunächst die Großen des modernen Hollywood-Kinos, die mich inspirierten. Scorsese und Spielberg genauso wie die Coen-Brüder und Paul Thomas Anderson. Und natürlich waren Tarantino und Nolan als junger Film-Fan für mich Helden. Ich bin in Toronto aufgewachsen, einer wirklich tollen Kino-Stadt. Als ich noch zur Schule ging, es mag mit 15 oder 16 gewesen sein, studierte ein Freund meines Bruders bereits Film an der University of Toronto. Über ihn kam ich an die Lehrpläne fürs zweite und dritte Semester und wusste dadurch, was dort unterrichtet wird. Ich schwänzte also immer wieder die Schule, um zu lernen. Ich ließ meine Highschool-Kurse sausen, um mit der U-Bahn zur Uni zu fahren, Filme zu gucken und an den Diskussionen teilzunehmen. Das war meine Einführung ins internationale Kino: italienischer Neorealismus, französische Nouvelle Vague, japanisches Kino. Es dauerte einige Jahre, aber so entwickelte ich wirklich ein immer tieferes Verständnis für diese Art von Filmen.
Für »The Piano Tuner« haben Sie nun zum ersten Mal mit Schauspielerinnen und Schauspielern zusammengearbeitet. Eine große Umstellung?
Ja und nein. Schauspieler sind schon ein ganz spezieller Menschenschlag, finde ich. Ich habe noch nicht das Gefühl, dass ich verstehe, wie sie ticken, weswegen ich sie mit Bewunderung und Skepsis gleichermaßen betrachte. Die Art und Weise, wie sie sich verwandeln können, ist magisch. Aber es gab auch Momente, in denen mir die Arbeit mit meinem Ensemble einiges abverlangte, denn natürlich hat jeder Schauspieler ganz individuelle Bedürfnisse. Dustin Hoffman zum Beispiel war 87 Jahre alt, als wir mit dem Dreh begannen, und ich merkte schnell, dass er seinen Text nicht mehr so lernen konnte wie die anderen. Entsprechend musste ich mit ihm viel mehr improvisieren und durfte nicht so sehr an meinem Skript kleben.
Eine letzte Frage noch mit Blick auf das jüdische Element in »The Piano Tuner«. Nicht nur spielt Hoffman als Nikis Mentor eine dezidiert jüdische Figur, auch sind die Gangster rund um den von Lior Raz verkörperten Uri Israelis. Hatten Sie diesbezüglich eine bestimmte Agenda?
Nein. Dass das Jüdische so zentral ist in dieser Geschichte, ist einfach nur Ausdruck meiner selbst und meines Daseins. Ich bin nicht sonderlich religiös, aber dass ich Jude bin, ist elementarer Bestandteil meiner Sicht auf die Welt. Das in meinem Film sichtbar zu machen, hatte ich mir gar nicht bewusst vorgenommen, sondern es passierte unwillkürlich. Beim Schreiben merkte ich, dass ich am liebsten Figuren schrieb, die mir vertraut erschienen und meinem Umfeld entstammen könnten. Und das hat sich bei der Besetzung dann fortgesetzt. Lior Raz ist einfach großartig – und Dustin Hoffman sowie Tovah Feldshuh als seine Frau sind ohnehin legendär.
Mit dem kanadischen Regisseur und Drehbuchautor sprach Patrick Heidmann. Der Film läuft ab dem 2. Juli im Kino.