Frau Roschal, nach vier Tagen Bachmannpreis, nach den Diskussionen um Ihren Abgang nach der Lesung: Wie geht es Ihnen?
Ich fühle mich so, als hätte irgendwer eine Woche lang auf mich eingeschlagen, und jetzt habe ich den ersten Tag endlich Ruhe. Mir war natürlich bewusst, dass ich, wenn ich rausgehe, also selbst diese Kleinigkeit, ich keinen Preis bekommen werde. Das war eindeutig. Aber ich habe nicht mit der Reaktion der Presse gerechnet, die meiner Meinung nach ziemlich seltsam ausgefallen ist. Ein bisschen war sie auch unter der Gürtellinie. Und das ist sehr unangenehm.
Warum dachten Sie, dass es nichts wird? Es sollte ja der Text bewertet werden.
In der normalen Welt würde man sich das fragen. Aber wir sind im Literaturbetrieb, und es war für mich und für alle um mich herum ziemlich klar , dass jemand, der versucht, zu protestieren oder eine Sache infrage zu stellen, nichts bekommen wird. Aber es ist okay. So habe ich ein wenig Werbung für mein Buch gemacht. Ich denke einfach, dass es in Klagenfurt sowieso nicht um Texte geht. Egal, wie man sich bemüht, das Gegenteil zu beweisen. Es geht darum, wie Autoren lesen, wie sie aussehen, wofür sie biografisch stehen. Es geht um Themen, aber nicht um richtige Textanalyse. Aber das weiß man ja irgendwie auch schon vorher, sonst würde man das Ganze nicht von allen Seiten filmen und mit Social Media, Interviews und so weiter begleiten.
Hatten Sie denn befürchtet, dass Ihr Text dem Wettbewerb nicht standhält?
Ich dachte, dass es eine gute Idee wäre, die sozialen Probleme, die im Literaturbetrieb ja noch einmal verschärft werden, reinzubringen. Es gab Presseartikel, die mir vorwarfen, elitär zu sein. Wenn Menschen sagen, dass sie Geld brauchen, um ihre Arbeit zu machen, ist das ja wohl das Gegenteil von elitär. Leute, die einen vermögenden Hintergrund haben, eine gute Herkunft, die interessieren sich für so etwas nicht. Wenn man den Literaturbetrieb kritisiert, bedeutet es nicht, dass man soziale Klassen gegeneinander ausspielt, dass man unbedingt bereit sein muss, zum Beispiel selbst als Putzfrau zu arbeiten und parallel Bücher zu schreiben, was sowieso körperlich, zeitlich kaum machbar ist. Von einem Moderator bei 3sat verlangt niemand, sein Einkommen zu rechtfertigen. Von Autoren wird komischerweise alles verlangt. Das sind so diese kleinen, feinen Nuancen, die am Ende große Unterschiede ausmachen.
Wie haben Sie sich beim Bachmannwettbewerb gefühlt?
Ich habe oft das Gefühl, dass ich bei solchen Veranstaltungen eigentlich nicht dabei sein sollte. Ich bin überhaupt nicht die Zielgruppe. Ich komme mir fremd vor und versuche trotzdem instinktiv Sachen zu machen, die mir als richtig erscheinen. Ich hatte auch kein großes Konzept dahinter. Mir war überhaupt nicht bewusst, dass es als eine große Provokation wahrgenommen wird, wenn ich nicht der Diskussion zuhöre. Ich finde nur, es gibt keinen einzigen Grund, warum man da sitzen muss. Warum sollten das alle so machen, weil es früher immer so gemacht wurde? Das ist ja vollkommen unlogisch.
Die Jurorin Mithu Sanyal nannte das Zuhören für die Autoren »Mobbing«.
Es ist irgendwie schön, dass sie das gesagt hat. Andererseits saß sie natürlich auch weiterhin mit am Tisch.
Finden Sie solch einen Wettbewerb noch zeitgemäß?
Nein, überhaupt nicht. Das ist unschön, so etwas macht man einfach nicht. Man trommelt nicht lauter Autoren zusammen, die dringend Geld brauchen, damit sie gegeneinander lesen. Mich erinnert das an diese Serie Filmreihe »Die Tribute von Panem«, in der man junge Leute einander bekämpfen müssen, nur der Sieger überlebt, und schaut zu. Daraus wird ein Event gemacht. Diese Spannung unter Autoren, sie verstärkt sich von Tag zu Tag. Zudem gibt es auch immer eine große Dissonanz zwischen dem, was sich Autoren untereinander erzählen, und dem, was sie dann auf der Bühne sagen. Die Bedingungen, in denen Kunst stattfindet, werden halt sehr stark romantisiert. Der Arbeitsalltag dagegen nicht. Da sind alle froh, wenn sie das nicht machen müssen. Bei Autoren denkt man sich, da muss es schön und elegant und brav zugehen. Aber dann erzählen alle untereinander, wie furchtbar es ihnen geht. Dem einen zuckt das Auge, der andere hat irgendwas mit Bluthochdruck. Mir war selbst die ganze Zeit schlecht. Ich habe chronische Migräne und musste zu viele Migräne-Tabletten nehmen in dieser Woche.
Haben Sie von anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern Zuspruch bekommen?
Jeder war sehr angespannt und hat auf seine Lesung gewartet. Es gab zeitlich kaum Möglichkeiten, untereinander wirklich offen miteinander zu sprechen. Nachdem alles vorbei war, haben mich ein paar Autoren angesprochen und gesagt, sie würden gerne ein Projekt darüber mit mir machen, vielleicht eine Textreihe, die ich ihnen vorgeschlagen habe, dass auch andere mal berichten, wie es ihnen ergangen ist, als ein Blick von innen. Also so ein Blick von innen. Der Vorschlag, den die 3sat-Moderatorin angebracht hatte, das eigene fiktive Preisgeld unter allen aufzuteilen, der war bei insgesamt fünf Preisen, die vergeben wurden, ziemlich unrealistisch, da alle mitmachen müssten. Ein kollektiver Aufstand hätte nicht funktioniert, ich habe mir eine große Enttäuschung erspart. Ich hätte allerdings noch ein paar Ideen.
Welche?
Wenn man es wirklich spielerisch angehen würde, könnte man die Juroren auslosen und den nettesten anschließend mit Preisgeld auszeichnen. Oder man könnte sagen, dass nur einer der beiden Moderatoren ein Honorar für diese Woche bekommt und die Auswahl wiederum von Autoren per Abstimmung getroffen wird. Wenn es um Zufall und Abhängigkeiten geht, könnte man das Konzept also ausdehnen – auf die alle Teilnehmer, nicht nur auf die 14 armen Autoren.
Ihr Text »Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet« ist aus dem gleichnamigen Roman, der bald erscheinen wird. Was war die Motivation zu diesem Buch?
Ich habe lange davon geträumt, ein Buch zu schreiben, in dem alle zu schreien beginnen: »Der Autor ist tot!«, weil es erstaunlich ist, wie viel unnötigerweise wir über Autoren sprechen und wie viel mediale Präsenz von ihnen verlangt wird. Der Fokus verschiebt sich immer mehr vom Buch auf dieses ganze Begleitende. Das Paradoxe ist auch, dass sich Bücher für Autoren finanziell immer weniger rentieren, über einen Vorschuss hinaus, und viele in den Journalismus wechseln. Aber zurück zum Roman: Ich wollte ganz unterschiedliche Gattungen miteinander verbinden: ein Krimisujet mit lyrischen Elementen und etwas journalistischer Recherche. Ich habe um die 15 Leute in unterschiedlichen Städten, vor allem Migranten, russischsprachige Migranten, Menschen aus der Ostukraine, ein paar Deutsche interviewt, die im Reinigungsbereich arbeiten, ihre Zitate neu kombiniert und bestimmten Figuren in den Mund gelegt.
Wie war das Schreiben für Sie?
Es hat mir viel Spaß gemacht, weil ich etwas Neues ausprobiert habe, nämlich mit fremden Leuten zu sprechen. Das fällt mir normalerweise schwer, ich bin kein besonders sozialer Mensch. Ich habe auf ebay Anzeigen geschaltet, um meine Interviewpartner zu finden oder in Facebook-Gruppen für Russischsprachige gefragt. Für den Text habe ich Interviews in Neumünster, München oder Lüneburg geführt. Die Leute haben unendlich viele kluge Sachen sie gesagt haben, die gar keine Überarbeitung brauchten. Es waren richtige Perlen mit dabei, sehr schöne, sprachlich originelle Wendungen und inhaltliche Einblicke, die man sich gar nicht ausdenken könnte. Ich habe bei diesen Interviews auch über das Verhältnis zwischen mir und den Menschen gegenüber nachgedacht, die zum Beispiel Gebäude oder Hotelzimmer reinigten. Bin ich besser gestellt als sie oder nicht? Das war so nicht ganz eindeutig, ich hatte bestimmte Freiheiten, die sie nicht hatten – ich habe keine fremdbestimmten Arbeitszeiten, kann mir meine Aufträge aussuchen, meine Lesungen, wahrscheinlich verdiene ich mehr. Sie haben oft keine Zeit, Bücher oder Zeitungsartikel über sich zu lesen, und keine Möglichkeit, welche zu schreiben.
Trotzdem ist Schriftsteller zu sein eine prekäre Angelegenheit?
Ja. Es gab zuletzt einen Report des VS in ver.di, dass weniger als sechs Prozent von ihrem Schreiben leben können. Die meisten haben einen »Brotjob«. Manchmal bekomme ich kurze Dozenturen an Unis, habe auch eine Weile vom Arbeitslosengeld geschrieben. Autoren, die den Aufstieg geschafft haben, sind selten. Manche haben auch einfach einen stabilen Background, eine eigene Wohnung, Eltern, die sie finanzieren. Viele haben Partner, die dann das Geld einbringen. Ansonsten sind Schriftsteller quasi die Putzfrauen des Literaturbetriebs, ohne sie geht nichts, aber man kann sie leicht ersetzen, und wer nicht zufrieden ist, soll gehen.
Im Text kommt eine Stelle vor, die sich mit dem 7. Oktober 2023 auseinandersetzt. Wie ist das Schreiben seitdem für Sie?
Ich glaube, die Stelle war »Ich will, dass alle Geiseln in Israel auferstehen und dass jeder Fanatiker und Frauenhasser erschossen wird.« Im Roman wird das eine große Rolle spielen. Ich habe den Satz in den Auszug reingenommen, obwohl mir klar war, dass es ein neues Risiko bedeutet. Und wenn jemand aus der Jury ein Problem damit hat, bin ich wieder raus. Es ist trotzdem wichtig, dass man so einen Satz einmal im Fernsehen sagt. Nach dem 7. Oktober 2023 hat sich viel verändert. Ich habe zum Beispiel auch mit Alexander Estis zusammen eine Textreihe in der FAZ über Antisemitismus im Literaturbetrieb herausgegeben. Wir hatten damals auch gemeinsam mit Leni Karrer ehrenamtlich eine Reihe an Benefiz-Lesungen für Israel organisiert. Die Einnahmen haben wir an Organisationen gespendet, die sich für Frieden einsetzen. Jetzt schreibe ich an meinem neuen Roman und versuche, mich auch damit zu beschäftigen. zu verstehen, welche Verantwortung ich als Nachfahre trage und wie ich ihr gerecht werden kann.
Mit der Schriftstellerin sprach Katrin Richter.