Herr Kosminski, während Teile der Kulturszene – siehe documenta, Biennale Venedig – offen antisemitisch diskutieren, haben Sie mit der Otto-Hirsch-Medaille vor kurzem eine Auszeichnung erhalten, weil Sie sich um die christlich-jüdische Zusammenarbeit, Völkerverständigung und Integration verdient machen. Was bedeutet Ihnen das?
Als ich davon erfuhr, war ich überrascht, sogar perplex. Wir beschäftigen uns mit dem Thema, weil es uns wichtig ist. Dass das wahrgenommen wurde, freut mich natürlich sehr.
Warum sind viele deutsche Intellektuelle, die man eher im linken Spektrum vermutet, so erpicht darauf, Israel zu kritisieren? Über Menschenrechte in China finde ich keine Diskussionsrunden auf den Spielplänen.
Ich kann Ihnen die Ursache nicht nennen, ich verstehe es nicht. Ich kann nur für mein Haus sprechen und sagen, dass Antisemitismus und die Infragestellung der Existenzberechtigung Israels in der Kunst keinen Raum einnehmen dürfen. Kunst kann und soll Probleme thematisieren, ohne eine Gruppe, eine Religion, ein Land auszugrenzen.
Warum machen Sie es anders?
Mich hat das Thema schuldig geboren zu sein, früh umgetrieben.
Sie sind Jahrgang 1961. Am Holocaust trifft Sie keine Schuld.
Dennoch habe ich mit meiner Familie darüber klare Auseinandersetzungen gehabt. Mein Onkel, der eine Art Ersatzvater war, war Mitglied der NSDAP und als Soldat im Krieg. Er hat mir sehr persönlich über seine Erfahrungen berichtet und ist als Folge der Erlebnisse Pfarrer geworden. Und dann bin ich mit 16 nach Israel gereist.
Wie waren Ihre Erfahrungen?
Ich habe Menschen getroffen, die vom Holocaust persönlich betroffen waren, und viele junge Leute kennengelernt. Ich hatte immer den Eindruck, die israelische Gesellschaft will die Begegnung, den Austausch. In der Kunst setzte sich das Thema fort. Meine erste Rolle als Schauspieler war in George Taboris Stück »Jubiläum«, das unter anderem von der Verfolgung von Minderheiten in der NS-Zeit handelt. Ich spielte den transsexuellen Helmut. Meine Abschluss-Regiearbeit in New York war ebenfalls eine Tabori-Inszenierung. Ich habe Tabori kennengelernt, er hat mich sehr geprägt.
Ihren Intendanzstart 2018 in Stuttgart machten Sie dann aber mit »Vögel« des libanesisch-kanadischen Autors Wajdi Mouawad.
Wir spielten auf Deutsch, Hebräisch, Arabisch und Englisch und konnten unter anderem Itay Tiran, Evgenia Dodina und Dov Glickman gewinnen, die in Israel Superstars sind – und wir hatten arabische und deutsche Schauspieler im Team. Wir dachten: Das wollen wir, selbst wenn es kein Blockbuster wird. Doch dann wurde es einer. Inzwischen ist es ein weltweit erfolgreiches und, wie ich finde, Brücken bauendes Stück. Heute könnten wir es so nicht mehr machen.
Warum?
Die Fronten sind verhärtet seit dem Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023. Ich habe damals mit Freunden in Israel telefoniert. Freunde von ihnen waren ermordet worden, gleichzeitig sagten sie mir, gerade jetzt wären Gespräche wichtig, damit irgendwann diese Spirale der Gewalt endet. Davon sind wir weit entfernt.
Diese Saison haben Sie drei Produktionen zum Thema Holocaust, Judentum heute und Antisemitismus gezeigt. Peter Weissʼ »Die Ermittlung«, Tomer Gardis »Eine runde Sache«, Thomas Bernhards »Vor dem Ruhestand«, alle vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Waren die Termine bewusst gewählt?
Peter Weissʼ Stück, das von den Auschwitzprozessen handelt, haben wir absichtsvoll so gesetzt. Ich bin dankbar, dass die damalige Landtagspräsidentin Muhterem Aras die Fraktionen dafür gewinnen konnte, dass wir es im Landtag spielen durften. Wir spielen auch in anderen Parlamenten. Sachsen hatte eine Anfrage gesellt, es ist leider nichts daraus geworden. Dabei würde ich das Stück gern im Osten spielen.
Vielleicht im Herbst vor den nächsten Wahlen, bei denen der AfD Wahlerfolge prognostiziert werden?
Man wird sehen. In diesem Herbst werden wir ein weiteres Demokratieprojekt zum Auftakt zeigen, es geht um die Philosophin und Jüdin Hannah Arendt und den Philosophen Martin Heidegger, der NSDAP-Mitglied war. Ich finde es wichtig, dass wir als deutsche Gesellschaft uns an diese dunkle Zeit erinnern. Und daran, wohin es führen kann, wenn wir nicht wachsam bleiben und die Demokratie verteidigen.
Mit dem Intendanten am Schauspiel Stuttgart, Regisseur und Schauspieler sprach Nicole Golombek.
Die nächsten Vorstellungen von Peter Weissʼ »Die Ermittlung« sind am 25. und 26. Juli.
Die Premiere von »Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten, eine Welt – Eine theatrale Erkundung zu Hannah Arendt und Totenauberg von Elfriede Jelinek« findet am 26. September 26 im Schauspielhaus Stuttgart statt.