Neubau

Endspurt in Warschau

Der Standort ist symbolisch. Das neue Museum der Geschichte der polnischen Juden steht im Zentrum Warschaus über den Ruinen des einstigen Ghettos. Wer das Gebäude verlässt, blickt in die Gesichter der Ghettokämpfer auf dem berühmten Denkmal. Von den Mauern des von den Nazis zwangsweise eingerichteten »jüdischen Wohnbezirks« blieb wenig, doch Stadtführer können den Verlauf anhand von Markierungen im Straßenpflaster zeigen.

Fast ein Drittel der Warschauer waren vor der Schoa Juden. Die polnische Kapitale hatte mit 400.000 Menschen den größten jüdischen Bevölkerungsanteil der Welt. Es gab Hunderte jüdische Schulen und Bibliotheken, mehr als 130 Zeitungen. Heute leben in Warschau schätzungsweise noch – oder inzwischen wieder –2.000 Juden.

Muranów Die Verankerung des neuen Museums im Stadtteil Muranów ist Dorota Keller-Zalewska, der stellvertretenden Direktorin, wichtig: »Eines unserer Ziele ist es, über den Aufstand im Warschauer Ghetto zu informieren«, sagt sie. Doch bloß rückwärtsgewandt soll das neue Haus nicht sein. »Wir möchten nicht nur ein Warschauer Museum sein«, sagt Keller-Zalewska, die fließend Deutsch spricht – sie machte in Berlin Abitur und hat drei Jahre in Deutschland gelebt. »Wir sind kein Holocaust-Museum, sondern ein Haus für das Leben.«

Offiziell eröffnet das Haus am 28. Oktober, doch es kann jetzt schon besucht werden. Regelmäßig werden Konzerte, Diskussionsabende oder Workshops veranstaltet, man lädt zu Vorträgen und Filmvorführungen. Es läuft auch schon die erste Sonderschau »Jew, Pole, Legionary 1914–1920« über jüdische Kämpfer in der polnischen Unabhängigkeitsbewegung in der Zeit des Ersten Weltkrieges und danach.

Auch die Dauerausstellung des Museums steht inzwischen zu mehr als 90 Prozent, wie die kanadische Chefkuratorin Barbara Kirshenblatt-Gimblett stolz mitteilt. Die so resolute wie sachkundige Professorin an der New Yorker »Tisch School of the Arts« und Beraterin einer Vielzahl jüdischer Museen, die vorübergehend im Kibbuz Revivim lebte und reden kann wie ein Buch, hat die Schau gemeinsam mit dem 2006 gebildeten Team auf der Grundlage der Expertisen von mehr als 100 Sachverständigen eingerichtet. Der Tochter polnisch-jüdischer Emigranten war und ist die Aufgabe ein Herzensbedürfnis. Sie schafft für ihre Vorfahren einen Kontext, der die Erinnerung zurückbringen und das Vermächtnis lebendig erhalten soll für alle künftigen Generationen.

bühne Amerikanisch eingängig ist die Art der Präsentation. Das Publikum soll sich fühlen wie auf einer Bühne der Geschichte: erhellend bis in die Details der Deckenbemalung über der freistehenden Bima der von 400 Freiwilligen rekonstruierten hölzernen Synagoge aus dem heute ukrainischen Gwozdziec im Zentrum der Inszenierung. In acht Galerien durchmessen Besucher auf 4200 Quadratmetern 1000 Jahre Vergangenheit, interaktiv aufbereitet und unterstützt von opulenter, farbig akzentuierter und narrativer Ausstellungsarchitektur, Artefakten, Wandtexten, Landkarten und Bilddokumenten. 160 Originalexponate aus aller Welt sollen bis Oktober zusammengetragen sein. Wo diese fehlen, muss die Atmosphäre sprechen. Es gelingt.

Eigentlich sollte das Museum schon 2013 fertig sein. Doch die Eröffnung musste mehrfach verschoben werden. Ginge es nach Dorota Keller-Zalewska, wäre der Termin auch jetzt noch einmal verlegt worden: »Der Druck war stark, sonst hätten wir später eröffnet.« Ersehnte Kooperationen, etwa mit dem Jüdischen Museum in Frankfurt, sind bislang gescheitert, und das Budget wird offenbar der Bedeutung der Institution wenig gerecht: »Wir sind finanziell in einer schwierigen Situation«, konstatiert die stellvertretende Direktorin.

Da helfen auch die 20 Millionen Zloty (umgerechnet rund 4,8 Millionen Euro) nicht, die Deutschland überwiesen hat. Der pädadogische Bereich für Kinder und ein Bildungsprogramm sind unterfinanziert: »Dafür brauche ich noch Mittel.« Langfristig sind auch Kunstaustellungen geplant, doch »es gibt verschiedene technische Komplikationen, ich kann noch nichts dazu sagen«.

architektur Das Gebäude des Museums ist eine avantgardistische Landmarke und baukünstlerisch ein großer Wurf im Aufbruchswarschau, das sich auch städtebaulich immer entschlossener der einstigen Sowjetfesseln entledigt. Raffiniert der Zugang in Form eines stilisierten monumentalen Tav. Der hebräische Buchstabe wirkt wie ein riesiger Spalt – man möchte rasch über die Schwelle und in das Geheimnis vordringen, das dahinter zu warten scheint. In der Laibung rechts hat Polens Oberrabbiner Michael Schudrich die Mesusa angebracht.

Der finnische Architekt Rainer Mahlamäki hat allerdings an einigen Stellen offenbar nicht funktional genug gedacht. Im Bereich der Sicherheitsschleusen ist viel zu wenig Platz vorgesehen. Bereits jetzt, Monate noch vor der Eröffnung, stauen sich die Besucherschlangen immer wieder bis zum Ghettohelden-Denkmal. Ein Ärgernis auch das viel zu kleine Räumchen gleich links mit den Schließfächern, wo sich nur wenige Menschen gleichzeitig zu schaffen machen können.

Die Kammer steht in so gar keiner Relation zum überwältigenden höhlenhaften und gleichwohl – dank der riesigen Glasfronten und viel hellem Sichtbeton, der dank einer Spezialbehandlung wie Sandstein aussieht – lichtdurchströmten Raumerlebnis im weitläufigen Foyer: Erlebnisarchitektur, wie man sie in der hermetischen Hülle nicht erwartet. Außen geometrische Strenge, innen arbeiten die Formen urzeitlich gegeneinander. Wände schwingen vor und zurück, als teile Moses – oder der Wind – das Meer. Symbolfreudige Baukunst für aufnahmebereite Menschen. Begrüßen durfte das Museum auch schon eine Gruppe beeindruckter Imame.

www.jewishmuseum.org.pl

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