150. Geburtstag

Einseitige Freundschaft: Thomas Mann und Ida Herz im Briefwechsel

Thomas Mann Foto: picture alliance / Everett Collection

Sie sagte über ihn: »Er war mein bester Freund.« Er schrieb über sie in sein Tagebuch, sie sei eine »hysterische alte Jungfer«, zudem lästig und aufdringlich. Trotz dieser harschen Worte wandte er sich immer wieder an sie: Hunderte Briefe wechselten der Nobelpreisträger Thomas Mann und die jüdische Buchhändlerin Ida Herz miteinander, 30 Jahre lang. Sie war seine treueste jüdische Leserin und erste Archivarin.

Zum 150. Geburtstag Manns am 6. Juni hat der Münchner Germanist Holger Pils ein Buch aus dem umfangreichen Briefwechsel gemacht: »Liebes Fräulein Herz« heißt es und ist jetzt im S. Fischer Verlag erschienen. Es ediert erstmals komplett den vorhandenen Briefwechsel von Thomas Mann und seiner Frau Katia mit Ida Herz zwischen 1924 und 1955 - ein Band, der kurzweiligen Einblick in zwei sehr unterschiedliche Leben gewährt, die sich immer wieder kreuzen. Gleichzeitig ist er historisches Zeitzeugnis.

»Führer-Quartett« - ein »gräuliches« Spiel

Es sind Briefe, die 30 Jahre europäische und amerikanische Zeitgeschichte auf privater Ebene spiegeln; der Leser erfährt nebenbei etwa, dass die Mann-Kinder zu Weihnachten 1934 ein »Führer-Quartett« spielen, das sie von jemand geschenkt bekommen haben. Thomas Mann schreibt über das »gräuliche« Spiel, es habe »sehr gewonnen in dieser Gestalt: Man gab sonst immer die geforderten Kärtchen so ungern her, jetzt kann man sie nicht schnell genug loswerden.«

Die Briefe geben einen Einblick in das Leben der Manns vor und nach ihrer Emigration in die Schweiz und später in die USA, in ihr Familienleben, ihre Urlaubsorte, ihre Geselligkeiten und Bekanntschaften.

Und auch das Leben von Ida Herz als alleinstehende Buchhändlerin jüdischen Glaubens im Deutschland vor und nach dem Zweiten Weltkrieg gewinnt an Konturen: Wie sie das Werk Thomas Manns archiviert, finanziell über die Runden kommt, wie sie den zunehmenden Antisemitismus spürt und versucht, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen.

Tiefe Verehrung für Mann

Als gegen sie 1935 ein Haftbefehl erlassen wird, »wegen Beschimpfung führender Persönlichkeiten in Staat und Partei«, flieht sie - in die Schweiz, zu Thomas Mann. Dort aber ist sie nicht willkommen.

Das wird deutlich in einem Brief Katia Manns an ihren Sohn: »...meiner Ansicht nach hat sie geradezu diese Situation zum mindesten unterbewusst, hervorgekitzelt, um durch ihre Gefährdung dem Zauberer (Thomas Mann, Anmerkung der Redaktion) an die Brust geworfen zu werden. Da kam sie aber übel an, denn er machte aus seiner Mißbilligung keinen Hehl, und sie unabsehbar im Hause zu haben, weigerten wir uns standhaft.« Sicher sei, »dass die Familie Mann davon ausgeht, Ida Herz sei unnötigerweise geflohen«, schreibt Holger Pils entsprechend in seinem einordnenden Nachwort.

Grundsätzlich ist der Ton des Briefwechsels freundlich, von ihrer Seite wird die tiefe Verehrung deutlich. Ida Herz glaubt an die Besonderheit dieser Beziehung: »...denn ich besitze Ihre Freundschaft. Sie ist das Wunder meines Lebens«, heißt es etwa. Sie schreibt ihm und schickt ihm immer wieder zahlreiche Geschenke - darunter Marzipan, Blumen, Briefpapier, ein Zigarettenetui.

Schock nach Öffnung der Tagebücher: »Zu Tisch leider die Herz«

Als 20 Jahre nach dem Tod Thomas Manns seine Tagebücher geöffnet werden, ist der Schock folglich groß. Er habe wieder einmal die Herz »auf der Pelle« gehabt, so Thomas Mann etwa im April 1935 über ihren Besuch. Er sei »froh, die Lästige los zu sein« und immer wieder der Satz: »Zu Tisch leider die Herz«. Ida Herz ist sehr betroffen, als sie das Jahrzehnte später liest. Es wird ihr klar, dass in den Briefen viel unausgesprochen blieb. Ihr größter Freund ist für sie nun »ein schonungsloser Cyniker«.

Zudem sind manche ablehnende Äußerungen Manns und seiner Familie, wie sich nun herausstellt, offenbar mit ihrer jüdischen Herkunft und ihrem sozial niedrigeren Stand verknüpft: »Auffallend ist, dass das Jüdische explizit immer in Verbindung mit der sozialen Herkunft genannt wird - und in Kombination mit negativen individuellen Zügen«, schreibt Herausgeber Pils. Ida Herz dagegen hatte Thomas Mann, dessen Frau Katia aus einer großbürgerlichen und ursprünglich jüdischen Familie stammte, jahrelang als entschlossenen Kämpfer gegen Antisemitismus verteidigt.

Zur Freundschaft unfähig?

Als Ida Herz am 12. Februar 1984 mit 89 Jahren in London stirbt, hat sie Thomas Mann um fast 30 Jahre überlebt. In einem Nachruf wird sie gewürdigt »als Frau von großem Mut und Lebensfreude«, die sich gegen das übliche Muster eines Lebens als Hausfrau aufgelehnt habe und einen eigenen Weg gegangen sei - und natürlich als Freundin Thomas Manns.

Ida Herz indes bewertet nach der Veröffentlichung seiner Tagebücher ihr Verhältnis zu Thomas Mann anders: Eine Freundin habe einmal gesagt, dass Thomas Mann ‚zur Freundschaft unfähig sei‘, berichtet sie. Diese Aussage habe sie ihr damals sehr übelgenommen. Heute wisse sie, »Agnes E.Meyer ‚hatte recht‘ «.

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