Ausstellung

Eine bessere Zukunft

1947: Bewohner des DP-Lager Poppendorf protestieren, nachdem die britischen Behörden jüdischen DPs die Einreise nach Palästina verweigerten. Foto: Jüdisches Museum Frankfurt

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Eine bessere Zukunft

Das Jüdische Museum Frankfurt zeigt in der Ausstellung »Unser Mut« die Vielfalt jüdischer Erfahrungen in der frühen Nachkriegszeit

von Eugen El  12.10.2021 10:57 Uhr

»Un vu gefaln s’iz a shprots fun undzer blut, / Shprotsn vet dort undzer gvure undzer mut«: Diese jiddischen Zeilen stammen aus einem Partisanenlied von 1943. Dessen Verfasser, der junge Dichter und Partisan Hirsch Glick, starb 1944 im Kampf gegen die deutsche Wehrmacht. »Und wo ein Tropfen von unserem Blut geflossen ist, / Wird unser Heldentum sprießen, unser Mut«, lautet die deutsche Übersetzung der Zeilen.

Der von Glick beschworene Mut war im Kampf gegen die deutschen Besatzer notwendig – ebenso aber auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit, als es für die in Europa verbliebenen oder zurückgekehrten Juden galt, sich in einer mitunter weiterhin feindlich gesinnten Umgebung zu behaupten.

»Undzer Mut« hieß denn auch die erste Zeitung, die in dem von der US-Armee eingerichteten Camp für Displaced Persons (DPs) in Frankfurt-Zeilsheim erschien. »Unser Mut« ist auch die Ausstellung betitelt, mit der das Jüdische Museum Frankfurt das Leben der Juden in Europa von 1945 bis 1948 nachzeichnen möchte. Der zeitliche Horizont erstreckt sich vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Gründung des Staates Israel und der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

STÄDTE Das Herzstück der Schau im Erweiterungsbau des Museums sind sieben begehbare Installationen, die je eine Stadt in Ost-, Mittel- oder Westeuropa samt ihrer jeweiligen Rolle für das jüdische Leben in den ersten Nachkriegsjahren vorstellen: Amsterdam, Bari, Berlin (Ost), Białystok, Budapest, Dzierzoniów und Frankfurt am Main.

So nimmt die Schau das Wirken linksgerichteter Remigranten im sowjetischen Sektor Berlins ebenso in den Blick wie das DP-Lager Zeilsheim im Zentrum der amerikanischen Besatzungszone, das viele Überlebende in der Hoffnung auf Auswanderung in die USA oder ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina anzog.

Die gesamteuropäische Perspektive ist laut Co-Kurator Erik Riedel das Einzigartige an der Ausstellung.

In jeder Stadt-Installation wird anhand von zwei Protagonisten die Vielfalt der jüdischen Erfahrungen unmittelbar nach der Schoa sichtbar gemacht. Museums­direktorin Mirjam Wenzel und ihr ehemaliger Stellvertreter Werner Hanak erläutern im Ausstellungskatalog: »Jüdinnen und Juden, die die Schoa in den Konzentrations- oder Vernichtungslagern, im Versteck oder im Widerstand überlebt haben, treffen auf jüdische Soldatinnen und Soldaten in der Roten Armee, in der US Army und der British Army oder auf Zurückkehrende, die in die UdSSR geflüchtet waren und nach dem Krieg repatriiert wurden.«

PERSPEKTIVE Die gesamteuropäische Perspektive sei das Einzigartige an der Ausstellung, betont Co-Kurator Erik Riedel bei einem Rundgang. Zudem werde sie aus einer jüdischen Perspektive heraus und jenseits nationaler Geschichtsschreibungen erzählt. Die Ausstellung folge keiner Chronologie, die Besucher könnten sich, so Riedel, darin frei bewegen. Sie zeige Juden außerdem als Handelnde und nicht als passiv Wartende, erläutert der Co-Kurator. Die Jahre von 1945 bis 1948 bezeichnet er als »eine Zeit, in der sehr viel gestaltet wurde«.

Ein eindrücklicher Beleg für diese These ist das »Katset-Teater«, ein 1945 gegründetes jiddisches Theaterprojekt im DP-Lager Bergen-Belsen. In der Ausstellung sind einige Fotografien von Aufführungen aus den Jahren 1945 und 1946 zu sehen. Da werden jiddische Klassiker gespielt, aber auch Stücke, die den Alltag in einem Konzentrationslager thematisieren. So tragen Schauspieler etwa Häftlingskleidung oder auch Kapo-Uniform, das Bühnenbild einer Aufführung zeigt einen Berg von Schuhen, an dessen Spitze das Wort »Majdanek« zu lesen ist.

Von einer frühen bildnerischen Auseinandersetzung mit der Schoa zeugen auch die in der Ausstellung präsentierten Druckgrafiken von Lea Grundig, Leo Haas, Esther Lurie und weiteren Künstlern. Ihre Arbeiten zeigen Motive, die, wie Erik Riedel erläutert, bis heute als visuelle Codes für die Schoa präsent sind – unter anderem Viehwaggons, Schornsteine und abgemagerte Figuren. »Sie zeigen, wie stark das Bedürfnis war zu dokumentieren«, unterstreicht Riedel.

ZEUGNISSE Überhaupt lohnt es sich, die in allen Ausstellungsbereichen gezeigten fotografischen Zeugnisse der unmittelbaren Nachkriegszeit zu betrachten. Aussagekräftig sind etwa die Gesichter der dort abgebildeten Menschen, die bisweilen hoffnungsfroh und zukunftsgewandt, vielerorts aber auch vom Erlebten gezeichnet wirken.

Die Fotografie einer Pessachfeier in Białystok im Jahr 1946 hält eher Letzteres fest. Vor der Besetzung der ostpolnischen Stadt durch die deutsche Wehrmacht sei über die Hälfte der dortigen Bevölkerung jüdisch gewesen, sagt Erik Riedel. Nur sehr wenige hätten das Ghetto in Białystok überlebt. Nach 1945 sei der Aspekt des Gedenkens in der dortigen Gemeinde sehr stark gewesen, berichtet er. Im Ausstellungskatalog ist das Białystok gewidmete Kapitel bezeichnenderweise mit »Die tote Stadt« überschrieben.

Druckgrafiken zeugen von einer frühen Auseinandersetzung mit der Schoa.

Als »Stadt der Überlebenden« wird dort unterdessen Budapest bezeichnet. Etwa 120.000 bis 140.000 Juden lebten um 1945 in der ungarischen Kapitale. »Die Stadt beherbergte damit unmittelbar nach dem Krieg eine der größten jüdischen Bevölkerungen Europas«, so Kata Bohus in ihrem Katalogbeitrag. Eine Budapester Protagonistin, die in der Ausstellung porträtiert wird, ist die 1932 geborene Éva Szepesi, die Auschwitz überlebte, 1945 in ihre Geburtsstadt zurückkehrte und 1954 mit ihrem Mann nach Frankfurt am Main zog, wo sie bis heute lebt.

Mit ihren zahlreichen Text- und Bildtafeln, Dokumenten und Kunstwerken, Videos und Audios wirkt die Schau kleinteilig und unübersichtlich. Als Besucher sollte man unbedingt viel Zeit einplanen. Denn dann entdeckt man besondere Exponate, wie etwa einen Sederteller, der von der Bedeutung des Pessachfestes in den ersten Jahren nach der Befreiung und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zeugt. Auf dem von einer jüdischen Hilfsorganisation für die DPs angefertigten Teller ist der traditionsgemäß am Ende des Sederabends ausgesprochene Wunsch in einer abgewandelten Form zu lesen: »Dieses Jahr in Jerusalem«.

Die Ausstellung ist bis 18. Januar 2022 im Jüdischen Museum Frankfurt zu sehen. Vom 16. bis 18. Januar 2022 veranstaltet das Jüdische Museum gemeinsam mit der Jüdischen Akademie des Zentralrats der Juden die Konferenz »Displaced«, die thematisch an die Ausstellung anknüpft

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