Musik

»Ein starker, erdender Groove«

»Heute wird jemenitische Musik mit viel mehr Offenheit aufgenommen als in der Vergangenheit«: Tair Haim (42) Foto: Yarden Rokach

Tair, kurz vor Veröffentlichung Ihres neuen Albums haben Sie auf Ihrem Ins­tagram-Account ein Video gepostet, in dem eine Metallbox zu sehen ist. Was genau ist diese Box, und wie klingt sie?
Ich nenne sie »Yemenite Tindrum«. Es handelt sich um ein improvisiertes Percussion-Instrument. Manchmal verwendet man sogar eine Olivenöl-Dose dafür, die einen tiefen, erdigen, metallischen Klang erzeugt. Sie hat einen rohen, undergroundigen Groove, sehr physisch und hypnotisch. Die jemenitische Musik ist tief verwurzelt in Rhythmus und Stimme, im Klopfen und Singen. Bei den Percussion-Instrumenten ging es nie um polierte Instrumente, sondern um Puls, Wiederholung und den Körper.

In welcher Verbindung steht dieses Instrument zur jemenitischen Musik?
In der jemenitisch-jüdischen Tradition wurde aufgrund der Zerstörung des Tempels Instrumentalmusik als Teil der Trauerpraktiken vermieden. Anstelle von Instrumenten schufen die Menschen Rhythmen mit Alltagsgegenständen aus ihrer Umgebung. Eines der häufigsten Instrumente war also die Olivenöl-Büchse, die im täglichen Leben verfügbar war und auf der die Menschen klopften und trommelten. Mit der Zeit wurde dies zu einer Art charakteristischem Klang innerhalb der jemenitisch-jüdischen Musiktradition. Einfach, bescheiden und kraftvoll.

Haben Sie diese Tindrum auch auf Ihrem neuen Album »Maktub« verwendet?
Ja. Mein Produzent Tamir Muskat und ich haben sie bei mehreren Tracks verwendet. Manchmal ist es sehr subtil, nur ein Klopfen, aber es erzeugt einen starken, erdenden Groove. Wir haben sie ins Studio gebracht und live gespielt, um den Songs Textur, Bewegung und einen organischen Rhythmus zu verleihen.

Wie ist »Maktub« entstanden?
Das Album entstand in einer sehr wichtigen Zeit meines Lebens. Es waren Jahre der Wiedergeburt als Künstlerin, als Frau und als Mutter. In der Zeit, als ich an dem Album arbeitete, brachte ich meine beiden Söhne zur Welt, und alles fühlte sich wie ein Teil eines tieferen Prozesses an. Ich verspürte einen klaren inneren Drang, zu wachsen, mir selbst näherzukommen und mit meiner eigenen Stimme zu sprechen. In meiner früheren Arbeit mit A-WA, der Band aus meinen Schwestern und mir, lag der Fokus auf etwas anderem. Das erste Album konzentrierte sich auf traditionelle jemenitische Frauenlieder mit einem zeitgenössischen Touch. Das zweite war ein Konzeptalbum, das die Geschichte unserer Urgroßmutter und die Reise der jemenitischen Juden nach Israel erzählte. »Maktub« hingegen ist meine persönliche Geschichte.

Inwiefern?
Das Album lebt in der Gegenwart und verbindet Generationen, die Geschichten, die ich von meiner Großmutter über den Jemen gehört habe, die Reise meiner Familie und mein heutiges Leben. Im Kern handelt »Maktub« von Transformation. Es spiegelt eine persönliche Veränderung wider, die ich durchgemacht habe, und auch eine umfassendere Veränderung, die viele Menschen erleben. Das Album vermittelt eine Botschaft der Hoffnung. Jede Geburt ist mit Schmerzen und Unsicherheit verbunden, aber danach entsteht auch immer etwas Neues. Für mich ist »Maktub« der Ort, an dem Schicksal und Wahlfreiheit aufeinandertreffen.

Wie kann man »Maktub« übersetzen?
Maktub bedeutet »Es steht geschrieben«, im Schicksal oder in den Sternen, aber für mich spricht es auch von Entscheidung und Verantwortung. Der Ort, an dem Schicksal und freier Wille aufeinandertreffen. Ich habe es so genannt, weil dieses Album sich wie etwas anfühlt, das ich genau in diesem Moment meines Lebens schaffen sollte.

Wie haben Sie die Aufnahmen erlebt?
Es war alles, wovon ich geträumt hatte. Ich kam mit einem klaren Konzept, Texten, die ich geschrieben hatte, und Melodien für einige der Songs. Die Zusammenarbeit mit Tamir Muskat ermöglichte einen tiefen und intuitiven Prozess. Wir gestalteten die Arrangements gemeinsam und luden Musiker für Live-Aufnahmen ein, darunter Streicher, Gitarren, Keyboards und Percussion. Tamir selbst spielte bei mehreren Titeln Schlagzeug und Percussion. Da drei Sprachen in den Songs vorkommen, habe ich auch mit Sprachberatern zusammengearbeitet. Es war ein vielschichtiger Prozess des Aufnehmens, Verfeinerns und Zurückkehrens ins Studio. Ich habe viele Gesangsspuren aufgenommen, was ich wirklich liebe. Es war eine freudige, bedeutungsvolle, kreative Reise.

In Ihrem Song »Justice« heißt es: »Ich benutze meine Zunge als Schwert.« Fühlt es sich anders an, auf Hebräisch, Arabisch oder Englisch zu singen?
Jede Sprache schwingt anders in meinem Körper und meiner Seele mit. Arabisch fühlt sich für mich sehr tief an. Es ist die Sprache meiner Großeltern und verbindet mich mit den Generationen vor mir. Auf Arabisch zu singen, fühlt sich stammesbezogen und verwurzelt an, es trägt Erinnerungen, Rhythmus und ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit in sich. Hebräisch ist meine Heimat und gleichzeitig die heilige Sprache. Auf Hebräisch zu singen, fühlt sich intim und offen an, mit viel Verletzlichkeit und Wahrheit. Englisch schafft eine unmittelbare, globale Verbindung. Es ist zugänglich und wird von vielen gesprochen. Auf diesem Album steht es auch für die Zukunft, eine Sprache, die es der Musik ermöglicht, Grenzen zu überschreiten.

Wie wird jemenitische Musik, auch moderne Musik, in Israel wahrgenommen?
Heute wird jemenitische Musik mit viel mehr Offenheit und Wertschätzung aufgenommen als in der Vergangenheit. Historisch gesehen, blieb sie oft innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Frauen sangen meist für Frauen, bei Hochzeiten, Versammlungen, Wiegenliedern und Klageliedern, während Männer sich auf sakrale Poesie und liturgischen Gesang konzentrierten. Ein Großteil der Gesänge der Frauen wurde mündlich von Generation zu Generation weitergegeben, während die Gedichte und Gebete der Männer schriftlich festgehalten wurden, einige davon stammen aus dem 17. Jahrhundert. Heute wächst das Bewusstsein für den Reichtum dieser Tradition und der Wunsch, sie mit Respekt und Stolz in die zeitgenössische Musik einzubringen.

Sie sind vor allem als Gründungsmitglied von A-WA bekannt. Ist es neu, seltsam oder befreiend, solo aufzutreten?
Es fühlt sich befreiend und sehr aufregend an. A-WA war ein wichtiges und bedeutungsvolles Kapitel in meinem Leben, ein kreatives Zuhause, das mir viel beigebracht hat. Solo aufzutreten ermöglicht es mir, die volle Verantwortung für meine Stimme, meine Geschichten und meine Entscheidungen zu übernehmen. Es fühlt sich exponierter an, aber auch ehrlicher. Die Bühne war für mich schon immer wie ein Zuhause, ein Ort der Verbindung und des Gebens, und jetzt erlebe ich sie aus einer neuen Perspektive der Unabhängigkeit und des Wachstums. Dieses Solo-Kapitel ist wie ein natürlicher nächster Schritt in meiner künstlerischen und persönlichen Entwicklung.

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Was hören Sie derzeit?
Mein Musikgeschmack ist sehr vielfältig. Ich fühle mich sehr verbunden mit jemenitischer und arabischer Musik, einschließlich klassischer arabischer Musik, und ich kehre oft zu Musik aus den 60er- und 70er-Jahren zurück. Zu Hause höre ich gern ruhige Instrumental- und keltische Musik, die eine warme Atmosphäre schafft. Ich liebe auch Hip-Hop, der einen wichtigen Einfluss auf meine Arbeit hat, und ich fühle mich zu elektronischer Musik und Remixen hingezogen. Ich genieße den kreativen Dialog, der durch die Zusammenarbeit mit DJs entsteht. Gleichzeitig macht es mir immer Spaß, neue Künstlerinnen und Künstler zu entdecken. Kürzlich bin ich auf eine griechische Sängerin namens Melina Vlachos gestoßen, und ich war von ihrer Stimme und der Art und Weise, wie sie die Volksmusik ihrer Wurzeln mit moderner, zeitgenössischer Produktion verbindet, fasziniert.

Viele israelische Künstler hatten in den vergangenen Jahren mit der Absage von Konzerten zu kämpfen. Wie ist es Ihnen ergangen?
Ich lasse mich von Absagen nicht allzu sehr einschüchtern oder erschüttern. Ich konzentriere mich auf das, was ich kontrollieren kann, und mache weiter mit dem Schaffen, dem Knüpfen von Verbindungen und den Auftritten, wo immer Offenheit herrscht. Wenn möglich, würde ich mich sehr freuen, meine Musik nach Deutschland, in andere Teile Europas, in die Vereinigten Staaten und überall dorthin zu bringen, wohin mich die Musik führt. Für mich resultiert Canceln oft aus voreiligen Urteilen und Vorurteilen. Ich finde es unnötig, insbesondere wenn es Künstler betrifft, die mit ihrer Arbeit Verbindungen schaffen und Brücken bauen wollen. Ich liebe es wirklich, vor Publikum auf der ganzen Welt aufzutreten. Menschen aus verschiedenen Kulturen zu treffen und meine Musik an neue Orte zu bringen, ist ein wichtiger Teil meiner kreativen Arbeit. Musik ist dazu bestimmt zu reisen.

Mit der Sängerin sprach Katrin Richter.

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