Kino

Du sollst nicht töten, oder?

Der Plot: Mittelalter Mann in Midlife-Krise trifft junge hübsche Studentin Foto: dpa

Mit Sonnenbrille und Hawaii-Hemd sitzt er am Anfang des Films am Steuer seines Cabrios und fährt lässig an der amerikanischen Ostküste entlang: Abraham »Abe« Lucas, Mitte 40, Hipsterbart, nicht unattraktiv, aber auch kein George Clooney. Als Philosophieprofessor hat er gerade den Ruf einer verschlafenen Eliteuniversität erhalten.

Abe ist nicht nur ein Starprofessor, ihm eilt auch ansonsten der Ruf voraus, »etwas Viagra ins philosophische Institut« zu bringen. Der unverheiratete Mann redet gern, trinkt oft zu viel, ist ein bisschen weltfremd und interessiert sich außer für Philosophen und Lebensweisheiten aller Art auch für Frauen jeden Alters – darin seinem Regisseur Woody Allen bekanntlich nicht so unähnlich.

sexrausch Im Seminar zitiert er den Philosophen Immanuel Kant, einen seiner Helden: Der Mensch sei vor Fragen gestellt, die er weder beantworten noch vermeiden könne. Bald wird er am eigenen Leib erfahren, was Kant damit eigentlich meint. Doch zunächst einmal geht alles seinen Gang: Kaum hat er sich eingerichtet und seine ersten Kurse begonnen, macht Abe auch schon seinen jungen Studentinnen Komplimente, beginnt eine Liebesaffäre mit der begabten, hübschen rothaarigen Jill (doppelbödig gespielt von Emma Stone) und wird gleichzeitig von seiner frustrierten Kollegin Rita Richards (schrill: Parker Posey) mit eindeutigen Absichten verfolgt.

Der neue Film von Woody Allen ist vor allem in seiner ersten Hälfte eine typische amerikanische »Campus Novel« im Filmgewand. Der Mikrokosmos einer amerikanischen Elite-Uni mit ihren skurrilen Gestalten, deren Schrullen, Interessen, Leidenschaften und dem grundsätzlichen behaglichen Wohlleben aller Beteiligten im akademischen Elfenbeinturm. Abe wird von Joaquin Phoenix mit viel Selbstironie und erkennbarer Lust an der Karikatur gespielt, in der Nachfolge seines Films I am still here, in dem er sich selbst spielte – aber als einen Joaquin Phoenix, der sich im Drogen- und Sexrausch verloren hat, seine Filmkarriere aufgibt und Rapper wird.

Abe hat auch eine Menge solcher Macken – wie etwa starke Depressionen, eine massive Schreibhemmung und sexuelle Blockaden. Bald erkennt sein Umfeld im vermeintlich fröhlichen, sexuell potenten, sozial charmanten Genie die dunklen Seiten. Er findet sein Leben sinnlos und sucht nach »der bedeutenden Tat«, die ihm einen Wert gibt.

Suspense Eines Tages eröffnet sich dann für Abe eine wunderbare Gelegenheit, um aus seiner persönlichen Leidensspirale herauszufinden: Er begeht einen Mord an einem sadistischen Richter. Aus philosophischen Gründen, die er intellektuell mit Kant, Kierkegaard und Dostojewski unterfüttert. Mord als Mittel zur Erlebnissteigerung gewissermaßen. Und weil Abe sich selbst als Genie sieht, muss es natürlich der »perfekte Mord« sein. Das ist jene Tat, nach der er gesucht hat. Auf einmal mischt sich Allens Universitätssatire mit Thrillerelementen und spannendem Suspense.

Alles lässt sich zunächst für Abe gut an, plötzlich ist der Mann seine Depression los, und sein Leben ergibt für ihn wieder einen Sinn. Er ist unbeschwerter und ein besserer Liebhaber denn je. Doch bald entpuppt sich Abes Tat als weniger perfekt denn geglaubt, weshalb er versucht, deren Folgen unter Kontrolle zu bringen – was nur neue Komplikationen hervorruft.

Hier, bei der allmählichen, aber umso sichereren Entfesselung eines Chaos aus Schuld und Sühne, ist Woody Allen ganz in seinem Element. Wie immer sind Dialoge eine besondere Stärke Allens. Es gibt kurze sarkastische One-Liner für Philosophieinteressierte, Screwball-Momente und sogar klassischen Slapstick wie die Ausführung des Mords selbst.

Trottel Allens neuer Film kehrt zu jenen Themen zurück, die er bereits in Match Point und Cassandra’s Dream behandelt hatte – auch hier gibt es diesen einen Moment, der einen Menschen für immer verändert. Zugleich erzählt er im Prinzip vom Drama des hochbegabten, groß gewordenen, aber nie erwachsenen Kindes: Abe ist ein Filou, ein Trottel, eine typische Woody-Allen-Figur der wenig sympathischen Sorte, die sich in ihrem Leben gründlich verheddert.

Um ihn herum bewegt sich ein ganzes Rudel von Frauen, die alle auch nicht richtig sympathisch wirken – dazu sind sie einfach zu simpel gestrickt, zu naiv oder zu notgeil – eine Männerfantasie. All das ist natürlich vor allem ein großartiger »gespielter Witz«, ein sarkastischer Spott über Intellektuelle, Wissenschaftler und über den kultivierten Teil der Menschheit.

Abe selbst ist ein Leidender, ein Getriebener, er weiß nicht weiter und scheitert außer an der Gesellschaft auch vor allem an den eigenen hohen Ansprüchen. Zugleich wirft Woody Allen hier natürlich einige sehr ernsthafte Fragen auf – nämlich die, ob und wann man etwas Schlechtes tun darf, um etwas Gutes zu bewirken.

Doppelmoral Aber man hätte sich gewünscht, Allen würde solche Fragen und das übergreifende Thema seines Films, nämlich die Doppelmoral der Menschen, selbst etwas ernster nehmen. Und dass er es sich nicht ganz so einfach machen würde – seinem Spott über Intellektuelle haftet auch etwas Wohlfeiles an.

So ist Irrational Man, der pünktlich zu Allens 80. Geburtstag in die Kinos kommt, zwar eine furiose, flotte Komödie um ernsthafte Moralfragen. Sehr unterhaltsam, und fraglos einer der besseren Allen-Filme der letzten Jahre. Aber die Witze sind auch etwas dünn und bleiben an der Oberfläche. Die Frage, was Ernst Lubitsch oder Billy Wilder aus einem solchen Stoff gemacht hätten, sollte man lieber nicht stellen.

Der Trailer zum Film
www.youtube.com/watch?v=t-lwYxgfnwA

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