Bad Kissingen

Mazel tov in Unterfranken

Alexander Steinbeis wurde 1974 in München geboren. Seit 2021 ist er Intendant des Kissinger Sommers. Foto: HannaBeckerPhotography

Das Internationale Musikfestival feiert die jüdische Kulturgeschichte des Kurortes Bad Kissingen. Jüdische Komponisten, Interpreten und Künstler prägen das Programm der fünf Festivalwochen ab dem 11. Juni. Ein Vorgespräch mit Intendant Alexander Steinbeis.

Mazel Tov und Unterfranken, wie passt das zusammen?
Die jüdische Gemeinde dieses Kurortes gehörte früher zu den bedeutendsten in Bayern. Juden haben seit dem 13. Jahrhundert das geistige, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben mitgeprägt – seit man ihnen die gleichen Rechte wie allen anderen gewährte. Wir wollten diesen erfüllten und schönen Teil der europäischen Kulturgeschichte ins Zentrum des Festivals rücken. Wir wollten uns nicht lediglich selbst beglückwünschen mit den Highlights aus vierzig Jahren Festivalgeschichte oder ein paar Stars präsentieren, die überall auftreten. Stattdessen schauen wir uns die reichhaltige Kulturgeschichte Bad Kissingens an.

Welche jüdischen Gäste sind nach Bad Kissingen in die Sommerfrische gereist?
Denken Sie nur an Albert Einstein, Katia Mann, Max Liebermann. Auch der Komponist Giacomo Meyerbeer hat sich hier erholt, die Schwägerin von Felix Mendelssohn, Albertine. Es gab eine große Synagoge, 1925 hatte die jüdische Gemeinde 504 Mitglieder, sie war die drittgrößte in Unterfranken. Einer der bedeutendsten Kissinger des zwanzigsten Jahrhunderts kam aus der früheren jüdischen Gemeinde: der Physik-Nobelpreisträger Jack Steinberger. Er wurde 1921 als Sohn des jüdischen Kantors im jüdischen Gemeindehaus geboren.

Albert Einstein, Katia Mann, Max Liebermann ... sie alle fuhren hier in die Sommerfrische.

1933 endete diese Hochphase, auch Steinberger musste als 13-Jähriger in die USA fliehen. Die Synagoge wurde in der Pogromnacht zerstört und kurz darauf abgerissen. 130 jüdische Bürger aus Bad Kissingen sind in der Schoa ermordet worden. Eine jüdische Gemeinde gibt es nicht mehr?
Leider nein, aber ein jüdisches Kurheim, »Beni Bloch«. Die Stammgäste dort sind auch Stammgäste unseres Festivals. Wir freuen uns jedes Jahr über sie.

Das Eröffnungskonzert am 12. Juni beginnt mit Sergej Prokofjews Ouvertüre über hebräische Themen. Es spielt das Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer, ein betont jüdischer Auftakt?
Ja, und die legendäre Pianistin mit jüdischen Wurzeln, Elisabeth Leonskaja, spielt ein Mozart-Klavierkonzert. Ungarn und Budapest waren übrigens das Thema des allerersten Kissinger Musiksommers, da schließt sich der Kreis. Vor der offiziellen Eröffnung, zu der wir auch den Präsidenten des Zentralrats, Dr. Josef Schuster, erwarten, wird Avi Avital mit seiner Mandoline und dem Between Worlds Ensemble ein Prologkonzert mit Italien-Schwerpunkt geben.

Gehört der Pianist Igor Levit nicht auch schon länger zur Kissinger Festivalfamilie?
Wir freuen uns auch dieses Jahr auf ihn. Er spielt am 24. Juni Ravels »Kaddisch« und Werke von Schubert und Beethoven. Das Jewish Chamber Orchestra Munich präsentiert mit der Mezzosopranistin Shachar Lavi unter dem Dirigenten Daniel Grossmann unter anderem die Jüdischen Lieder von Weinberg. Sie spielen auch die Dybbuk Suite und Jüdische Volkslieder des russisch-jüdischen Komponisten Joel Engel. Seine Werke erklingen in Bad Kissingen zum ersten Mal. Am konsequentesten setzen wir das Motto der jüdischen Musikgeschichte in der Kammermusik um mit Kompositionen von Bloch, Haas, Korngold, Schönberg, Mendelssohn-Bartholdy usw.

Der russisch-jüdische Komponisten Joel Engel erklingt in Bad Kissingen zum ersten Mal.

Passen zu einem heiteren Sommerfestival unter diesem Motto auch Chansons und Klezmer?
Klezmer meets Jazz bei uns in Bad Kissingen. Lassen Sie sich überraschen. Bei den Chansonabenden freuen wir uns auf großartige Interpretinnen. Meret Becker wird eine Hommage an die große jüdische Chansonsängerin Barbara geben: »Nachtblau – Chanson für eine Abwesende«. Katharine Mehrling singt Lieder von Werner Richard Heymann, »Irgendwo auf der Welt«, eine Hommage an den bekanntesten UFA-Komponisten seiner Zeit. Dagmar Manzel wird Paul Abraham, Heymann, Hollaender, Spoliansky, Weill und viele weitere Komponisten interpretieren. Und, ebenfalls ungewöhnlich: Weltstar Waltraud Meier wird Gedichte von Else Lasker-Schüler lesen, deren Mutter gebürtige Kissingerin war.

Besonders im Kulturbetrieb manifestieren sich seit dem 7. Oktober heftige antisemitische Tendenzen. Nun präsentieren Sie ein betont jüdisches Musikfestival. Nach dem Motto: Jetzt erst recht?
Die Idee für dieses Programm hatte ich tatsächlich schon vor dem Massaker am 7. Oktober 2023. Sicher habe ich zwischendurch nachgedacht, was das für uns bedeutet, aber mir war ganz wichtig: Wir präsentieren hier einen selbstverständlichen Teil der europäischen Kulturgeschichte. Hier geht es nicht um die Tagespolitik der israelischen Regierung. Das muss man trennen. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Es sind besorgniserregende Zeiten, und wir wollen ein Zeichen setzen. Leider müssen wir auch Sicherheitsaspekte bedenken. Was geschieht, wenn es Demonstrationen oder Drohungen geben sollte? Unsere Künstler, unsere Gäste sollen sich bei uns sicher fühlen. Ich wünschte, diese geplanten Sicherheitsmaßnahmen wären nicht nötig. Aber so ist es zur Zeit, man muss sie mitdenken.

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