Der Karton kam aus Brasilien. Voll mit Schwarz-Weiß-Fotos und Dokumenten rund um den jüdischen Tenor Eugen Transky, der vor den Nazis nach Südamerika floh. »Es ist ein Schatz, das war wie Weihnachten«, sagt Sophie Fetthauer von der Universität Hamburg. Sie leitet die Arbeitsstelle Hamburg des Langzeitprojekts »NS-Verfolgung und Musikgeschichte«. Das Projekt will Lebenswege von Nazi-Opfern vor dem Vergessen bewahren. Dafür wird das »Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit« aufgebaut, vor 20 Jahren ging es online.
Das Lexikon ist über die Website der Universität Hamburg frei zugänglich. »Ein Enkel von Transky fand dort den Namen und hat uns den Nachlass geschickt«, erzählt die 54-jährige Musikhistorikerin.
Neben Hamburg gibt es für das Projekt eine Arbeitsstelle in München an der Hochschule für Musik und Theater (HMTM). Das Team arbeitet daran, neben den Biografien künftig auch die Wirkungsorte der Menschen zu visualisieren.
Lebensgeschichten rekonstruieren
Fetthauer möchte den Verfolgten und Ermordeten und ihren Werken einen Platz in der Musikgeschichte zurückgeben. Was der NS-Staat unter dem Etikett der »unerwünschten«, »internationalen«, »entarteten« oder »bolschewistischen Musik« diffamierte und verbannte, sei vielfach bis heute vergessen geblieben. »Wir hoffen, dass wir möglichst viele Lebensgeschichten rekonstruieren können«, sagt sie. Wenn die Historikerin alles ausgewertet hat, werden die alten Fotos, Noten und Dokumente an Museen oder Archive weitergegeben.
Mittlerweile umfasst das Online-Lexikon 5.600 Personeneinträge, überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum. Von rund 1.000 verfolgten Musikern und Musikerinnen gebe es eine ausführlichere Lebensgeschichte. »Von den meisten kennen wir nur Namen, Beruf und Geburtsdaten«, sagt die Musikhistorikerin. Auch Eugen Transky hatte bisher nur so einen Kurzeintrag: geboren am 25. Februar 1886 in Riga, Sänger (Tenor), Geburtsname Aiziks Tabacniks.
»Das wird sich bald ändern«, sagt Fetthauer und breitet die alten Fotos auf ihrem Tisch aus. Für sie beginnt jetzt die Puzzlearbeit zwischen Bildern, alten Zeitungsartikeln, Programmzetteln und Briefen. Wie sah das jüdische und musikalische Leben in Brasilien aus? Wie war er wohl? »Das ist schon richtige Detektivarbeit«, erzählt sie.
Aufwändige Materialsuche
Dass Angehörige der Betroffenen aus Amerika oder Asien weiterhelfen, kommt immer mal wieder vor. Die Historikerin stützt ihre Arbeit auf Nachlässe, Dachbodenfunde, Telefonbücher, Deportationslisten und Entschädigungsakten. »Durch die Digitalisierung alter Zeitungen kommen wir heute an viel mehr Informationen.«
Eine weitere Quelle ist das berüchtigte »Lexikon der Juden in der Musik«, zusammengestellt im Auftrag der NSDAP. Darin stehen auch die unbekannte Klavierlehrerin oder der Schlagzeuger einer kleinen Kapelle. »Menschen, die genauso wie die Prominenten aus der Musikgeschichte getilgt werden sollten«, sagt Fetthauer und streicht über ein Bild von Transky. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, dass in irgendwelchen Schubladen noch viel mehr Schätze liegen.
Konzerte mit vergessenen Werken geplant
Gesamtleiter des Projekts »NS-Verfolgung und Musikgeschichte« ist HMTM-Musikprofessor Friedrich Geiger. »In den 1920er bis frühen 1930er Jahren gab es in ganz Europa sehr viele Musikerinnen und Musiker, Komponistinnen und Komponisten, die wir überhaupt nicht kennen«, sagt er. Aus seiner Sicht muss die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts neu geschrieben werden: »Sie muss durch Biografien und Werke der ermordeten und geflüchteten Musikerinnen und Musiker vervollständigt werden.«
Neben der Rekonstruktion von Biografien soll im Laufe des Projekts eine digitale Karte entstehen, die die Verbreitung des musikalischen Wissens im Exil aufzeigt. »Wir planen auch Konzerte mit vergessenen musikalischen Werken«, sagt Geiger. Dabei lasse sich die zentrale Frage nicht beantworten: »Wie sähe unser Musikleben heute aus, wenn es keine rassistische und politische Verfolgung durch die Nationalsozialisten gegeben hätte?«
Gewaltige Leerstelle in der Kultur
»Sicher ist, dass der Terror eine gewaltige Leerstelle in der Kultur hinterlassen hat«, sagt Sophie Fetthauer. Eine Lücke, die bislang nicht umfassend rekonstruiert wurde.
Nicht selten entwickelte sich im Exil auch ein kultureller Austausch zwischen Hitler-Flüchtlingen und dem Gastland. »Über die Geflüchteten hat sich die sogenannte Zwölfton-Musik auf der ganzen Welt verbreitet«, nennt die Historikerin ein Beispiel. Sie wurde von Arnold Schönberg entwickelt, der 1933 in die USA emigrierte. Wenn ein deutscher Dirigent in Buenos Aires, ein Hamburger Regisseur in New York oder eine Berliner Tanzkapelle in Shanghai landete, passierte oft etwas ganz Neues. Einige Musiker und Musikerinnen starteten eine zweite Karriere. Andere verstummten für immer.