TV-Tipp

Die Puppe mit dem Hitlergruß: Das turbulente Leben der Unternehmerin Käthe Kruse

Käthe Kruse war eine der weltweit bekanntesten Puppenmacherinnen Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Der Lebensweg dieser ungewöhnlichen Frau ist so abenteuerlich, dass man ihn nicht hätte erfinden können. Kein Wunder also, dass die Degeto ihr bereits 2015 ein Biopic mit Friederike Becht in der Titelrolle widmete. Im Gegensatz zu dieser leider aber nicht überzeugenden fiktiven Umsetzung konzentriert Maria Anna Tappeiner, bekannt durch ihre Künstlerbiografien, sich in ihrer 45-Minuten-Doku nun ganz auf die Fakten. Denn die sind für sich genommen bemerkenswert genug. Arte zeigt den Film am Donnerstag, 12. März, ab 20.15 Uhr.

Schon als 17-Jährige hatte Katharina Simon, so ihr Mädchenname, ein Zweijahresengagement am Berliner Lessingtheater. Doch ihre vielversprechende Schauspielkarriere, die die junge Frau auf Tourneen durch das gesamte Land führte, gab sie 1902 zugunsten einer wilden Ehe mit dem 29 Jahre älteren Bildhauer Max Kruse auf. Da der umtriebige Künstler seinen Lebensstil nicht aufgeben wollte, »parkte« er seine Geliebte - samt den zwei Kindern, die sie damals schon von ihm hatte - wenig später auf dem Monte Verità, in einer alternativen Lebensgemeinschaft für Künstler, Theosophen und Reformer in der Schweiz.

Käthe und Max Kruse mit ihren Kindern in Bad Kösen 1914Foto: picture alliance / teutopress

Im dortigen »Vogelfängerturm« bastelte die damals 22-jährige Malerin für ihre dreijährige Tochter Maria die erste Puppe. Gewiss, zu dieser Zeit um 1905 herum gab es längst schon Spielzeugpuppen. Doch Käthes Entwürfe waren weich, biegsam und lebensecht. Fotografische Studien, die sie von ihrem eigenen Kind angefertigt hatte, flossen in die liebenswürdige Gestaltung mit ein. Und so unterschieden sich die Modelle durch ihre Haptik und ihre Anschmiegsamkeit.

Präsentation im jüdischen Kaufhaus Hermann Tietz geriet zum Karriere-Booster

Da ihre Puppen dank ihrer Natürlichkeit rasch beliebt wurden, begann Käthe nach ihrer Rückkehr nach Berlin mit einer zunächst bescheidenen Manufaktur. Gleich die erste Präsentation im jüdischen Kaufhaus Hermann Tietz geriet zum Karriere-Booster: Den Großauftrag des amerikanischen Spielzeugherstellers FAO Schwarz konnte sie allerdings nur deswegen übernehmen, weil Max Kruse, inzwischen ihr Mann, nach damals geltendem Recht eine eheliche Einwilligungserklärung unterzeichnete.

Auf solche Widersprüche in der bewegten Biografie der Puppenherstellerin hebt die Dokumentation besonders ab. So zeigt der Film unmissverständlich, wie das Ego des nicht ganz unbekannten Bildhauers Max Kruse einige Schrammen abbekam. Denn da Käthe plötzlich dank zahlreicher Zeitungsberichte als ungleich berühmter galt, war sie in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr »seine Frau«; umgekehrt war von ihm nur noch die Rede als von »ihrem Mann«.

Kruse weigerte sich, nach den NS-Rassengesetzen als »halbjüdisch« geltende Angestellte zu entlassen

Ein kurzes, aber zentrales Kapitel widmet sich der Art und Weise, wie Käthe Kruse den Nationalsozialismus überstand. Nach außen hin gab sie sich unpolitisch. Dennoch weigerte sie sich, nach den NS-Rassengesetzen als »halbjüdisch« geltende Angestellte zu entlassen. Die Art und Weise, wie sie sich darüber hinaus aber durchaus mit dem Hitler-Regime arrangierte, hinterließ auch höchst skurrile Spuren. So dokumentiert der Film etwa, wie sie für die Nazis auch eine braune Miniatur herstellte: »Die Puppe Friedebald, das Deutsche Kind, wird 1933 sogar in SA-Uniform mit beweglichem rechtem Arm angeboten«: Die Puppe und der gespielte Hitlergruß.

Käthe Kruse, die weltberühmte Puppenmacherin, mit einigen ihrer Kreationen. Die Puppen heißen: Michael (mit Schlafmütze), Mimel, Friedebald und rechts sitzend die Fifel. Auf dem Kissen liegt Maxl.Foto: picture alliance / AP

Die erste Diktatur, so zeigt der Film, überstand Käthe Kruse. Doch vor der zweiten musste sie Reißaus nehmen. Da unter den repressiven politischen Bedingungen des Sozialismus ihre Position als Firmenchefin nicht mehr opportun war - und um einer drohenden Gefängnisstrafe zu entgehen - flüchtete sie um 1954 aus der DDR in den Westen. Ihre Werkstätten in Bad Kösen wurden enteignet und in einen volkseigenen Betrieb (VEB) umgewandelt.

Flucht aus der DDR nach Westen

Da die Doku all das in 45 Minuten pressen muss, werden diese Aspekte allerdings nur gestreift. Der Film konzentriert sich auf Käthe Kruses Alleinstellungsmerkmal, beleuchtet also ihre besondere Form der Kreativität sowie ihr unternehmerisches Geschick. Gleichzeitig hebt er die Widersprüchlichkeit einer privat emanzipierten Frau hervor, die mit ihren Puppen das Bild einer konservativen Weiblichkeit zementierte. Und so endete die Käthe-Kruse-Ära durch den Siegeszug jener Barbie-Puppen, die nicht nur gertenschlank sind, sondern auch (wie der gleichnamige Kino-Blockbuster von 2023 augenzwinkernd vermittelt) die Illusion transportieren, Frauen könnten in alle Rollen schlüpfen.

Insgesamt schlägt »Die Puppenmacherin Käthe Kruse« einen atemberaubenden Bogen vom wilhelminischen Kaiserreich bis zur Barbie-Puppe: von einer jungen Schauspielerin, die ihren Beruf aufgibt, um in wilder Ehe mit einem Bildhauer zu leben, der sie ins Exil einer Schweizer Künstlerkommune schickt, wo sie eine Kinderpuppe entwickelt, welche die Spielzeugwelt bis heute prägt. Dadurch wird die unglaubliche Schaffenskraft einer Frau deutlich, die zwei Diktaturen überlebte, sieben Kinder großzog und als eine der ersten Unternehmerinnen einen großen Spielzeughersteller erfolgreich wegen Urheberrechtsverletzung verklagte.

»Die Puppenmacherin Käthe Kruse«, Arte, 12.03., 20.15 - 21.00 Uhr und in der Arte-Mediathek

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