Kino

Deutsche Fassung

Sechzehn Jahre lang hieß es »Jewish Film Festival«. Jetzt nennt sich die größte und bekannteste einschlägige Veranstaltung in Deutschland »Jüdisches Filmfestival Berlin & Potsdam 2011«. Der neue Titel sei eingängiger, außerdem sei das Festival inzwischen eingebürgert wie sie selbst, sagt Leiterin Nicola Galliner. Nach 40 Jahren in Deutschland besitzt die gebürtige Britin jetzt auch den deutschen Pass.

wagner Eingebürgert hat sich das Filmfestival in der Tat – allen finanziellen Widrigkeiten zum Trotz. Obwohl der Berliner Senat, anders als 2010, keine Fördermittel zuschoss und die Jüdische Gemeinde zu Berlin den Geldhahn schon lange abgedreht hat, konnte Galliner in diesem Jahr mit einem Etat von 200.000 Euro (finanziert unter anderem von der Lottostiftung und dem Hauptstadtkulturfonds) ein Programm auf die Beine stellen, wie es in Deutschland so geballt und in dieser Bandbreite sonst nicht zu sehen ist. Vom 18. bis 31. Mai zeigt das Festival im Berliner Kino Arsenal und im Filmmuseum Potsdam aktuelle Produktionen mit israelischer und jüdischer Thematik, Dokumentationen und Spielfilme aus Israel, Europa und den USA.

Eröffnet wird diesmal nicht in Berlin, sondern in Potsdam, wo in diesem Jahr »100 Jahre Film- und Medienstadt Babelsberg« begangen werden. Der Startfilm war schon im Februar bei der Berlinale zu sehen und läuft in einigen deutschen Großstädten bereits im Kino. Im Himmel, unter der Erde – Der jüdische Friedhof Weißensee von Britta Wauer wurde bei den Filmfestspielen mit dem »Panorama-Publikumspreis« ausgezeichnet. Bei der Festivalgala im Hans-Otto-Theater Potsdam wird dann am 22. Mai die BBC-Produktion Wagner and Me von Patrick McGrady mit dem populären britisch-jüdischen Komiker und Schauspieler Stephen Fry präsentiert. Darf ein Jude die Musik eines Antisemiten lieben? Der Film zeigt, dass Daniel Baren-boim diese Frage längst nicht abschließend beantwortet hat. Fry, der Angehörige in Auschwitz verloren hat, bewundert Richard Wagner, seit er dessen Kompositionen als Kind auf den Schallplatten seiner Eltern lauschte. Er nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise auf den Grünen Hügel in Bayreuth, nach Nürnberg, in die Schweiz und nach Russland. Mit britischem Humor, verschmitztem Lächeln und kindlicher Freude wirft Fry in einer Doppelrolle als Moderator und Entdecker einen neuen Blick auf den umstrittenen Komponisten und dessen Werke. Zu Wort kommt auch Anita Lasker-Wallfisch, eine der letzten bekannten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz, die keine endgültige Antwort auf die Frage geben will, ob ein Jude sich den »Ring« in Bayreuth ansehen sollte – allerdings hat Fry diese Frage schon vorab in seinem Sinn entschieden. Ein schöner, fast sinnlicher Film – sozusagen »Wagner für Anfänger« auf Jüdisch.

israel Eine starke Seite des Festivals sind israelische Spielfilme wie Gei Oni. Dan Wolman hat den Bestseller von Shulamit Lapid verfilmt, die Geschichte von Fanya, einer jungen Frau, die Ende des 19. Jahrhunderts vor Pogromen aus Russland nach Palästina flieht und bei einem Mann in einer ländlichen Dorfgemeinschaft Zuflucht findet. Fanya, die von Kosaken vergewaltigt wurde und ein uneheliches Kind zur Welt brachte, meistert klaglos den harten Alltag. Doch ihrem Mann verweigert sie sich, bis sie endlich Mut fasst und über das Erlittene spricht. Gei Oni erzählt auf Hebräisch und Jiddisch von der Liebe in einer realen und emotionalen Wüste. Es ist eine Geschichte früher Zionisten, die sich noch nicht als solche bezeichneten – archaisch und voller Hingabe an das steinige, spröde Land.

Überzeugend sind auch andere israelische Literaturverfilmungen: Eran Riklis (Lemon Tree, Die syrische Braut) hat mit Witz und Fantasie den Roman Die Passion des Personalbeauftragten von A. B. Jehoschua auf die Leinwand gebracht, die Geschichte eines israelischen Managers, der sich auf die Spuren einer Putzfrau macht, die bei einem Selbstmordattentat in Jerusalem ums Leben kam. Bereits bei der Berlinale war The Intimate Grammar von Nir Bergman zu sehen. Der Film beruht auf David Grossmanns Der Kindheitserfinder. Natürlich darf auch der andere israelische Lieblingsautor des deutschen Publikums nicht fehlen: Ihn porträtiert die Dokumentation Amos Oz – Die Natur der Träume von Masha und Jonathan Zur. Zu sehen sind auch Folgen von zwei erfolgreichen israelischen TV-Serien: Amüsant wie gewohnt die zweite Staffel von Arab Work, zu der Sayed Kashua das Drehbuch schrieb. Um den brachialen Humor der israelischen Fassung der Soap The Office (Ha-Misrad) zu ertragen, muss man allerdings in der richtigen Stimmung sein.

eichmann Überhaupt nichts zu lachen gibt es bei der israelischen Doku The Hangman von Netalie Braun. Porträtiert wird Shalom Nagar, ein jemenitischer Jude, der bei der Hinrichtung von Adolf Eichmann den Galgen bediente. Die Regisseurin zeigt einen einfachen, einfühlsamen Mann, der mit seiner Rolle als Henker nie fertig wurde, sich der Religion zuwandte, später in die Siedlung Kirjat Arba bei Hebron zog und 1994 Zeuge des Massakers von Baruch Goldstein wurde. Leider ein nicht überzeugend geschnittener Film, in dem Nagar, im Nebenberuf Schächter, vor der Kamera zu viele Hühner schlachtet. Beeindruckender ist Precious Life von Shlomi Elda. Die Dokumentation porträtiert einen Israeli, der eine Knochenmarkspende für einen palästinensischen Jungen finanziert.

Klesmerfreunden sei The Klezmatics: On Holy Ground von Erik Greenberg Anjou ans Herz gelegt. Der Filmemacher hat die New Yorker Kultband vier Jahre lang begleitet. Herausgekommen ist ein tiefsinniges Porträt der jüdischen und nichtjüdischen Bandmitglieder – natürlich mit viel schöner Musik.

www.jffb.de

Tobias Korenke

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