Geschichte

Der Schwimmer in Auschwitz

Alfred Nakache (1915–1983), Olympiamedaillengewinner, Weltrekord- und Europarekordschwimmer Foto: AFP/Getty Images

Geschichte

Der Schwimmer in Auschwitz

Alfred Nakache war Weltklassesportler, überlebte die Schoa – und wird endlich geehrt

von Sebastian Moll  02.06.2019 08:32 Uhr

Zu diesem Ereignis reist auch Mark Spitz an. Wenn alljährlich in der Swimming Hall of Fame in Florida neue Helden des Schwimmsports geehrt werden, ist es das soziale Highlight dieses Sports. Am Beckenrand des dortigen Schwimmleistungszentrums versammeln sich Legenden des Sports, schlürfen Cocktails und tauschen alte Geschichten aus. Bei einer Gala am Samstagabend werden dann schließlich, wie bei den Oscars, die Verdienstreichsten der Branche geehrt.

Zu diesen Menschen mit großen Verdiensten gehörte in diesem Jahr jemand, den die angereisten Stars der Branche kaum oder gar nicht kannten: Alfred Nakache. Dass frühere Spitzensportler wie die deutsche Kraulsprinterin Britta Steffen, ihr US-Kollege Jason Lezak und die australische Lagenspezialistin Stephanie Rice, allesamt Goldmedaillengewinner bei den Spielen von 2008, geehrt wurden, war für niemanden eine Überraschung.

Aber wer war Alfred Nakache? Dass ihn heute kaum mehr jemand kennt, liegt nicht nur daran, dass seine ruhmreichen Zeiten mehr als 70 Jahre zurückliegen. Trotzdem ist es kaum verzeihlich, dass der 1983 verstorbene algerisch-stämmige Jude, der sowohl bei den Olympischen Spielen 1936 als auch bei den ersten Nachkriegsspielen 1948 Medaillen gewann, derart in Vergessenheit geraten war.

REBELL Der Lebenslauf von Alfred Nakache sucht unter den Sportlerbiografien des 20. Jahrhunderts seinesgleichen. Soweit bekannt, ist Nakache der einzige Auschwitz-Überlebende, der sowohl vor als auch nach 1945 an Olympischen Spielen teilgenommen hat. Seine Geschichte ist ein einzigartiges Lehrstück über die Liebe zum Leben und die heilende Kraft des Sports.

Nakache wurde 1915 in Constantine in Zentralalgerien geboren, seine Eltern waren Angehörige eines wachsenden jüdischen Bürgertums in Nordafrika, dessen Loyalität zur französischen Republik, wie die Zeitung »Liberation« schreibt, deutlich stärker war als diejenige zum Judentum.

Nakache nahm 1936 und
1948 an Olympia teil.
Dazwischen war er in Auschwitz.

Nakache fiel als Heranwaschender im Sportklub von Constantine nicht nur durch seine ungewöhnlich athletische Erscheinung auf, sondern auch durch seinen Kameradschaftsgeist sowie sein jugendliches Rebellentum. So wurde er bei den nordafrikanischen Meisterschaften disqualifiziert, weil er beim Brustschwimmen die Arme über Wasser nach vorne führte. Später bescherte diese Technik ihm einen Weltrekord und revolutionierte das Schwimmen durch die neue Disziplin Delfin oder Schmetterling.

Der Champion aus Constantine wurde bald nach Paris eingeladen; und als der gut aussehende junge Mann dort seine Kunst zeigte, war das Publikum aus dem Häuschen. Der Club de France rekrutierte ihn vom Fleck weg, und Nakache stieg zu einem veritablen französischen Popstar auf. Ab 1933 gewann er eine französische Meisterschaft nach der anderen, errang Medaillen bei Europameisterschaften und bei den Makkabi-Spielen in Tel Aviv. Seine Fotos zierten die Titelseiten der Pariser Magazine, und wenn er ins Becken sprang, dann kamen viele Zuschauer.

OLYMPIA So war Nakache auch einer der Stars der französischen Olympiamannschaft, die 1936 nach Berlin fuhr. Das damals noch sozialistische Frankreich hatte sich mit dem Gedanken an einen Boykott der Hitler-Spiele getragen, und als die französische 4-mal-200-Meter-Staffel, mit dem Juden Nakache an der Spitze, das deutsche Quartett besiegte, jubelte das ganze Land.

Nakaches immense Beliebtheit in Frankreich schützte ihn zunächst auch noch über die deutsche Besatzung hinaus. Als algerischer Jude verlor er 1941 zwar seine französische Staatsangehörigkeit. Er musste nach Toulouse in die freie Zone ziehen, konnte dort jedoch weiterhin ungestört trainieren und seinen Beruf als Sportlehrer ausüben.

Doch der Druck des Nazi-Regimes und der Vichy-Regierung holte auch Nakache schließlich ein. 1943 wurde ihm untersagt, an den französischen Meisterschaften teilzunehmen, auch ein Solidaritätsboykott von 26 Mitschwimmern half nicht. Die gleichgeschaltete französische Presse denunzierte ihn zunehmend und sprach davon, »dass der Jude französische Gewässer verschmutzt«. Am 20. Dezember 1943 wurde Nakache dann mitsamt seiner Tochter Annie und seiner Frau Paule verhaftet und im Januar 1944 nach Auschwitz deportiert.

krieg Wie Nakache erst nach dem Krieg erfuhr, wurden Paule und Annie noch am Tag ihrer Ankunft ermordet. Nakache hingegen überlebte Auschwitz, zum Teil dank der Hoffnung, seine Familie wiederzusehen, zum Teil dank seiner außergewöhnlichen physischen Konstitution.

Im Lager muss Nakache für die Nazis, die ihn noch als Champion von 1936 kennen, durch Kloakenwasser schwimmen und wie ein Hund Stöckchen holen. Es soll eine Art Revanche für die Schmach von Berlin sein. Nach der Räumung von Auschwitz ist Nakache einer der wenigen Gefangenen, die den Todesmarsch nach Buchenwald überleben.

Als Nakache 1945 aus Buchenwald befreit wird, wiegt der einstige Modellathlet gerade einmal 40 Kilo. Dennoch nimmt er unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Toulouse wieder das Schwimmtraining auf und tritt eine neue Stelle als Sportlehrer an.

Im KZ musste Nakache durch Kloakenwasser schwimmen und wie ein Hund Stöckchen holen.

Man kann nur spekulieren, was ihn in dieser Zeit angetrieben hat. Darüber gesprochen hat er, wie sein Bruder in dem französischen Dokumentarfilm Le Nageur d’Auschwitz von 2001 berichtet, nur selten. So, wie er überhaupt nur ungern über Auschwitz sprach. Nakache wollte nach vorne schauen, er wollte leben. Und vielleicht war der Schmerz auch einfach nur zu groß, als dass er ihn hätte zulassen können.

WELTREKORD Man kann jedoch mit Sicherheit davon ausgehen, dass das Schwimmen Nakache dabei half, den Verlust seiner Familie und das Trauma von Auschwitz zu bewältigen. Das Wasser erlaubte es Nakache in jeder Hinsicht, wieder Mensch zu werden. Nur ein Jahr nach der Befreiung aus Buchenwald schwamm Alfred Nakache mit der französischen Nationalstaffel einen Weltrekord. Bei den Olympischen Spielen von 1948 trat er für Frankreich sowohl im Schwimmen als auch im Wasserball an. Das Team kam auf den sechsten Platz, Nakache wurde Zwölfter über 200 Meter Brust.

Mitte der 50er-Jahre zog sich Nakache dann endgültig vom Wettkampfschwimmen zurück. Das Wasser blieb jedoch bis zu seinem Lebensende seine Leidenschaft und seine Zuflucht. In Marseille, wo er sich schließlich mit seiner neuen Frau niederließ, schwamm er jeden Morgen eine Stunde lang im Meer. Bis zu jenem tragischen Tag im Jahr 1983, an dem er während des Schwimmens einen Herzinfarkt erlitt und ertrank.

Am Ende des Dokumentarfilms über Nakache ist ein Privatstreifen aus den 70er-Jahren zu sehen, in dem Nakache mit Kindern am Strand der französischen Tropeninsel La Reunion spielt. Die französische Regierung hatte ihn für ein Jahr lang dorthin delegiert, um zu unterrichten. Der Clip strahlt das perfekte Glück aus – Nakache ist am und im Wasser auf einem paradiesischen Eiland und bringt Kindern den Sport bei, den er liebt. Es ist das extreme Gegenteil von Auschwitz und ein Moment, den man dem großen Sportler beim Zusehen so sehr gönnt, wie niemandem sonst auf der Welt.

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026

Nachruf

Israels verkanntes Musikgenie

Unser Autor hörte Matti Caspi schon als Kind bei einem Konzert im Kibbuz. Eine persönliche Erinnerung an den Sänger und Komponisten, der mit 76 Jahren an Krebs gestorben ist

von Assaf Levitin  11.02.2026