Glosse

Der Rest der Welt

Foto: picture alliance / dpa

Also, meine iCloud-Foto-Mediathek ist – sagen wir mal – nicht gerade klein. Seit weit über einer Dekade halte ich jeden wichtigen (mit mindestens zehn Fotos) und jeden unwichtigen (mit mindestens neun Fotos) Moment in meinem Leben fest, und seitdem ich mir vor sieben Jahren einmal vorgenommen habe, meine Bilder immer schön zu sortieren und auch zu benennen, liegen alle digitalen Fotos einfach so quer durcheinander, nur nach Jahren geordnet, weil das automatisch passiert.

Manchmal frage ich mich, wie ein Zimmer aussehen würde, wenn ich alle Fotos ausdrucken ließe und sie einfach so darin herumlägen. So liegen sie halt digital herum und setzen keinen Staub an.

An den Streifen blauer Farbe kann ich erkennen, wann ich mal im Urlaub war

Ich kann, wenn ich die Bilder alle ganz klein mache, an den Streifen blauer Farbe erkennen, wann ich mal im Urlaub war, an Dunkelblau bis Dunkelrot, wann ich mal nachts aus war, an Grün, wann ich mal im Grünen war, und an vielen kleinen Gesichtern, wann ich meine Menschen digital festgehalten habe. Ach so, da wären natürlich noch die diversen Koch- und Sportbilder, die beweisen, wie toll ich backe und wie sportlich ich bin (für die Dauer des Fotos zumindest).

So viel Kleinkram, denke ich manchmal. Wenn das Joseph Nicéphore Niépce wüsste. Kennense nich’? Keine Sorge, kannte ich auch nicht. Vielleicht aber sagt Ihnen der Name Louis Daguerre etwas. Na? Klackert’s? Klaro: der Erfinder der Fotografie. Was wohl Joseph Nicéphore Niépce erst dazu sagen würde? Denn eigentlich ging die erste Fotoaufnahme, eine Heliografie, also mit der Sonne gezeichnet, auf ihn zurück, nicht auf seinen Freund Louis, der das Ganze nur ein bisschen weiterentwickelte. Ein bisschen ist vielleicht ein bisschen untertrieben. Aber nun gut. Niépce starb leider, und so ging der Ruhm halt an Monsieur Daguerre.

Die Belichtung des 1826 entstandenen Bildes soll acht Stunden gedauert haben und bildet einen Blick aus dem Fenster ab.

Das erste Foto ist aber das von Niépce, und das ist übrigens heute noch erhalten. Die Belichtung des 1826 entstandenen Bildes soll acht Stunden gedauert haben und bildet einen Blick aus dem Fenster ab. Zugegeben: Es sieht so aus wie die Schwarz-Weiß-Fotos Anfang der 80er-Jahre, die abends ohne Blitz von dem neuen Rekorder gemacht wurden, oder die Fotos, die ich mit diesem schmalen Plastikgerät Anfang der 90er auf einer Klassenfahrt gemacht habe (nur echt mit den Fingern drauf): dunkel, verwaschen, irgendetwas ist irgendwo zu erkennen.

Schnelle Selfies, Katzen in allen Lebenslagen, Quicheformen mit Quiches, Partybilder, Wolkenbilder

Und was machen wir ungelernte Hobby­knipser? Wir ehren diese hohe, sich in den vergangenen zwei Zentennien entwickelte Kunst mit schnellen Selfies, Katzen in allen Lebenslagen, Quicheformen mit Quiches, Partybildern, Wolkenbildern und sonstigen wichtigen Dingen. Wobei es ja auch die Menschen gibt, die wirklich fotografieren, die ihr Leben riskieren, die einen Blick für den Moment haben, die in historischen Momenten draufgehalten haben und einfach wissen, wie es geht.

Was würde wohl Niépce zu all dem sagen? Ob seine Fotos sortiert wären? Ob er nicht auch mal einen Kuchen aufgenommen hätte, nur, weil er es kann? Ich meine, cʼmon: ʼNe Aussicht aus einem Fenster ist ja jetzt auch sehr – willkürlich. Vielleicht würde er ja verstehen, wenn man Katzen fotografiert, wenn man seine Reisen festhält oder Gläser ablichtet. Wenn man Bands fotografiert, obwohl man weiß, dass die Bilder verwackelt sind.

Vielleicht setze ich mich demnächst mal wirklich an meine Fotos und sortiere sie. Wie lange kann das schon dauern – 200 Jahre vielleicht?

»Imanuels Interpreten« (24)

Harry Connick Jr.: Das Wunderkind

Mit drei Jahren spielt er Klavier, mit fünf tritt er öffentlich auf, mit neun interpretiert er Beethoven als Solist mit Orchester

von Imanuel Marcus  26.07.2026

Los Angeles

Kate Hudson bekommt »Walk of Fame«-Stern

Die jüdische Schauspielerin ist einer von 33 Stars, die eine Ehrung auf dem Hollywood Boulevard erhalten sollen

 24.07.2026

London

Gal Gadot spielt Hauptrolle in rasantem Thriller »The Runner«

Gadot spielt die erfolgreiche Wirtschaftsanwältin Maia Marten, deren Leben aus den Fugen gerät, als ihr Sohn entführt wird

 23.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  23.07.2026

Interview

»Es geht um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land«

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) über ein neues Kompetenznetzwerk zu jüdischer Gegenwartsforschung, eine Förderrichtlinie und den Einsatz gegen Israel-Boykott

von Leon Stork, Ayala Goldmann  23.07.2026

Chicago

Heavy-Metal-Auftritt: William Shatner geht mit 95 auf die Bühne

Mit seiner Gruppe The *uckers hat der jüdische Schauspieler und Musiker auch sein erstes Album aufgenommen. Der Titel: »What the F Is Heavy Metal«

 23.07.2026

Kulturkolumne

Kampf um eine schwarze Puppe

Erinnerungen an einen gar nicht idyllischen Sommerurlaub in Österreich in den 60er-Jahren

von Maria Ossowski  23.07.2026

Literatur

Zoff im PEN-Club

Wie erwünscht sind jüdische Schriftsteller heute noch in den USA?

von Hannes Stein  23.07.2026

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026