Yossi Farro steht auf einem Hubschrauberlandeplatz über den Dächern von Los Angeles. Vor ihm der berühmte Hollywood-Schriftzug, hinter ihm die Skyline der Millionenmetropole. Doch der 22-Jährige ist nicht wegen der Aussicht hier. Er richtet die Kamera seines Smartphones aus, begrüßt zwei junge jüdische Unternehmer und stellt ihnen eine Frage: »Was ist eure Botschaft an die Welt?«
Wenige Minuten später ist das Video bereits auf Instagram. Einer der Männer sagt: »Seid stolz.« Der andere ergänzt: »Gebt euer Bestes.« Farro nickt zufrieden in die Kamera. Die Szene wirkt wie ein typischer Social-Media-Clip – und ist doch Teil einer ungewöhnlichen Mission.
Der in New York aufgewachsene Chabad-Chassid hat es sich zur Aufgabe gemacht, möglichst viele jüdische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zum Anlegen von Tefillin zu bewegen. Auf seinem Instagram-Kanal dokumentiert er Begegnungen mit Unternehmern, Investoren, Schauspielern und Internetstars. »Begleite mich dabei, wie ich die mächtigsten Juden der Welt Tefillin anlegen lasse«, lautet sein Motto.
Farro stammt aus der Chabad-Lubawitsch-Bewegung, deren Anhänger seit Jahrzehnten weltweit Juden ansprechen und sie zu einer Mizwa ermutigen. Für Männer bedeutet das häufig das Anlegen von Tefillin – jener schwarzen Lederkapseln mit Toratexten, die orthodoxe Juden traditionell jeden Werktag beim Morgengebet tragen. Was früher auf Straßenecken in Manhattan oder Tel Aviv geschah, verlagert Farro in die Welt der sozialen Medien.
Der junge Chassid verbindet die klassische Chabad-Idee der jüdischen Ansprache mit den Mechanismen moderner Influencer-Kultur.
Der junge Chassid verbindet die klassische Chabad-Idee der jüdischen Ansprache mit den Mechanismen moderner Influencer-Kultur. Seine Videos zeigen kurze Begegnungen, Selfies und spontane Gespräche mit prominenten Juden aus Wirtschaft, Politik und Unterhaltung. Zuletzt war Farro in Beverly Hills unterwegs. Dort traf er unter anderem den Musikmanager Scooter Braun, der einst Justin Bieber entdeckte und heute zu den einflussreichsten Akteuren der Unterhaltungsbranche zählt. Auch mit Unternehmern, Investoren und Politikern sucht Farro gezielt das Gespräch. Zu den bekanntesten Namen auf seiner Liste gehört auch Jared Kushner, Schwiegersohn von Donald Trump.
Begonnen hat alles vor wenigen Jahren. In Los Angeles sprach Farro zufällig den Rapper Lil Dicky an und bat ihn, Tefillin anzulegen. Kurz darauf folgten Begegnungen mit den Schauspielern James Franco und Jeremy Piven.
Größere Aufmerksamkeit erhielt er jedoch erst nach dem 7. Oktober 2023. Monatelang versuchte er, Kontakt zu dem Hedgefonds-Manager Bill Ackman aufzunehmen. Schließlich sagte dieser zu. Bilder ihres Treffens am Jahrestag des Hamas-Massakers wurden millionenfach aufgerufen.
Dass Farro weder Rabbiner noch Unternehmer ist und derzeit keiner festen Beschäftigung nachgeht, scheint ihn nicht zu stören. Seine Arbeit versteht er als religiöse Mission. Beharrlichkeit, Selbstvertrauen und die Bereitschaft, auf fremde Menschen zuzugehen, gehören dabei zu seinen wichtigsten Werkzeugen.
Oder, wie Farro selbst sagt: »Ich möchte mehr Göttlichkeit in die Welt tragen, Licht verbreiten und den Glauben stärken.« In seinem Fall geschieht das mit Tefillin, einem Smartphone – und einer bemerkenswerten Portion Chuzpe.