Glosse

Der Rest der Welt

Foto: picture alliance / abaca

Humor hat man, wenn man auch über sich selbst lachen kann. Es ist sogar absolut empfehlenswert, über seine eigenen Ernstigkeiten oder Eigenheiten zu lachen. Ansonsten wird man schrullig. Was mich zu Emmanuel »Manu« Macron bringt. Der hat kürzlich in Davos die Welt mit einer – wenig stylishen zwar, aber teuren – Sonnenbrille, sagen wir, überrascht. Und noch mehr mit einem Adverb, das sich in die Algorithmen vieler Instagram-Feeds gefressen hat: Neben Katzen, die Pasta machen, Venn-Diagrammen, die eine Schnittmenge aus Rock ʼnʼ Roll, Gemüse und Büroalltag bilden, und semiwissenschaftlichen Erörterungen zu britischen Dialekten gab es eine Unmenge an »For sure«, und zwar so ausgesprochen, wie es wahrscheinlich nur Macron kann.

Nie würde ich es wagen, mich über Ausspracheseltsamkeiten lustig zu machen. Schon gar nicht über französische Wörter. Ich erinnere mich, als ich in Biarritz einmal selbstbewusst »Kängs Tämbres« bestellte und mich der Verkäufer auf Englisch (sic! Wir waren immerhin im tiefsten Südwesten Frankreichs) fragte: »How many stamps?« Aber, c’mon, das »fo schü« von Macron – auch noch in Kombination mit dieser Sonnenbrille, die der Präsident wegen einer geplatzten Ader im Auge trug – war schon besonders.

Jedenfalls ist mein Instagram-Feed seit mehreren Wochen voller KI-animierter Macron-Remixes oder lustiger Fragen, auf die Macron dann mit »For sure« antwortet. Zuerst zu den animierten Dingen: Mein Favorit ist das etwas Euro-Disco inspirierte Video, in dem der sonnenbebrillte Macron tanzt und eine Frauenstimme »Sometimes it’s too slow – for sure. And needs to be reformed – for sure« flüstert.

Génial! Auch ganz cool: diese eine Techno-Version und die andere Techno-Version. Ich frage mich suchend: Gibt es noch keine Metal-Version? Keine Reggae-Version? Wo bleiben die A-cappella-Interpreten? Schön sind auch die Sätze, zu denen Macrons Reaktion gesetzt wird: »Wenn dich jemand fragt, wie dein Work-out ist«, lautet die Antwort »Sometimes it’s too slow. For sure«. Oder: »Der Sommelier fragt dich, ob du noch eine Flasche bestellen möchtest« – »For sure«.

Und jetzt also das hier: Auf dem offiziellen Emmanuel-Macron-Instagram-Account wurde kürzlich ein Reel gepostet, in dem er auf der Pariser Weinmesse »Wine Paris« zu sehen ist und eine Flasche Rosé überreicht bekommt. Aber nicht irgend­eine, sondern die von Château Saint-Louis La Perdrix in Bellegarde.

Es ist ein Rosé, das Etikett ist weiß, mit einem roten Schlips und blauer Sonnenbrille. Der Name des Tröpfchens? »For sure«. Herrlich. Der Winzer, der Macron die Flasche überreichte, ist übrigens Vianney Castan. Seine Frau Emilie und er gründeten ihr Weingut im Jahr 2007. Wer auch immer von den beiden diese Idee hatte, sollte mindestens in die Académie française aufgenommen werden. Dort gibt es doch sicher auch noch Platz für Leute mit Humor? Und was machte Macron, nachdem er die Flasche gesehen hatte? Er grinste, prustete ein wenig und sagte: »Ah, c’est sympa.« Danach lachte er etwas weniger verkniffen und machte Fotos mit dem Winzer. Es war schon sehr drollig. »Wenn man an Wein denkt«, sagte der Präsident in einem anderen Video, »dann denkt man an Frankreich.« Da möchte ich ihm wirklich recht geben. Mir würden zwar noch andere Dinge einfallen, gerade wenn ich ans politische Frankreich denke, aber die wären wahrscheinlich nur mit einer Flasche Wein zu ertragen

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